TK: Herr Portenhauser, in jüngster Zeit scheint die Allgemeinmedizin bei Studierenden wieder höher im Kurs zu stehen. Kann man eventuell sogar von einer Trendwende sprechen?

Portenhauser: Die Teilnehmerzahlen des Förderprogramms Allgemeinmedizin steigen in Baden-Württemberg (BW) seit 2010 zwischen neun und 25 Prozent. Und auch die Anzahl der Facharztprüfungen der Allgemeinmedizin steigen seit den letzten drei Jahren signifikant.

Das ist also eine längere positive Entwicklung, die uns freut. Quantitativ reichen diese Zahlen jedoch noch nicht, den Wegfall von Fachärzten für Allgemeinmedizin aus Altersgründen zu kompensieren.

Die Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin hat jährlich ca. 700 Kontakte mit Studierenden und Ärzten in Weiterbildung. Auffällig ist, dass der Anteil von Studierenden bei Anfragen zur Weiterbildung und Niederlassung in der Allgemeinmedizin ansteigt. Bereits zu einer frühen Phase während des klinischen Studiums. Und dass die Fragen immer konkreter werden.

TK: Was hat aus Ihrer Sicht besonders zu einer neuen Sichtweise auf die Allgemeinmedizin beigetragen?

Portenhauser: Ich könnte mir als einen Grund den Wertewandel der Generation Y vorstellen. Wichtiger als Status und Prestige ist der Generation Y die Freude an der Arbeit: Mehr Freiräume, die Möglichkeit zur Selbstverwirklichung sowie mehr Zeit für Familie und Freizeit. Sie will nicht mehr dem Beruf alles unterordnen, sondern fordert eine Balance zwischen Beruf und Freizeit und strebt einen Job an, der ihr einen Sinn bietet, so das Fazit der Shell Studie.

Weiterhin waren folgende Reformen wichtig:

  • Abschaffung der Residenzpflicht
  • Verbesserte Möglichkeiten von Teilzeit und der Anstellung im ambulanten Bereich
  • Erfolgreiche Reform des Bereitschaftsdienstes der KV in BW

Die Umsetzbarkeit der neuen Werte ist in der Allgemeinmedizin nun also sehr gut möglich und wird vermehrt nachgefragt. Die Beschäftigungsform der Anstellung wächst derzeit am stärksten. Die finanzielle Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin wurde in 2016 signifikant erhöht.

TK: Wo liegen aus Ihrer Sicht die größten Hindernisse dafür, dass sich Studierende zum Facharzt für Allgemeinmedizin weiterbilden?

Portenhauser: Wie ich schon dargelegt habe, wurden viele Hindernisse bereits abgebaut. Früher wurde Allgemeinmedizin oft schlecht geredet. Durch Jammern , dass man z.B. schlecht in der Allgemeinmedizin verdienen würde, wollte man eigentlich auf vorhandene Unterschiede hinweisen. Dies führte jedoch auch dazu, dass der Nachwuchs negativ beeinflusst wurde.

Die positiven Erfahrungen der letzten Generation, die sich gerade niedergelassen hat, macht den Neuen jetzt Mut. Ich kann hier einen jungen, gerade niedergelassenen Facharzt für Allgemeinmedizin zitieren: „Ich bin der Überzeugung, dass ich den schönsten Beruf der Welt habe…“. Vielleicht haben diese positiven Vorbilder zuletzt gefehlt.

TK: Sind Sie zufrieden mit den Bemühungen der Universitäten, die Allgemeinmedizin zu fördern?

Portenhauser: Die allgemeinmedizinischen Lehrstühle in Baden-Württemberg machen tolle Arbeit. Wir arbeiten im Rahmen der Koordinierungsstelle sehr gut zusammen.

Außerdem gründen wir gerade neu ein Kompetenzzentrum Weiterbildung für Baden-Württemberg (KWBW). Hier werden wir zusammen mit den Ärztekammern im Land viele Maßnahmen bündeln können, die dem Nachwuchs zu Gute kommen.

