TK: Herr Dr. John, in Thüringen wird der Ruf nach einer Erhöhung der Humanmedizinstudienplätze lauter. In Sachsen-Anhalt gibt es schon fast doppelt so viele Plätze. Ärztemangel müsste demnach hier unbekannt sein - oder?

Dr. Burkhard John: Ich wünschte, das Wort "Ärztemangel" wäre uns in Sachsen-Anhalt unbekannt. Die Realität sieht leider anders aus. In Sachsen-Anhalt fehlen bereits heute circa 140 Hausärzte, in einigen Bereichen finden wir keine Haut- oder Augenärzte. Prognosen zeigen, dass uns im Jahr 2032 weitere 262 Hausärzte fehlen werden, bei bestimmten Facharztgruppen sieht es nicht viel besser aus.

Als Kassenärztliche Vereinigung haben wir bereits vor Jahren ein umfangreiches Paket an Maßnahmen geschnürt und sind dabei auch ungewöhnliche Wege gegangen. Wir haben Studienplätze an einer privaten Universität "gekauft", weil zum damaligen Zeitpunkt kein Weg zu einer Landarztquote an den staatlichen Universitäten führte.

Umso mehr freut mich die Einführung der Landarztquote in Sachsen-Anhalt als ein weiterer,  wesentlicher Baustein, um dem Ärztemangel entgegenzutreten. Dies allein wird das Versorgungsproblem der Zukunft nicht lösen. Vielmehr muss die Anzahl der Studienplätze  deutschlandweit erhöht werden. Nicht nur im ambulanten Bereich fehlen Ärzte, sondern auch an den Kliniken.

Die am Medizinstudium interessierten Schüler müssen wir aufklären, was es heißt, als  niedergelassener Arzt tätig zu sein.
Dr. Burkhard John

TK: Wenn die pure Zahl an Studienplätzen nicht für ausreichend Ärzte gerade im ländlichen Raum sorgt, was muss strukturell gegen drohenden Ärztemangel passieren?

Dr. Burkhard John: Da fällt mir eine ganze Menge ein: Den Medizinstudierenden von heute müssen wir mehr Einblicke in die ambulante Versorgung bieten, sie über die Realität der ambulanten Arzttätigkeit
informieren. Der "Masterplan Medizinstudium 2020" fordert zum Beispiel die Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium, die Inhalte müssen durch die Universitäten konsequent und zügig umgesetzt werden.

Zur Person

Dr. med. Burkhard John arbeitet seit 1991 als niedergelassener Facharzt für Allgemeinmedizin in Schönebeck. Seit 2001 ist er Vorstandsvorsitzender der KV Sachsen-Anhalt und darüber hinaus Mitglied in verschiedenen Ausschüssen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung und des
Gemeinsamen Bundesausschusses.

Die am Medizinstudium interessierten Schüler müssen wir aufklären, was es heißt, als  niedergelassener Arzt tätig zu sein. Die Kommunen und Landkreise müssen wir noch stärker mit ins Boot holen, um die Bedingungen vor Ort auf kurzem Weg klären zu können, sei es bei der Suche nach Praxisräumlichkeiten oder einem Kita-Platz.

Die Attraktivität des Arztberufes müssen wir weiter stärken, indem Bürokratie abgebaut wird, Regresse der Vergangenheit angehören und nicht zuletzt die Vergütung der Versorgungsrealität an gepasst wird.

TK: Sachsen-Anhalt führt ab 2020 die Landarztquote ein. In das Auswahlverfahren soll die KV Sachsen-Anhalt maßgeblich einbezogen werden. Worauf muss dabei aus Ihrer Sicht besonders geachtet werden?

Dr. Burkhard John: Neben der fachlichen Eignung für das Medizinstudium müssen vor allem die Motivation und persönliche Eignung zur hausärztlichen Tätigkeit im Auswahlverfahren geprüft werden. Bei der Motivation dürfen wir die Erfahrung der Bewerber in Form von Praktika oder Ähnlichem und die Tatsache der Verpflichtung zu einer Tätigkeit in einer ländlichen Region nicht außer Acht lassen.

Bei der persönlichen Eignung sollte es in erster Linie um die Eigenschaften Empathie und Sozialkompetenz gehen. Sie sind zwingende Voraussetzungen, um ein guter Hausarzt zu werden.

TK: Medizinstudierendenvertretungen lehnen die Landarztquote als Eingriff in die Studienfreiheit und Weg in eine "Medizin zweiter Klasse" vehement ab. Was entgegnen Sie als Hausarzt?

Dr. Burkhard John: Warum die Landarztquote zu einer "Medizin zweiter Klasse" führen soll, ist mir unklar. Die Bewerber, die über die Landarztquote einen Studienplatz erhalten, absolvieren das Medizinstudium unter den gleichen Bedingungen wie jeder andere Studierende und erhalten die Approbation nur, wenn sie die entsprechenden Prüfungen bestehen.

Mich freut die Einführung der Landarztquote in Sachsen-Anhalt.
Dr. Burkhard John

Grundsätzlich muss eine Gesellschaft erwarten können, dass ein kostenloses Medizinstudium auch zu einer guten Versorgung führt, auch auf dem Lande. Ich bin seit 30 Jahren als Hausarzt tätig und das aus tiefster Überzeugung und mit großer Begeisterung. In keinem anderen Fachgebiet ist das
Behandlungsspektrum größer und das Patientenklientel breiter gefächert als beim Hausarzt.