In den vergangenen vier Jahren haben sich mehr als 400 TK-Versicherte für das innovative Konzept des Krisendienstes entschieden. Es kommen Menschen zu uns, bei denen eine seelische Krise akut und ohne jede Vorankündigung aufgetreten ist. Auslöser war vielleicht der Verlust eines nahe stehenden Menschen, ein Unfall oder eine schwere Kränkung. Bei anderen hat sich die seelische Krise allmählich entwickelt, aufgrund lebensverändernder Umstände wie etwa der Geburt eines Kindes, Umzug oder Migration, durch Wechseljahre, Verlust der Arbeit, Beziehungskonflikte, Pensionierung oder auch durch das Fortschreiten einer schweren Erkrankung, um nur einige Beispiele zu nennen.

Je nach Auslöser, situativen Umständen, Temperament und Wesensart können heftige Gefühlsentgleisungen und Stimmungsschwankungen, unterschiedlichste körperliche Beschwerden, soziale Auffälligkeiten oder ungewöhnliche Verhaltensweisen als "Symptome" im Vordergrund stehen.

Selbstzweifel, Verunsicherung und Angst

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Monika Daum

Krisen sind immer schwierige Momente im Lebensrhythmus. Sie haben für die Betroffenen häufig bedrohlichen Charakter und stellen Werte und Ziele in Frage. Meist führen sie zu einer Einbuße an Entscheidungsfähigkeit, zu Selbstzweifeln, Verunsicherung und Angst.   Versicherte, die sich an unseren Krisendienst wenden, haben mindestens einmal in ihrem Leben eine ernsthafte Krise erlebt. Diese Krise war so einschneidend bzw. existentiell, dass der oder die Betroffene bereits professionelle Hilfe gesucht oder in Anspruch genommen hat.

Möglicherweise dauert die Krise bzw. psychische Erkrankung an oder ist mindestens einmal wieder zurückgekehrt. Krisen, die in eine längerfristige psychische Erkrankung münden, sind nicht mehr nur bedrohlich, sondern beeinflussen den gesamten Lebensplan oder haben ihn bereits verändert. Hinzu kommt, dass psychische Erkrankungen nicht nur für die Betroffenen eine Belastung sind, sondern dass auch die Angehörigen und das soziale Umfeld dadurch belastet sind.

Empowerment-Konzept

Die bedürfnisangepasste Behandlung steht bei uns im Mittelpunkt. Kern dieses Ansatzes ist es, den Menschen als Teil seines sozialen Netzwerkes zu sehen. Die sozialen Prozesse stehen im Vordergrund und in Netzwerkgesprächen entwickeln die Betroffenen  mit wichtigen privaten (Angehörige/Freunde) und professionellen Bezugspersonen einen gemeinsamen Genesungsplan.

Das Empowerment-Konzept lässt das Krankheitsverständnis in den Hintergrund rücken und zielt verstärkt auf die Fähigkeiten und Ressourcen der Betroffenen ab. Wir wollen die Betroffenen als Experten ihrer eigenen Sache stärken und - im Sinne des Klienten - alte hierarchische Behandlungskonzepte unbeachtet lassen. Die Klienten und deren subjektives Verständnis ihrer individuellen Interessen stehen im Mittelpunkt. Wir, die professionellen Helfer, treten mit den Versicherten in einen gemeinschaftlichen Austausch um Selbstverantwortung und Autonomie zu fördern. Dies bedeutet auch, dass wir die Menschen mit den notwendigen Informationen über die Behandlungsformen ausstatten, aus denen sie wählen können.

Zur Person

Monika Daum hat an der Fachhochschule in Frankfurt am Main Sozialarbeit studiert. Ihre Schwerpunkte während des Studiums waren unter anderem theoretische Grundlagen und Geschichte der Psychiatrie, die italienische Reformpsychiatrie sowie die sozialpsychiatrischen Ansätze. Nach Abschluss des Studiums war die Diplom Sozialarbeiterin an der Goethe-Universität in Frankfurt als wissenschaftliche Mitarbeiterin im Zentrum Psychosoziale Grundlagen der Medizin tätig. Seit mehr als 20 Jahren arbeitet Frau Daum als Sozialarbeiterin im Caritasverband Darmstadt e.V. im Fachbereich Gemeindepsychiatrie. Seit 2012 verantwortet sie als Leiterin den Aufbau und die Entwicklung der Koordinierungsstelle Krisendienst Südhessen im NetzWerk psychische Gesundheit. Monika Daum ist ausgebildet in personenzentrierter Gesprächsführung nach C. Rogers (GWG), in der dialektisch behavioralen Therapie (DBT) und in systemischer Beratung für Familien und Netzwerktherapie.

