TK: Medienberichten zufolge hat Corona und die damit veränderte Lebenssituation psychische Erkrankungen begünstigt. Rufen bei Ihnen jetzt auch mehr Angehörige psychisch erkrankter Menschen an und holen sich Rat?  

Alexandra Chounyo: Wir führen seit der Corona-Pandemie nicht unbedingt mehr Gespräche, aber das Thema spielt eine immer größere Rolle. Erst kürzlich berichtete die Schwester einer psychisch erkrankten Frau, dass die Wahnvorstellungen zugenommen hätten und ihre Schwester die Regelungen rund um den Lockdown nur schwer verarbeiten könne. Die meisten Corona-bedingten Fragen und Herausforderungen von Angehörigen betreffen natürlich die Behandlung von psychischen Erkrankungen. Was Angehörige jetzt besonders stresst, sind Besuchs- oder Kontaktverbote in Kliniken, geschlossene Tagesstätten und insgesamt eingeschränkte Therapiemöglichkeiten. 

Alex­andra Chuonyo

Alexandra Chounyo, Leiterin der Geschäftsstelle des Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e. V.  Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Leiterin der Geschäftsstelle des Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e. V. 

TK: Welche anderen Diagnosen begegnen Ihnen derzeit häufiger in der Beratung?

Chounyo: Depressionen. Bei Depressionen ist das größte Problem die Vereinsamung. Angehörige sind nun noch viel mehr gefordert, weil sie die einzigen sind, die als Kontaktpersonen geblieben sind. Beispielsweise hat die psychisch erkrankte Tochter den Job verloren, sitzt jetzt nur noch allein daheim, kann keine Freunde mehr treffen. Eltern und Geschwister fragen sich, wie gehen wir damit um, was können und müssen wir jetzt machen, um zu helfen.

Die Pandemie fördert insbesondere bei Menschen, die nicht so stabil sind, die Symptomatik psychischer Erkrankungen.
Alexandra Chounyo

Die Pandemie und ihre Folgen fördern insbesondere bei Menschen, die nicht so stabil sind, die Symptomatik psychischer Erkrankungen. Sicher ist die Situation für alle Menschen schwierig, aber jemand der sehr isoliert lebt und auf lose Kontakte angewiesen ist, der beispielsweise shoppen oder ins Café geht, um einfach unter Menschen und damit weniger einsam zu sein, für den haben Corona und die Maßnahmen noch mehr Gewicht. Man müsste jetzt natürlich schauen, ob Mediziner das bestätigen, wir betreuen ja nur eine bestimmte Anzahl an betroffenen Angehörigen.

TK: Wie viele Menschen berät Ihr Selbsthilfeverband im Schnitt?

Chounyo: Wir hatten letztes Jahr rund 250 Erstkontakte. Einige davon begleiteten wir über einen längeren Zeitraum. Pro Tag führen wir im Schnitt zwei bis drei Gespräche in der Geschäftsstelle. Viele Angehörige wenden sich aber direkt an die regionalen Vertreter unseres Verbandes. 
  
TK: Welchen Risiken sind Angehörige psychisch erkrankter Menschen ausgesetzt?

Chounyo: Angehörige haben eine viel höhere Wahrscheinlichkeit an einer Depression zu erkranken oder einen Burnout zu erleiden. Wir haben viele Angehörige, die deshalb selbst in Psychotherapie sind. Angehörige tendieren dazu, sich sehr viele Sorgen zu machen, leiden unter einer gewissen Hilflosigkeit und stellen sich immer wieder die Frage, wie sehr sie sich für ihre Angehörigen aufopfern sollen oder gar müssen und vergessen dabei ihre eigene Gesundheit. Dieser Dauerstress schadet nicht nur dem Immunsystem. Angehörige psychisch erkrankter Menschen sind aufgrund von Dauerbelastungen oft bereits gesundheitlich eingeschränkt.

TK: Was raten Sie?

Chounyo: Der Angehörige muss seine Rolle finden und erkennen, dass seine Möglichkeiten als Angehöriger begrenzt sind. Wir sagen immer: Sie sind liebender Begleiter, nicht Therapeut, Sie sind nicht Sozialpädagoge, Sie sind nicht Arzt, und wenn ja, wären Sie es nicht für ihren Angehörigen. Wir haben viele Leiter und Leiterinnen von Selbsthilfegruppen, die selbst diesen Weg gegangen sind und genau wissen, wo der Betroffene gerade steht und welche Unterstützung er benötigt. Deshalb können unsere Berater und Beraterinnen mit ihren Geschichten Mut machen und erläutern, wie man es als Familie gut hinbekommt, einen Angehörigen mit einer psychischen Erkrankung zu begleiten. 

