Frankfurt am Main, 2. November 2018. Patienten in Hessen bekommen immer noch zu oft Antibiotika verordnet. Im vergangenen Jahr erhielt knapp jeder vierte Berufstätige (24 Prozent), der erkältungsbedingt krankgeschrieben war, ein Rezept für ein Antibiotikum. Bei akuten Atemwegsinfektionen ist die Einnahme eines Antibiotikums jedoch meist nicht angezeigt. 90 Prozent der Erkältungen und grippalen Infekte werden durch Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. Das teilt die Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen mit und bezieht sich auf Daten aus ihrem Gesundheitsreport 2018.

Insgesamt beobachtet die TK in Hessen einen leichten Rückgang der Antibiotikaverordnungen bei Erkältungskrankheiten. 2014 hat noch jeder dritte Erkältungspatient (32 Prozent) in Hessen ein solches Rezept erhalten. „Der Trend geht in die richtige Richtung. Es bekommen aber immer noch zu viele Patienten bei Virusinfektionen ein Antibiotikum verordnet. Eine solche unbegründete Antibiotika-Einnahme stellt ein hohes Risiko dar“, sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen. 

Prof. Gerlach: So wenig wie möglich, so viel wie nötig

Antibiotika sind, wenn sie gezielt eingesetzt werden, eines der wichtigsten Mittel im Kampf gegen bakterielle Infektionen. Je häufiger sie jedoch genutzt werden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihre Wirkung verlieren. Bakterien können in kürzester Zeit Anpassungsprozesse entwickeln und unempfindlich gegen die Wirkstoffe werden. Großzügiges Verordnungsverhalten und der sorglose Umgang mit Antibiotika haben in den vergangenen Jahren daher weltweit zu schweren Resistenzen geführt. Nur ein verantwortungsvoller Gebrauch kann die Zeitspanne verlängern, in der diese Medikamente wirken. Wenn Ärzte und Patienten umsichtig mit Antibiotika umgehen, helfen sie dabei, Unwirksamkeiten zu vermeiden. „Unser Ziel muss sein, Antibiotika so gezielt wie möglich einzusetzen, das heißt, so wenig wie möglich und nur so viel wie unbedingt nötig“, sagt Professor Ferdinand Gerlach, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Frankfurter Goethe-Universität.

Projekt an hes­si­schen Kran­ken­häu­sern

Die TK in Hessen begrüßt daher die hohe Akzeptanz einer Initiative gegen multiresistente Erreger unter den Krankenhäusern in Hessen, die das Hessische Ministerium für Soziales und Integration (HMSI) gemeinsam mit der Hessischen Krankenhausgesellschaft und den Krankenkassen im Land ins Leben gerufen hat. In dem Qualitätssicherungsprojekt wird u.a. erfasst, wie häufig es zu Krankenhausinfektionen kommt und auf welchem Weg die Keime in die Klinik gelangt sind. Zudem werden Maßnahmen erarbeitet, die Infektionen verhindern sollen. So trägt das Projekt dazu bei, den Antibiotika-Verbrauch zu verringern und Unwirksamkeiten zu reduzieren. Es wird von den Krankenkassen und dem Land Hessen noch bis zum Jahr 2021 gemeinsam getragen und gefördert.

Um Resistenzentwicklungen zu minimieren, unterstützt die TK in Hessen zudem die bundesweite "antibiotic stewardship"-Strategie (abgekürzt ABS) zum rationalen Einsatz von Arzneimitteln, die im Krankenhaus bei Infektionskrankheiten eingesetzt werden. Ziel der ABS-Strategie ist es, Ärzte und Hygieneexperten im Krankenhaus für Antibiotika-Resistenzen zu sensibilisieren und damit die gezielte Auswahl, Dosierung und Anwendung von Antibiotika in der Klinik qualitativ zu verbessern. Damit dies erreicht wird, fördert die TK in Hessen die personelle Aufstockung und Weiterbildung von Hygienefachkräften an hessischen Krankenhäusern mit einem finanziellen Zuschuss.

K-Ge­sund­heits­re­port

Für ihren Gesundheitsreport 2018  hat die TK die Krankschreibungen und Arzneimittelverordnungen der rund fünf Millionen bei der TK versicherten Erwerbspersonen ausgewertet, darunter rund 451.000 aus Hessen. Dazu zählen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Empfänger von Arbeitslosengeld I.