In den Behandlungstreffen arbeiten wir nach den Grundsätzen des offenen Dialoges. Das heißt, alle Beteiligten - das gesamte persönliche Netzwerk des Betroffenen - werden, soweit möglich, von Anfang an mit einbezogen. Im gemeinsamen Austausch kann ein neues Verständnis füreinander gefunden werden. Für Situationen, die die Klienten und/oder die Angehörigen als belastend empfinden, können im Rahmen des therapeutischen Dialogs eigenständige Lösungswege erarbeitet werden. Der Fokus liegt dabei auf den Ressourcen des Versicherten. Gelingt dies, bestehen gute Prognosen hinsichtlich eines besseren Verlaufs der Symptomatik. Für alle Nutzer und Nutzerinnen ist es dabei sehr wichtig, Empathie, Wertschätzung, Geduld, Verständnis, Zeit zum Zuhören und schnelle Hilfen zu erfahren.

Vorbilder für die ambulante Behandlung in unserem Betreuungsnetzwerk sind die Zuhause-Behandlung (Home Treatment) und die bedürfnisangepasste Behandlung (Need Adapted Treatment) mit jeweils schneller und flexibler Hilfe. Durch die frühe Unterstützung und Behandlung im Lebensumfeld mit regelmäßigen Kontakten und Besuchen kann bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Krisendienstes in der Regel eine Chronifizierung der Krankheit verhindert werden. Von Vorteil für die Teilnehmer ist, dass sie im beruflichen und sozialen Umfeld bleiben können. Stationäre Aufenthalte in der Klinik werden vermieden oder verkürzt.

Krisen geben Veränderungsimpulse

In Krisensituationen setzt das Netzwerk-Team Prioritäten. Selbsthilfekräfte und Ressourcen aus dem Umfeld werden aktiviert, Belastungen reduziert und sofort umsetzbare Lösungen eingeleitet. Für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen koordinieren wir eine Reihe von individuellen Angeboten. Beispielsweise unterstützen wir die Klienten darin, ihren Tag zu strukturieren, begleiten sie in den Rückzugsräumen oder regen eine Teilnahme an den Entspannungsgruppen an. Ziel ist es dabei, die Klienten und ihre Angehörigen zu entlasten. Die Autonomie der Betroffenen wird erhalten, indem wir deren Selbstbestimmung und Eigenständigkeit fördern. Durch die konsequente Netzwerk-Perspektive im Sozialraum werden zudem nicht-psychiatrische Alltagskompetenzen erschlossen, indem wir die Klienten beispielsweise motivieren, nachbarschaftliche Kontakte zu pflegen, im Sportverein mitzuwirken oder in anderen Interessengruppen im unmittelbaren Umfeld Kontakte zu knüpfen und zu pflegen.

In Krisensituationen sind die Pfeiler dieses Behandlungsansatzes: Eine flexible und schnelle Intervention, das heißt eine ganzjährige verbindliche Krisenhilfe 24 Stunden täglich rund um die Uhr. Hinzu kommt die Begleitung zu Hause (Home Treatment) als aufsuchende Behandlung, möglichst unter Einbeziehung aller an der Krise beteiligten Personen wie Angehörige, Arbeitskollegen und Arbeitgeber. Spitzt sich die krisenhafte Situation zu, nutzen die Klienten die Rückzugsräume in der Krisenpension. Dort erfahren sie bei Bedarf fachärztliche Begleitung, Krisenintervention, Vermittlung von Schutz und Sicherheit, Tages,- Abend- und Nachtstrukturierung, Zuwendung sowie Erhalt des privaten, alltagsnahen Umfeldes.

Die Arbeit im Betreuungsnetzwerk wird von einem engagierten multiprofessionellen, sehr flexibel arbeitenden Team aus den Bereichen Pflege, Fachpflege für Psychiatrie, Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Psychologie und Genesungsbegleitung geleistet. Zudem unterstützen 17 Vertragsärztinnen und -ärzte mit einer Rufbereitschaft die ambulante Krisenintervention bei der Aufnahme in die Rückzugsräume. Diese sektorenübergreifende interdisziplinäre Zusammenarbeit sichert einen kontinuierlichen Behandlungsverlauf.

Fallbeispiel: Patientin mit der Diagnose Psychose

Eine 40jährige Teilnehmerin hat im Alter von 24 Jahren die erste Psychose erlebt, ausgelöst durch Überforderung am Arbeitsplatz und eine Trennungssituation. Seither folgten mehrere Psychosen, die durch Konflikte, erhöhte Stressfaktoren oder ein hohes Maß an Reizen von außen ausgelöst wurden. Die Versicherte möchte auf jeden Fall weitere stationäre Aufenthalte vermeiden.