Wir haben recht schnell die digitale Beratung aufgebaut.
Alexandra Chounyo

TK: Wie hat Corona Ihre Arbeit verändert?

Chounyo: Wir haben recht schnell die digitalen Möglichkeiten der Beratung aufgebaut. Für Zeiten, in denen alle Menschen viel zuhause sind und auf Informationen aus dem Internet angewiesen sind, bietet unsere neue Homepage, die mit finanzieller Unterstützung der TK entstanden ist, jetzt eine umfassende Informationsquelle.

Angehörige sind oft sehr verunsichert und wissen nicht, was sie sagen oder wie sie sich verhalten sollen. Auf unserer Webseite finden sie konkrete Tipps für den Umgang mit einem psychisch erkrankten Menschen. Es gibt außerdem Ratgeber zum Downloaden und zahlreiche Links auf weitere Informationsquellen und Hilfsangebote. Eine Homepage kann keine Gruppe ersetzen, aber sie kann das Gefühl vermitteln: Da ist jemand, der kennt sich aus, der weiß, was es heißt, Angehöriger zu sein. Hier finde ich gezielt Antworten auf viele Fragen, die ich mir in meiner Hilflosigkeit stelle.

TK: Bieten Sie auch virtuelle Treffen und Online-Seminare an?

Chounyo: Ja, wir sind endlich auch in diese Angebote eingestiegen. Das wollten wir schon lange, Corona hat das Vorhaben beschleunigt. Wir haben die Verantwortlichen für die Selbsthilfegruppen und die Gruppenteilnehmer und Gruppenteilnehmerinnen motiviert und unterstützt, sich auf den virtuellen Austausch einzulassen. Und diejenigen, die sich herangewagt haben, berichten sehr Positives darüber.

Auch die Online-Seminare zu Themen wie Selbstfürsorge kommen sehr gut an. Da sich ja nun abzeichnet, dass noch für einige Monate Alternativen gefunden werden müssen, wird dies weiterhin ein Schwerpunkt unserer Arbeit bleiben. Wenn wir dürfen, werden wir natürlich auch wieder Präsenzveranstaltungen anbieten. Gerade in unserem Bereich ist der persönliche Kontakt sehr wichtig.

Aber das Online-Angebot wird bestehen bleiben, da bin ich mir sicher. Für viele Angehörige war es auch vor Corona nicht leicht, abends zu den Treffen zu fahren. Bayern ist schließlich ein großes Bundesland. Mit den neuen Angeboten erreichen wir jetzt auch Angehörige, die wir sonst nicht erreicht hätten.

TK: Wird die Corona-Krise auch Positives mit sich bringen?

Chounyo: Hat sie bereits, denn das Thema psychische Gesundheit ist in den Fokus gerückt. Die Medien warnen zum Beispiel, dass Überlastung und Vereinsamung im Corona-Alltag Risikofaktoren für psychische Erkrankungen sind. Und sie geben Tipps, wie man seine Resilienz stärken und wie man gut durch den Tag kommen kann.

Wir hoffen, dass man sich in Zukunft nicht mehr so verstecken muss, wenn man einen Angehörigen mit einer psychischen Erkrankung hat oder selbst betroffen ist. Außerdem hat Corona jedem gezeigt, wie es ist, wenn man ein normales Leben führt und plötzlich alles anders ist. Und wie anstrengend und frustrierend es sein kann, wenn man schon alles tut, damit es besser wird und man dennoch nur langsam zum Ziel kommt. Diese Geduld brauchen auch psychisch erkrankte Menschen und ihre Angehörigen.

Ich sehe hier viele Parallelen. Wir müssen mit Corona leben lernen, genauso wie Betroffene mit ihrer Erkrankung leben lernen müssen. Wir erfreuen uns an Kleinigkeiten, weil der große Wurf nicht geht - so ist es oft auch im Leben von Angehörigen. Plötzlich lernen wir alle das kennen.

Vielleicht gewinnen wir jetzt gesellschaftlich mehr Verständnis für psychische Erkrankungen. Und hoffentlich gelingt uns jetzt die längst notwendige Gleichstellung mit somatischen Erkrankungen. Wenn Corona dazu etwas beiträgt, dann: Danke an Corona!

Kontakt zum Landesverband Bayern der Angehörigen psychisch Kranker e. V.:

Pappenheimstraße 7
80335 München
Telefon: 089 - 51 08 63-25
Fax: 089 - 51 08 63-28

E-Mail: info@lapk-bayern.de

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