TK: Es gibt in Deutschland fast 400.000 Ärzte, 65.000 mehr als noch vor zehn Jahren. Haben wir wirklich einen Ärztemangel?

Prof. Ferdinand Gerlach: Gefühlt haben wir mancherorts einen Ärztemangel, objektiv und insgesamt aber nicht. Wir haben deutschlandweit sehr viele Ärzte, aber die meisten davon sind - ganz lapidar gesagt - dort, wo wir sie am wenigsten benötigen. Das System krankt aufgrund von Fehlverteilungen: Es gibt zu viele Ärzte in der Stadt und zu wenige auf dem Land, und es gibt zu viele Spezialisten und zu wenige Generalisten. Nur gut jeder zehnte Medizinstudierende wird heute Allgemeinmediziner. Die Absolventenzahl steigt zwar, aber es sind noch zu wenige. Mit einem Anteil von 90 Prozent Spezialisten ist eine qualitativ hochwertige, flächendeckende Grundversorgung weder leistbar noch auf Dauer finanzierbar.

Prof. Ferdi­nand Gerlach

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Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt und Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen 

TK: Tatsache ist doch aber, dass rund mehr als die Hälfte der niedergelassenen Ärzte heute schon fast 55 Jahre alt sind und in einigen Jahren in Ruhestand gehen werden.

Prof. Gerlach: Es ist richtig, dass wir aufgrund der Altersstrukturen und auch der veränderten Lebensumstände mehr Nachrücker brauchen werden. Ich mache mir da aber nicht so große Sorgen, denn wir haben derzeit jedes Jahr einen Nettozuwachs von 6.500 berufstätigen Ärzten und liegen mit 4,1 Ärzten je 1.000 Einwohner im internationalen Ranking sehr weit oben. Die Probleme liegen woanders: So haben wir in Deutschland etwa je 1.000 Krankenhaus-Belegungstage nur 0,9 Ärzte, in Dänemark aber zum Beispiel 3,3. Warum? Weil wir zu viele Kliniken und zu viele Belegungstage haben. Grund hierfür ist eine Überversorgung im stationären Bereich, die getriggert wird durch starke Mengenanreize und Fehlentwicklungen im Abrechnungssystem.

Ähnliches sehen wir im ambulanten Bereich. Mit rund 20 Arzt-Patienten-Kontakten je Einwohner liegen wir weit vor allen anderen europäischen Ländern. Hier sind es einseitige Honorierungsanreize und auch längst überholte Abrechnungsmodalitäten wie die quartalsweise Abrechnung, aber auch eine gewisse Flatrate-Mentalität bei den Patienten, die zu häufigen Arztbesuchen führen. 

TK: Wie können wir dem entgegenwirken?

Prof. Gerlach: Die Fehlverteilungen haben verschiedene Ursachen, es braucht also ein Bündel abgestimmter Maßnahmen. Erstens müssen Mangelfächer wir die Allgemeinmedizin, die Pädiatrie oder die Kinder- und Jugendpsychiatrie durch Aus- und Weiterbildung, aber auch Wertschätzung und Honorierung gestärkt werden. Zweitens müssen wir die Steuerungsdefizite beseitigen. Derzeit können Patienten selbst die Versorgungsebene wählen und zum Beispiel mit unspezifischen Brustschmerzen direkt zum Kardiologen gehen. Die zwangsläufig resultierende Überdiagnostik und Übertherapie schadet Patienten und verschwendet Geld. Sinnvoll wäre es, Hausärzte als Koordinatoren zur bedarfsgerechten Steuerung der Patientenströme einzusetzen. Oder aber Patienten durch Tarifdifferenzierung, ggf. auch einem Eigenanteil, bei einer Direkt-Inanspruchnahme von Gesundheitsleistungen auf einer höheren Versorgungsebene, die nicht bedarfsgerecht sind, an den Mehrkosten zu beteiligen. Die freie Arztwahl zwischen allen Hausärzten und zwischen allen Fachärzten würde dabei voll erhalten bleiben.

TK: Aber wie bekommen wir die regionale Fehlverteilung der Ärzte in den Griff? Die Politik setzt vor allem auf die Landarztquote?

Prof. Gerlach: Ich halte nicht viel von der Landarztquote. Zum einen müssen sich die Studierenden über einen extrem langen Zeitraum festlegen und haben hohe Konventionalstrafen zu erwarten, wenn sie aus irgendwelchen Gründen ihre Lebensplanung ändern müssen. Studienplätze werden damit für Wohlhabende käuflich. Aber was viel wichtiger ist: Es werden völlig falsche Signale gesetzt. Diejenigen, die es aufgrund ihrer Abiturnote nicht schaffen, einen Studienplatz zu ergattern, müssen eben den vermeintlich unattraktiven Weg über die Landarztpraxis gehen und dort praktizieren, wo sonst niemand hin möchte. Diese Suggestion diskreditiert die Tätigkeit als Landarzt. Wir sollten stattdessen bereits im Studium anfangen, interessierte Studierende für die Arbeit im ländlichen Raum zu begeistern, etwa mit attraktiven, praxisnah gestalteten Schwerpunkt- und Mentoring-Programmen, sogenannten "Landarzttracks“. Auch sollten wir brachliegende Kapazitäten aktivieren, etwa mit Wiedereinstiegsprogrammen für Frauen, die aufgrund der Familienplanung eine Weile nicht gearbeitet haben, oder durch Quereinstiegsprogramme aus anderen Fächern in den hausärztlichen Bereich.

TK: Vielen Dank für das Gespräch!

Zur Person

Prof. Dr. med. Ferdinand M. Gerlach, MPH, ist Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und als Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen einer der sieben "Gesundheitsweisen“.

Neben verschiedensten Funktionen in nationalen und internationalen Gremien sowie Organisationen war er von 2010 bis 2016 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin und Familienmedizin (DEGAM).

Seine langjährigen Arbeitsschwerpunkte sind Qualitätsförderung und evidenzbasierte Medizin in der Praxis, Praxisepidemiologie, Digitalisierung im Gesundheitswesen, Fehlerprävention und Patientensicherheit, Versorgung chronisch Kranker sowie Versorgungsforschung.