Frankfurt am Main, 8. Juli 2019. Zwischen dem 2. und 6. Lebensjahr erfolgt die Sprachentwicklung von Kindern in rasanten Schritten: Der Wortschatz nimmt zu und grammatikalische Strukturen werden komplexer. Bei vielen Kindern tauchen in dieser Phase alterstypische Sprechunflüssigkeiten auf, die meist von alleine wieder aufhören. Ist das nicht der Fall, kann eine behandlungsbedürftige Sprechstörung dahinterstecken. Betroffenen Kindern hilft das Institut der Kasseler Stottertherapie (KST) mit "Frankini", einer Onlinetherapie für Drei- bis Sechsjährige.

Das Hessische Ministerium für Soziales und Integration fördert dieses Projekt in den Jahren 2018 bis 2020 mit insgesamt rund 490.000 Euro im Rahmen seiner E-Health-Initiative. "Die Stottertherapie "Frankini" bietet die Chance, alltagsnah und frühzeitig Kinder bei einer Sprachtherapie zu unterstützen", betont Sozial- und Integrationsminister Kai Klose. "Mit der Förderung des Landes wird die bewährte Therapie nun auch auf kleinere Kinder ausgeweitet, was einen Therapieerfolg umso wahrscheinlicher macht. Wir unterstützen als Land gerne ein solch alltagsnahes und bewährtes Konzept."

Eltern unterstützen und begleiten

Mit den Fördergeldern weitet die Kasseler Stottertherapie ihre Onlinetherapie, die sich für Jugendliche und Erwachsene ab 13 Jahren bereits bewährt hat, auf die Altersgruppe der Drei- bis Sechsjährigen aus. Eines der zentralen Elemente von "Frankini" ist, dass die Eltern die Therapie ihrer Kinder unterstützen und begleiten. In den kommenden beiden Jahren übernimmt die TK bundesweit die Kosten für die Betreuung der Kinder im "Frankini"-Projekt. Weitere interessierte Krankenkassen können sich ebenfalls beteiligen. Nach Ablauf der zwei Jahre soll die Onlinetherapie für die Drei- bis Sechsjährigen in die Regelversorgung aufgenommen werden.

Stottern ist häufigste Sprachstörung

"Sprache ist unsere Verbindung zur Umwelt und unser wichtigstes Mittel, um mit anderen Menschen zu kommunizieren. Ist unser Redefluss durch das Stottern gestört, kann dies sehr belastend sein", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen. Stottern ist die häufigste und bekannteste Sprechstörung und entsteht meist im Alter von zwei bis fünf Jahren. Jedes 20. Kind ist davon betroffen; lediglich bei ca. einem Prozent der Bevölkerung bleibt ein chronisches Stottern bestehen. Im frühen Kindesalter ist die Sprechstörung noch gut behandelbar.

"Frühes Stottern wächst sich nicht von alleine aus, aber mit einer evidenzbasierten, standardisierten Therapie zum frühestmöglichen Zeitpunkt können wir vielen Kindern einen späteren Therapiemarathon ersparen. Je jünger ein Kind bei Behandlungsbeginn und je kürzer der Zeitraum ist, in dem es stottert, desto höher ist die Chance, dass sich die Sprechstörung wieder komplett gibt", sagt Dr. Alexander Wolff von Gudenberg, der Leiter des Instituts der Kasseler Stottertherapie. Beim Stottern handelt es sich um eine neurologische Störung, die überwiegend genetisch bedingt ist und vererbt werden kann. Im Vorschulalter ist Heilung noch ein realistisches Ziel. "Ab der Pubertät kann dann zwar nicht mehr von einer Heilung wie bei kleineren Kindern gesprochen werden, eine Therapie kann das flüssige Sprechen aber noch deutlich verbessern und die psychosozialen Folgeerscheinungen der Sprechstörung nachhaltig abfedern", so Wolff von Gudenberg.

Behandlungskonzept für Kleinkinder

Bei der Kasseler Stottertherapie eignen sich die Patienten durch das Üben mit einem audiovisuellen Biofeedbackprogramm eine spezielle weiche Sprechweise an, die Unflüssigkeiten beim Sprechen deutlich verringert. Selbst schwer stotternde Menschen lernen, ohne Hast, Spannung oder Druck weich und ohne Stolpern zu sprechen. Im "Frankini"-Projekt werden die Drei- bis Sechsjährigen mit einer kindgerechten Form der Trainingssoftware behandelt, wobei die speziell dafür ausgebildeten Eltern als Co-Therapeuten fungieren. In den Therapiekursen werden die Kinder - unterstützt durch ihre Eltern - in einer Kombination aus Präsenz- und Onlinetherapie behandelt. Im zweiten Projektjahr begleiten externe Sprachtherapeuten unter Supervision der Kasseler Stottertherapie die Kinder. Dafür werden sie im Rahmen des Projektes in einem neuen Ausbildungsgang vom Institut der Kasseler Stottertherapie als Online-Therapeuten ausgebildet.

Aufgrund der Erfolge der Onlinetherapie sieht die TK großes Potential in der Weiterentwicklung der Onlinetherapie für Kleinkinder. Daten einer Studie, die die TK gemeinsam mit dem Institut der Kasseler Stottertherapie durchgeführt hat, zeigen, dass die Onlinetherapie für die Altersgruppe von Patienten ab 13 Jahren die Symptome des Stotterns genauso signifikant reduziert wie die vergleichbare Präsenztherapie. "Diese Ergebnisse zeigen, wie gut es möglich ist, eine erfolgreiche Präsenztherapie in den virtuellen Raum zu bringen", so Dr. Voß.

Die Kasseler Stottertherapie wird bislang als Präsenztherapie für alle Altersgruppen ab sechs Jahren sowie als Onlinetherapie ab 13 Jahren angeboten. Die Therapie im neuen "Frankini"-Projekt ist in vier Module aufgeteilt, die jeweils zwischen zwei und vier Monate dauern. Sie beginnt mit einem Online-Training, in dem zunächst die Eltern Handlungsstrategien erlernen, wie sie mit dem Stottern ihrer Kinder umgehen können und wie sie gemeinsam mit ihren Kindern das Software-Programm nutzen können, mit dem diese ein neues Sprechmuster erlernen und vertiefen können. Darauf  aufbauend folgt im nächsten Schritt die Online-Therapie der Kinder, die in den beiden letzten Modulen zudem von einer Präsenztherapie begleitet wird.

Die Intensität der Stottertherapie variiert in den verschiedenen Phasen. Sie umfasst sowohl Einzel- als auch Gruppentherapien. Ein bedeutsamer Teil von Frankini ist auch, dass die Eltern in allen vier Modulen im Rahmen des Selbsttrainings  eigeninitiativ Übungen und Lernmaterialien über die Therapieplattform "freach" auswählen und alleine oder gemeinsam mit ihren Kindern absolvieren.

Hintergrund

Weitere Kooperationspartner der Kasseler Stottertherapie im "Frankini"-Projekts sind neben der TK der e-learning Spezialist vitero sowie das Telemedizinische Zentrum Bad Kissingen.