TK: Frau Dr. Rommel, seit wann beschäftigt Sie das Coronavirus, und wann wussten Sie, dass es für einige Zeit das bestimmende Thema sein wird?

Dr. Annette Rommel: Um Corona ging es erstmals in unserer Vertreterversammlung am 26. Februar. Damals versprach ich, die Kollegen stets auf dem Laufenden zu halten und den Bereitschaftsdienst für die Infektionsbekämpfung zu konditionieren. Ich brachte die Hoffnung zum Ausdruck, dass das Land Schutzkleidung besorgen würde. Das Gesundheits-ministerium hatte gerade unseren Bedarf abgefragt. Spätestens seitdem wussten wir, dass Corona für lange Zeit das bestimmende Thema werden würde. Gleichzeitig wurden die Kolleginnen in meiner Hausarztpraxis mit Reiserückkehrern konfrontiert: zuerst eine leitende Angestellte, die aus Schanghai zurückgekehrt war, später Skiurlauber, die aus Südtirol wiederkamen, oder ein junges Mädchen, das im Internat in einem Ort wohnte, der komplett unter Quarantäne gestellt worden war.

TK: Die KV Thüringen hat sehr schnell reagiert. Was waren und was sind die wichtigsten Maßnahmen von Ihrer Seite?

Rommel: Nach tagesaktuellen Informationen für unsere Mitglieder ging es vor allem um eine zentrale Organisation, die Sicherheit geben sollte. Dafür bildeten wir einen Corona-Krisenstab. Seine ersten Aufgaben: Strukturen zur Kontrolle des Infektions-geschehens schaffen, Infektpatienten aus den Praxen heraushalten und einen Schutzwall vor den Krankenhäusern aufbauen. Wir errichteten Abstrichstützpunkte und Infektpraxen: mit unserer Technik, unseren Ärzten und deren Mitarbeitern, oft in Kooperation mit Gesundheitsämtern oder Krankenhäusern. Die größte Herausforderung für den Krisenstab war jedoch das Beschaffen von Schutzkleidung, die es weder am Markt noch, wie erhofft, schnell vom Land oder Bund gab. Der direkte Kontakt zu einer zuverlässigen Firma in China schien zunächst abenteuerlich, erwies sich aber als Erfolg. Bis Ostern konnten wir alle Praxen komplett ausstatten und sind gut für kommende Wellen der Epidemie gerüstet.

Dr. Annette Rommel

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Allgemeinmedizinerin und Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Thüringen

TK: Sie und Ihre Kollegen betonen immer wieder, dass die Reaktion auf die Pandemie eine Gemeinschaftsaufgabe ist. Was heißt das in der Praxis? Können Sie dafür Beispiele nennen?

Alles, was wir geschafft haben, hat funktioniert, weil alle gemeinsam gehandelt haben.
Dr. Annette Rommel

Rommel: Alles, was wir geschafft haben, hat funktioniert, weil Ärzte und medizinische Fachkräfte, KV-Mitarbeiter, Rettungsorganisationen und Gesundheitsbehörden gemeinsam gehandelt haben. Wenn Sie einen Abstrichstützpunkt oder eine Infektsprechstunde schaffen wollen, brauchen Sie dafür einen Raum und jemanden, der dort Dienst tut. Wenn Sie Schutzkleidung verteilen, brauchen Sie Helfer, die sie in die Regionen bringen. Hinzu kommt, dass der zusätzliche Aufwand auch Kosten verursacht - hier war der kurze Draht zu unseren Thüringer Kassen entscheidend. Bei anderen Fragen ging es um schnelle Absprachen mit der Politik. Immer, wenn mehrere Akteure zusammengearbeitet haben, fand sich auch eine Lösung.

TK: Die 116 117 funktioniert in Thüringen schon besonders gut als koordinierende Gesundheitshotline. Welche Rolle kommt ihr in der aktuellen Situation zu?

Rommel: Sie ist Thüringens wichtigste "Corona-Hotline": Über unsere Vermittlungszentrale koordinieren wir die Testtermine, egal ob die Thüringer direkt die 116 117 anrufen oder über die Arztpraxen angemeldet werden. Über die 116 117 beantworten wir Fragen, beruhigen, klären auf. Dabei hat sich gezeigt, wie bekannt die Nummer inzwischen ist: Bis Mitte März kamen hier auch Fragen von der Kinderbetreuung bis zu Reisestornierungen an, und wir mussten klarmachen, dass es für nichtmedizinische Fragen noch andere Hotlines gibt. Inzwischen hat sich alles gut eingespielt - nicht zuletzt dank der Digitalisierung in unserer Vermittlungszentrale. Die hilft beim Einordnen von Symptomen und wird bald auch beim Entgegennehmen der Anrufe helfen. Die Koordinierung des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes läuft dabei übrigens die ganze Zeit parallel mit.

