TK: Was steckt hinter der Idee von "Studio Selbsthilfe"? Was ist "Studio Selbsthilfe"?

Johannes Schweizer: "Studio Selbsthilfe" ist der Name unseres YouTube-Kanals, der im August diesen Jahres gelauncht worden ist. Verantwortlich für die inhaltliche und technische Umsetzung sind wir, die LAG Selbsthilfe RLP, der rheinland-pfälzische Dachverband für Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und deren Angehörigen.

Johannes Schweizer

Portrait von Johannes Schweizer, dem Geschäfsführer der LAG Selbsthilfe Rheinland-Pfalz Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Geschäftsführer der LAG Selbsthilfe Rheinland-Pfalz

Hintergrund ist der, dass die Selbsthilfe aktuell u.a. mit zwei zentralen Herausforderungen konfrontiert ist: Zum einen müssen Selbsthilfeverbände und -gruppen sich genauso wie andere gesellschaftliche Akteure mit dem Thema Digitalisierung beschäftigen und entspreche Angebote entwickeln, um mit der Zeit zu gehen, frühzeitig mitzulernen und deren Chancen zu nutzen. Zum Anderen gilt es junge Menschen anzusprechen, für die Selbsthilfearbeit zu gewinnen und so einen guten Generationenwechsel zu ermöglichen. 

Gerade bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist YouTube eine extrem stark genutzte Social Media-Plattform, die nicht nur zur Unterhaltung genutzt wird, sondern auch zum Zweck des Informationsgewinns. Tutorials, Kurzdokumentationen und Interviews vermitteln ansprechend, fundiert und kurzweilig Inhalte, bei denen die Themen Authentizität und faktische Richtigkeit in Zeiten von "fake News" einen großen Stellenwert haben.

Durch die Kommentarfunktion können Zuschauer bzw. Hörer nicht nur ihre Meinungen äußern, ihre Anregungen werden häufig auch von YouTube-Kanal-Betreibern aufgegriffen und es entsteht ein gewisser Austausch. Daher war unsere Überlegung, mit einem modern gestalteten Kanal direkt aber auch indirekt das Thema Selbsthilfe anzusprechen, den Begriff Selbsthilfe neu zu besetzen und durch verschiedene Formate eine große Themenvielfalt zu behandeln. Der Kanal ist über folgenden Link erreichbar: "Studio Selbsthilfe"

TK: Wie zufrieden sind Sie mit der bisherigen Resonanz und was ist an weiteren Themen und Interviews geplant?

Schweizer: Der Launch unseres Kanals mit zwei Videos war durchaus erfolgreich, angesichts der Zahl der direkten Abonnenten und der Videoaufrufe. Neben einem Vorstellungsvideo haben wir ein Kurzvideo "Was ist gesundheitsbezogene Selbsthilfe?" von dem Internet- und Medienmediziner Dr. Johannes Wimmer veröffentlicht, in dem sehr prägnant der Sinn und Zweck der Selbsthilfe erklärt wurde. An dieser Stelle möchten wir uns noch einmal ganz herzlich bei Dr. Wimmer und seinem Team bedanken! Sein Video hat sehr viel positives Feedback von Seiten der Verbände erhalten, weil es kurz und sehr zutreffend alles auf den Punkt gebracht hat. Die in Zahlen gemessene Zustimmung ist aktuell nicht stetig gewachsen, was sicherlich eine Entwicklung ist, die auch bei anderen gesellschaftlichen Akteuren zu beobachten ist. Hier müssen wir weiterhin unsere Öffentlichkeitsarbeit verstärken.

Nachdem wir dieses Jahr grundsätzlicher das Thema Selbsthilfe behandelt haben, möchten wir in 2021 verschiedene Themenbereiche wie Selbsthilfe und Migration, Vorurteile gegen Menschen mit Behinderungen, vergangene und gegenwärtige Herausforderungen von Selbsthilfeakteuren, aktuelle Gesundheitsthemen und Krankheitsbilder durch jeweils geeignete Formate und Kurzserien angehen.

TK: Wie sehen Sie den Nutzen von digitalen Angeboten im Bereich der Selbsthilfe?

Schweizer: Das Potenzial von digitalen Angeboten für die Selbsthilfe ist, denke ich, groß. Wichtig ist allerdings, keine schnellen Entscheidungen zu fällen, sondern sich systematisch und in Ruhe mit der großen Palette unterschiedlicher digitaler Angebote auseinanderzusetzen und zu überlegen, welches Angebot zur Zielgruppe passt und auch von den Hauptamtlichen, aber auch vor allem den Ehrenamtlichen, regelmäßig und langfristig umgesetzt werden kann. Um jüngere Menschen anzusprechen, eignet sich ein Mix verschiedener Social Media-Kanäle. Diese müssen allerdings sehr regelmäßig betreut werden, um wahrgenommen zu werden. Trends müssen verfolgt werden. Das frisst viel Zeit. Auf der anderen Seite vergrößert sich die räumliche Reichweite enorm.

Selbsthilfegruppentreffen in Form von Videokonferenzen bieten die Möglichkeit, auch jene Menschen zu erreichen, die weiter entfernt leben oder weniger mobil sind. Vor allem wenn sich die Teilnehmenden bereits persönlich kennen, das Know-how erst einmal da ist und die Videoplattformen Datenschutz gewährleisten können, wird dies sicher immer mehr Verbreitung finden – vor allem wenn es um Menschen mit seltenen chronischen Erkrankungen geht, die Deutschland weit verteilt leben. Wir bedanken uns bei der TK ganz herzlich, dass sie uns auf diesem spannenden Weg unterstützt und unser Projekt möglich macht!

Zur Person 

Johannes Schweizer studierte an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz Politikwissenschaften und Soziologie und ist seit September 2017 Geschäftsführer der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Behinderter Rheinland-Pfalz e.V. (LAG Selbsthilfe RLP). Davor war er sechs Jahre als Berater und Bereichsleiter im Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen Mainz (ZsL Mainz) e.V. tätig. In dieser Zeit absolvierte er relevante Fortbildungen unter anderem zum Peer Counselor ISL, Case Manager dgcc und Berater zum Persönliches Budget.

Seit seinem Wechsel zur LAG Selbsthilfe RLP ist Johannes Schweizer ebenfalls als Vorstand des ZsL Mainz tätig und verbindet somit den Bereich der Interessensvertretung der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung (Selbstvertretung von Menschen mit Behinderungen) mit der gesundheitsbezogen Selbsthilfe der LAG Selbsthilfe RLP und setzt sich so auf Landesebene für die Interessen von Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und deren Angehörigen in allen Belangen ein.