TK: Sachsen-Anhalt hat gewählt. Was erwarten Sie von der neuen Landesregierung in der anstehenden Legislaturperiode und was muss zuerst in Angriff genommen werden?

Dr. Jochen Schmidt: Das flächendeckende Netz von zahnärztlichen Einzel- und Gemeinschaftspraxen in Sachsen-Anhalt - immerhin Garant dafür, dass die zahnmedizinische Versorgung der Bevölkerung auch in der Coronapandemie stets gewährleistet war - könnte schon in wenigen Jahren deutliche Lücken aufweisen. Aufgrund der Altersstruktur der Zahnärzteschaft im Land müssen wir davon ausgehen, dass von den derzeit rund 1.400 niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen etwa die Hälfte in den kommenden zehn Jahren das Rentenalter erreicht und aus der Versorgung ausscheidet. Kritisch zu betrachten ist auch die fortschreitende Vergewerblichung im zahnärztlichen Sektor.

Die Ausbreitung investorengetragener MVZ ist in Sachsen-Anhalt zwar noch nicht in dem Maße wie in anderen Bundesländern gegeben. Dennoch stellen iMVZ mit ihrem Fokus auf Gewinnmaximierung eine erhebliche Gefahr für die Versorgungsqualität und die Sicherstellung der flächendeckenden Versorgung dar.

Wenig förderlich ist zudem, dass die Gestaltungsspielräume der zahnärztlichen Selbstverwaltung zugunsten staatlichen Handelns zunehmend eingeschränkt werden. Das schwächt die Berufsvertretungen und macht sie auch für ein Engagement der nachfolgenden Generation wenig attraktiv.

Von der neuen Landesregierung erwarten wir daher ein klares Bekenntnis zu Freiberuflichkeit und Selbstverwaltung. Und wir fordern mehr Unterstützung und Kooperationsbereitschaft, um passgenaue und nachhaltige Maßnahmen zur Sicherstellung einer flächendeckenden und qualitativ hochwertigen zahnärztlichen Versorgung in Sachsen-Anhalt auf den Weg bringen zu können.

Dr. Jochen Schmidt

Porträt von Dr. Jochen Schmidt, Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Vorsitzender der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt

TK: Sie wollen als KZV neue Impulse in der Sicherstellung der zahnmedizinischen Versorgung in Sachsen-Anhalt setzen. Welche Unterstützung erwarten Sie dafür aus der Landespolitik und wie soll es gelingen, zahnmedizinische Nachwuchskräfte zu gewinnen und auch im Land zu halten?

Schmidt: Die KZV hat im zurückliegenden Jahr erstmals einen Versorgungsatlas erstellt, der prognostiziert, wie sich die Zahnarztzahlen und damit die Versorgungssituation in den kommenden zehn Jahren entwickeln werden. Diese Vorausschau ist tatsächlich beunruhigend: Es gibt keine Region und keine Stadt im Land, in der sich die Versorgungslage nicht deutlich verschlechtern wird. 

Wir müssen Zukunftssicherung daher umfassender denken als bisher! Die KZV hat sich, koordiniert von einer eigens eingerichteten Abteilung, aufgemacht, entsprechende Projekte und Maßnahmen zu entwickeln und umzusetzen. 

Um der drohenden zahnärztlichen Unterversorgung entgegenzuwirken, müssen darüber hinaus Attraktivität und Chancen der Niederlassung, insbesondere in strukturschwachen Regionen, gefördert werden. Junge Zahnärztinnen und Zahnärzte entscheiden sich vor allem dann für eine Karriere auf dem Land, wenn die Bedingungen vor Ort stimmen. Hierzu gehört etwa eine schnelle Anbindung an größere Städte, ein Kitaplatz, Schulen sowie die Breitbandinfrastruktur. Diese Faktoren liegen eindeutig im Verantwortungsbereich der Politik.

Überdies sollte die Ausbildung von Zahnmedizinerinnen und Zahnmedizinern im Land gestärkt und ausgeweitet werden. Mehr Studienplätze in der Zahnmedizin am Universitätsstandort Halle und die Einführung einer Landeszahnarztquote sind jedoch ohne Unterstützung der Landespolitik nicht realisierbar.

Die KZV hat diese Thematik mit verschiedensten politischen Akteuren besprochen. Dies wurde von Vertretern der noch amtierenden Landesregierung immer wohlwollend und mit der Zusage zur Unterstützung quittiert. Wir hoffen daher, diese Diskussion mit der neuen Landesregierung nicht erneut beginnen zu müssen.

TK: Die Digitalisierung ist in den Praxen angekommen und nimmt immer mehr Raum in der Versorgung ein. Welche Unterstützung benötigt die Zahnärzteschaft von der neuen Landesregierung, um die auf Bundesebene erarbeiteten Vorgaben strukturell in den Praxen umzusetzen?