Ich habe gelernt, dass Vernetzung und Digitalisierung zwischen verschiedenen Playern dringend notwendig ist, um schwierige Situationen zu meistern.
Dr. Annette Rommel

TK: Was haben Sie während der Corona-Pandemie gelernt?

Rommel: Ich habe sehr viel über ein neuartiges Virus gelernt. Gleichzeitig hat sich für mich bestätigt, was ich schon wusste und als Ärztin unbewusst auch lebe - nämlich, dass es gut ist, Entscheidungen in der Medizin und der Gesellschaft auf einer fundierten wissenschaftlichen Basis zu treffen. Ich habe gelernt, dass die Kraft des Faktischen ungeahnte Potenziale freisetzt: Die Bildung eines abteilungsübergreifenden Krisenstabes in unserem Haus führte zu einer streng strategisch ausgerichteten und damit sehr erfolgreichen Arbeitsweise, bei der jeder Mitarbeiter seine Stärken einbringen konnte. Projektarbeit in dieser Form hatten wir schon lange geplant - in der Corona-Pandemie wurde sie zum Erfolgsrezept. Ich habe gelernt, dass Vernetzung und Digitalisierung zwischen verschiedenen Playern dringend notwendig ist, um schwierige Situationen zu meistern. Ich habe Video- und Telefonkonferenzen schätzen gelernt, wobei mir der persönliche Kontakt mit meinen Kollegen manchmal trotzdem fehlt. Ich habe wieder erfahren, dass Goethes Spruch "Warum in die Ferne schweifen? Sieh das Gute liegt so nah" für mein Lebensumfeld sehr zutreffend ist. Konzentration auf eine Kernaufgabe, weniger getrieben sein, sich auf das wirklich Wichtige im Leben besinnen - das war für mich sehr lehrreich. Ich sehe und lerne täglich, wie wichtig es ist, die Demokratie zu schützen und Verschwörungstheorien und Fake News nicht das Feld zu überlassen. Dabei sind kontroverse Debatten trotzdem wichtig als Teil der Demokratie.

Ich sehe und lerne täglich, wie wichtig es ist, die Demokratie zu schützen und Fake News nicht das Feld zu überlassen.
Dr. Annette Rommel

TK: Haben Sie bezüglich der Corona-Reaktion offene Wünsche oder Fragen an die Politik, Ihre Kollegen, die Kassen oder die Thüringer allgemein?

Rommel: Ich wünsche mir, dass wir bald einmal gemeinsam prüfen, was wir aus dem Umgang mit der Corona-Pandemie lernen können. Dabei muss es darum gehen, wie wir in ähnlichen Krisen noch gezielter reagieren können, aber auch darum, im "Normalmodus" enger zusammenzuarbeiten. Ich halte eine Digitalisierung des ÖGD und der Pflegeheime sowie eine Vernetzung mit dem ambulanten Gesundheitswesen für unumgänglich. Dazu müssen wir stetig Erfahrungen austauschen und die Grenzen zwischen den Sektoren durchbrechen - bei klar festgelegten Verantwortlichkeiten. Auch das gilt sowohl für Krisen als auch für den Alltag. Mir ist es sehr wichtig, dass Ärzte, Psychotherapeuten und ihre Praxismitarbeiter die Unterstützung erfahren, die sie für die Aufrechterhaltung der flächendeckenden gesundheitlichen Versorgung brauchen. Der Gesetzgeber zeigt das mit dem Rettungsschirm. Diesen Gedanken sollten auch die Kassen konstruktiv aufnehmen und altbekannte Rituale zurückstellen. Vertragspartnerschaft beruht auf Vertrauen und Respekt - beides mahne ich an. Für die Thüringer wünsche ich mir, dass wir bald wieder mit Freunden grillen können und dass unser wunderschönes Land in diesem Sommer auch touristisch boomt - trotz aller schwierigen Gegebenheiten.

Zur Person

Dr. Annette Rommel ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und arbeitet seit 1990 niedergelassen in einer eigenen Praxis in Mechterstädt im Landkreis Gotha. Von 1979 bis 1985 hat sie in Leipzig und Erfurt Medizin studiert, anschließend promoviert. Seit 2012 ist sie Erste Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen. Die KV vertritt im Freistaat rund 4.200 Vertragsärzte und Vertragspsychotherapeuten.