  • In der Einstiegsphase beim Krisendienst werden die therapeutischen Beziehung etabliert, das soziale Netzwerk aktiviert, Frühwarnzeichen und ein Krisengenesungsplan erarbeitet und in Netzwerkgesprächen mit der Familie und Freunden Wege zur Selbsthilfe entwickelt, das gemeinsame Vorgehen abgestimmt, Unterstützungen durch das Netzwerk und Entlastungen der Angehörigen angedacht.
  • Die Teilnehmerin nutzt die Hotline, als durch erhöhte Anforderungen im privaten Umfeld ihre Belastungen stetig zunehmen; sie verspürt verstärkten Druck, alles zu bewältigen und nimmt psychotische Symptome wahr; sie beschreibt Verfolgungsideen, fühlt sich zunehmend durch ihre Umwelt, insbesondere der Nachbarn, beobachtet; sie traut sich nicht mehr aus dem Haus.
  • Es folgen stabilisierende tägliche Kontakte durch den Krisendienst. Gemeinsam mit der Versicherten wird überprüft, wo Entlastungen im Alltag eingebaut werden können, wo es Freiräume gibt und welche Entspannungsmaßnahmen helfen können.
  • Im Rahmen der häuslichen Krisenbegleitung wird die Nutzung der Rückzugsräume besprochen. Das Betreuungsnetzwerk unterstützt durch die Versorgung ihrer kleinen Tochter.
  • Die Versicherte nutzt die Krisenwohnung für drei Tage und Nächte, um zur Ruhe zu kommen, den Realitätsbezug wieder herzustellen, der Reizüberflutung zu entgehen.
  • Wieder zu Hause wird sie weiter engmaschig begleitet; die Familie ist dabei mit einbezogen. Die psychotischen Symptome klingen ab, sie stabilisiert sich und kann ihren gewohnten Alltag wieder aufnehmen. In der Nachbearbeitungsphase wird die Krise im privaten Netzwerk reflektiert; weitere Präventionsstrategien werden besprochen und in den Alltag integriert.

Fallbeispiel: Patient mit der Diagnose Depression

Ein Mann, Anfang 60, leidet an Depressionen und an einem Schmerzsyndrom nach einer Operation. In der Reha-Klinik hat er aus Verzweiflung einen Suizidversuch unternommen und wurde in die Akutklinik verlegt. Aufgrund der Schmerzsymptomatik häufen sich die stationären Aufenthalte. Der Versicherte hat große Antriebsschwierigkeiten; er hat bereits viele Freizeitaktivitäten eingestellt, starke Rückzugstendenzen, schläft schlecht und es gibt viele familiäre Konflikte. Seine Belastbarkeit bei Alltagskonflikten und Lebenskrisen ist herabgesetzt. Sein Ziel ist es, durch die Betreuung im Netzwerk Stabilität am Arbeitsplatz und die Wiederaufnahme seiner Freizeitaktivitäten zu erlangen.

Persönliche Kontakte und Gespräche helfen ihm, die Antriebsdefizite zu überwinden. Er kann, indem er die Probleme ausspricht, manches in einem anderen Licht sehen. Seine Sichtweise von außen wird erweitert und die eingeengten Gedanken gehen hin zu mehr Flexibilität und Orientierung.

  • Die Entwicklung eines Notfallplans im Falle krisenhafter Zuspitzung hilft ihm, in denjenigen Fällen nötige Unterstützung anzufordern, solange seine Handlungsfähigkeit noch besteht.
  • Das Betreuungsnetzwerk moderiert Gespräche mit dem privaten Netzwerk des Versicherten, insbesondere mit der Familie; daraufhin werden neue Wege des familiären Umgangs miteinander erarbeitet und angegangen.
  • Gruppenangebote wie Entspannungs- und Bewegungsangebote (Progressive Muskelentspannung und Walken) unterstützen den Versicherten bei der Abwehr von Depressionen.
  • Im Rahmen der Psychoedukation werden dem Klienten und seinen Angehörigen die wichtigsten Informationen über seine Erkrankung und erforderliche Behandlungsmaßnahmen vermittelt. Das hilft nicht nur ihm, die Symptomatik seiner Krankheit und die Behandlungskonzepte besser zu verstehen und zu akzeptieren. Auch die Familienmitglieder können die Krankheit besser nachvollziehen. Alle Beteiligten werden emotional entlastet, das Krankheitsbild "Psychische Störungen" wird entstigmatisiert und der Umgang mit den Familienmitgliedern verbessert sich.

Krise als Chance

Menschen in einem krisenhaften Lebensabschnitt zu begleiten heißt für die Betroffen, sich hilfreich an zuhörende Menschen wenden zu können, sich etwas von der Seele zu reden, Gedanken zu sortieren und dadurch eine erweiterte neue Sicht auf das Problem zu bekommen. Eine Krise als Chance zu sehen impliziert die Idee, dass in einem Krisenverlauf neue und ungewohnte Verhaltensweisen auftreten und Handlungsweisen erprobt werden, die durchaus eine nachhaltige Wirkung in der Gesamtpersönlichkeit entfalten können. Ohne das überaus hohe Engagement, die Flexibilität und Einsatzbereitschaft des gesamten Teams des Krisendienstes wäre diese Arbeit so nicht leistbar.