Schmidt: Digitale Prozesse sind mittlerweile gelebter Alltag in den Zahnarztpraxen - sowohl in Administration und Abrechnung als auch bei Diagnostik und Therapie sowie der Befund- und Behandlungsdokumentation. Zudem sind bereits nahezu alle Zahnarztpraxen in Sachsen-Anhalt an die Telematikinfrastruktur (TI) angebunden.

In diesem Jahr werden auf Basis dieser Vernetzung sukzessive neue onlinebasierte Anwendungen eingeführt, die sowohl für Patientinnen und Patienten als auch für die Praxen einen erkennbaren Mehrwert erzeugen sollen, zum Beispiel das digitale Zahnbonusheft als künftiger Bestandteil der elektronischen Patientenakte und das elektronische Rezept. 

Wir dürfen aber nicht übersehen, dass dieser Transformationsprozess auch eine Kehrseite hat. Als der Gesetzgeber die Anbindung der Praxen an die TI vor zwei Jahren forderte, drohte er ihnen mit Honorarkürzungen, sollten sie die Umsetzung nicht mittragen. Zwar hat sich der Breitbandausbau in Sachsen-Anhalt in den vergangenen Jahren stark beschleunigt, es gibt jedoch längst nicht in allen Regionen des Landes Internetanschlüsse mit einer ausreichenden Datenübertragungsrate. 

Auch die Einführung der neuen Anwendungen soll mit Fristen und Sanktionen durchgesetzt werden. Die Politik sollte endlich auf derartige Vollzugsvorgaben verzichten und positive Anreize setzen, um Motivation und Akzeptanz für den Ausbau der TI zu fördern. Schnelligkeit um jeden Preis - vor Praktikabilität, Zuverlässigkeit und Sicherheit - ist ganz sicher der falsche Ansatz. Wir wünschen uns daher mehr Gehör von der Politik. Die Landesregierung kann dabei die Bedenken und Hinweise der Zahnärzteschaft auf Bundesebene vertreten. 

TK: Worauf setzt die KZV ihren strategischen Fokus in den kommenden fünf Jahren?

Schmidt: Die Sicherstellung der zahnärztlichen Versorgung ist wohl eine der größten Herausforderungen, der wir uns in den nächsten Jahren zu stellen haben. Ich sehe hier aber nicht nur die KZV in der Verantwortung. Wir werden kaum entscheidende Impulse setzen können, wenn nicht auch die Landesregierung, die Kommunen, die Wirtschaft und die Krankenkassen einen Beitrag leisten.

Wir werden uns weiterhin dafür einsetzen müssen, dass das zahnärztliche Berufsbild für den Nachwuchs attraktiv bleibt. Das geht nur, wenn sich die zahnärztlichen Körperschaften als zuverlässige Ansprechpartner und Wegweiser aufstellen. Wir müssen aber auch für stabile und planbare Rahmenbedingungen für die Praxen sorgen.

Für die Zahnärzteschaft wird es auch darum gehen, die Selbstverwaltung nachhaltig zu stärken. Denn nur im Rahmen einer funktionierenden Selbstverwaltung, als Ausdruck gelebter Eigenverantwortung, kann die Zahnärzteschaft die Patientenversorgung, die Belange der Praxen sowie den Sicherstellungsauftrag wesentlich mitgestalten. Daher müssen wir dafür sorgen, dass sich mehr junge Zahnärztinnen und Zahnärzte für die Übernahme ehrenamtlicher Aufgaben in den Gremien der zahnärztlichen Selbstverwaltung entscheiden.

Letztendlich geht das Thema Digitalisierung auch nicht an der KZV-Verwaltung selbst vorbei. Die Praxen haben heute eine ganz andere Erwartungshaltung hinsichtlich Erreichbarkeit und Informationsbereitstellung. Deshalb durchläuft auch die KZV eine Transformation: Unsere Ziele sind das papierlose Büro, vernetzte Arbeitsplätze und Beschäftigte, die damit souverän umgehen. Das ist sicherlich ein Kraftakt. Aber auch hier sind wir auf gutem Wege.

Zur Person 

Dr. Jochen Schmidt ist seit 2017 Vorstandsvorsitzender der KZV Sachsen-Anhalt. Der Zahnmediziner ist seit 1991 in einer familiengeführten Gemeinschaftspraxis in Dessau-Roßlau tätig und ebenso lange standespolitisch aktiv. Mit der Gründung der KZV am 28. Juni 1991 bis ins Jahr 2010 wirkte er mit kurzer Unterbrechung als stellvertretender Vorsitzender der KZV-Vertreterversammlung, übernahm von 2011 bis 2016 deren Vorsitz. Darüber hinaus engagierte er sich fast 20 Jahre als Vorsitzender beziehungsweise stellvertretender Vorsitzender des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte Sachsen-Anhalt.