Oft könnten Kleinigkeiten noch viel bewirken, z.B. die Bezahlung von Fahrtkosten bei Famulaturen, Blockpraktika oder PJ im ländlichen Bereich. Als Beispiel kann das Projekt der Universität Tübingen, Institut für Allgemeinmedizin von Frau Prof. Joos, mit Gemeinden genannt werden:

Das Blockpraktikum land.plus gibt es mittlerweile in den drei Landkreisen Calw, Freudenstadt und Reutlingen. Die Idee für land.plus entstand vor dem Hintergrund, dass das frühzeitige „in Kontakt bringen“ von Studierenden mit der hausärztlichen Tätigkeit im ländlichen Raum ein erfolgsversprechender Faktor dafür ist, dass sich Studierende später im ländlichen Raum niederlassen. Der erhöhte finanzielle Aufwand durch Fahrt- und Übernachtungskosten für Studierende ist eine der Hauptbarrieren für die Absolvierung eines Blockpraktikums im ländlichen Raum. In jedem der drei Landkreise werden nun zehn Studierende pro Semester mit einem Stipendium von 300 Euro für Fahrt- und Übernachtungskosten unterstützt. In einigen Landkreisen wird es auch ein Begleitprogramm geben. Das Programm stößt auf reges Interesse unter den Studierenden.

TK: Die TK-HausarztTour zeigt immer wieder, dass bei vielen Studierenden falsche Vorstellungen über den Hausarzt-Beruf vorherrschen. Wie kann man dieses falsche Bild aus den Köpfen bekommen?

Portenhauser: Das kommt auch bei mir so an. Dagegen helfen positive Vorbilder: Die Mehrheit derjenigen, die bei guten Weiterbildern beispielsweise in einer Landarztpraxis gearbeitet haben, berichten begeistert über die Vielfältigkeit, die Professionalität und die Dankbarkeit der Patienten.

Auf Einladung der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin in Baden-Württemberg kam 2016 die Präsidentin der Bundesvertretung der Medizinstudierenden (BVMD) zu einem Vortrag. Ein Fazit von ihr war: Studierende brauchen positive Vorbilder der älteren und auch der jüngeren Generation. Positive Erfahrungen sollten in der Berichterstattung aktiver verbreitet werden.

Vielleicht braucht es eine Hausärztetour 2018 für alle Medizinstudierenden in BW…

TK: Wo sehen Sie Ansatzpunkte für Politik, Krankenkassen oder Kommunen, die Allgemeinmedizin stärker zu fördern?

Portenhauser: Es wird ja schon viel getan. Die aktuelle finanzielle Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin schafft endlich eine gute Planbarkeit.
Das genannte KW für BW (Universitäten, Ärztekammern, KVBW Koordinierungsstelle) wird viele unterstützende Maßnahmen bündeln.

Wir haben analysiert, dass Ärzte in Weiterbildung, die im ländlichen Bereich ihre Weiterbildung absolvieren zu einem sehr hohen Prozentanteil auch dort bleiben. Das heißt, es lohnt sich die Stärkung lokaler Initiativen und von Netzwerken, die sich um ihre Region bemühen, weiterhin zu unterstützen.

Beispiele sind hier: Doc4Pfenz, DonauDoc oder die Winterschool der Uni Freiburg.

Wenn alle Beteiligten (Gemeinden, Ärzteschaft, Wirtschaft, Ärztekammer, KVBW etc.) sich auf ein Ziel fokussieren wird das Erfolg haben. Auch wenn so etwas einen längeren Atem braucht.

Zur Person

Der Diplom-Kaufmann Frank Portenhauser ist im Geschäftsbereich Zulassung und Sicherstellung der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KVBW) für die Förderung der Allgemeinmedizin zuständig. Außerdem ist er Leiter der Koordinierungsstelle Allgemeinmedizin, ein Zusammenschluss der KVBW mit der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) und der Landesärztekammer (LÄK), um gemeinsam für den Beruf des Hausarztes zu werben.