TK: Frau Dr. Römer, wenn es um die ambulante ärztliche Versorgung auf dem Land geht, wird schnell der Ruf nach mehr Ärzten laut. Allerdings haben wir im Moment in Deutschland so viele Ärzte wie noch nie. Haben wir hier nicht eher ein Verteilungsproblem - wie beispielsweise Herr Prof. Ferdinand Gerlach meint - und falls ja, wie können wir dieses in den Griff bekommen?

Dr. Barbara Römer: Deutschland liegt zwar mit 4,3 Ärzten je 1.000 Einwohner oberhalb des  europäischen Durchschnittes, aber nicht an der Spitze. In Österreich z. B. versorgen im Schnitt 5,2 Ärzte 1.000 Einwohner. Darüber hinaus ist die Nachfrage nach Angestelltenverhältnissen sowie nach Teilzeitbeschäftigung weiter steigend. Im Falle der Nachbesetzung eines mit vollem Versorgungsauftrag niedergelassenen Kollegen bedarf es aktuell im Schnitt 1,6 Ärzte in Anstellung, um dies zu kompensieren. Wir brauchen folglich allein schon deshalb mehr Ärzte, um das derzeitige Level überhaupt zu halten.
Des Weiteren wird gerade im hausärztlichen Bereich in RLP in den kommenden vier Jahren mehr als die Hälfte der derzeit noch tätigen Kollegen das Rentenalter erreichen. Dies bedeutet insbesondere für den ländlichen Bereich: Es brennt!

Dr. Barbara Römer

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Mitglied des Bundesvorstandes des Deutschen Hausärzteverbandes und 1. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz

TK: Wie können wir hier Ihrer Meinung nach gegensteuern?

Dr. Römer: Wir brauchen dringend mehr Köpfe im System und viel mehr Kollegen, die sich bewusst für den Weg in die Allgemeinmedizin entscheiden. Vereinbarkeit von Familie und Beruf, eine adäquate Vergütung sowie Flexibilität in der beruflichen Ausgestaltung sind nur einige der zentralen Ankerpunkte, damit sich die nachwachsende Generation schlussendlich für die Niederlassung entscheidet, in der wir auch in der Zukunft den Goldstandard für eine wohnortnahe, vertrauensvolle und langlebige Arzt-Patienten-Beziehung sehen. 

Und gerade die aktuelle Krise zeigt wieder einmal, mit welch großem Engagement, Flexibilität und Mut die Kollegen in RLP innerhalb kürzester Zeit auf die Herausforderungen der Corona-Pandemie mit dem Aufbau von Infektambulanzen und -sprechstunden flächendeckend reagiert haben und damit durch eine hochwertige, hausärztliche Primärversorgung ein zentrales Bollwerk gegen eine Überlastung der Krankenhäuser aufgebaut haben. 

TK: Braucht es zur Sicherung der Versorgung nicht auch mehr Mut in Richtung Delegation und Substitution? Brauchen wir vielleicht sogar ein neues Berufsbild eines hausärztlichen Assistenten mit akademischem Abschluss?

Dr. Römer: Der Hausärzteverband RLP lehnt eine Substitution des ärztlichen Berufes, durch welche Profession auch immer, vehement ab! Nur Hausärzte mit einem sechsjährigen, fachlich breit aufgestellten Hochschulstudium und anschließender fünfjähriger Facharztweiterbildung, bringen die dringend notwendige umfassende Expertise und Kompetenz mit. Dies kann in dieser Qualität niemals durch ein  Bachelor- oder Masterstudium ersetzt werden. Wer dies propagiert, muss auch öffentlich kundtun, dass dies eine relevante Qualitätsminderung in der Patientenversorgung nach sich zieht.

Im Gegensatz hierzu stimme ich Ihnen zu, dass wir das Instrument der Delegation unter unserer ärztlichen Supervision ausbauen müssen, um auch in Zukunft der Komplexität der Versorgungssituation von insbesondere multimorbiden, geriatrischen oder palliativen Patienten in ihrem psychosozialen Setting auf hohem Niveau gerecht zu werden.

Daher engagiert sich der HÄV schon seit vielen Jahren für die weitere Professionalisierung unserer Mitarbeitenden z.B. zu Versorgungsassistenten in der Hausarztpraxis, Nicht-ärztliche Praxisassistenten und Telemedizin-Assistenten. Aktuell arbeitet der Deutsche Hausärzteverband bundesländerübergreifend an der Konzeption eines Bachelorstudiengangs für die Mitarbeitenden in unseren Hausarztpraxen, um diesen die Möglichkeit zur beruflichen Weiterqualifikation und uns Ärzten die Chance zur Entlastung im Praxisalltag zu bieten. In einem hervorragend qualifizierten, multiprofessionellen Team sehen wir die Chance,  in vertrauensvoller Zusammenarbeit auch in Zukunft die Herausforderungen der ambulanten Versorgung zum Wohle unserer Patientinnen und Patienten meistern zu können.

TK: Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass digitale Arzt-Patienten-Kontakte durchaus sinnvoll und machbar sind. Was können wir daraus lernen und wie können wir die Digitalisierung im Hausarztalltag in Zukunft noch besser einsetzen?

Dr. Römer: Die Digitalisierung hat auch "dank Corona" in den letzten Wochen schnell und zum Teil unverhofft Einzug in die Hausarztpraxen gefunden. Die Erfahrungen hiermit sind allerdings recht unterschiedlich. Häufig zeigt sich: "Der Teufel steckt im Detail". Schwerhörige Patienten tun sich z.B. sehr schwer bei der Kommunikation per Videophonie, das Handling ist im Einzelfall eben doch komplexer als nur ein "Klick", Datenleitungen sind in Regionen zum Teil gar nicht oder nicht in ausreichender Qualität vorhanden. Auch die Ganzheitlichkeit der Patientenversorgung bleibt bei der Videophonie schlichtweg auf der Strecke.

Und dennoch sehe ich in der Digitalisierung auf jeden Fall eine Chance! Sie ist und bleibt spätestens seit "Corona" Teil der Arzt-Patienten-Beziehung, und das ist gut so. Wichtig wäre mir, dass es hier allerdings jedem Einzelnen überlassen bleibt, wie er digitale Angebote in das jeweils spezifische Praxissetting integriert. Hier hat gerade die TK mit dem "Innovationszuschlag" im Rahmen des HZV-Vertrages in meinen Augen ein hervorragendes Signal gesetzt: Wir brauchen sinnvolle und zielführende digitale Angebote, die uns zugleich ausreichend Flexibilität in der Ausgestaltung geben. Hier möchte ich meinen ausdrücklichen Dank an die TK richten, die dieses Konzept in Verhandlungen mit dem Deutschen HÄV gemeinsam im Sinne einer innovativen Patientenversorgung ausgestaltet hat. 

Zur Person:

Dr. Barbara Römer studierte an der Ruhr-Universität in Bochum und der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz Medizin. Seit 2010 ist die Fachärztin für Allgemeinmedizin niedergelassen in der hausärztlichen Gemeinschaftspraxis Dres. Lenhard und Römer in Saulheim. Sie ist unter anderem Mitglied des Bundesvorstandes des Deutschen Hausärzteverbandes und 1. Vorsitzende des Hausärzteverbandes Rheinland-Pfalz. 

Damit ist sie Ansprechpartnerin und Interessensvertreterin der niedergelassenen und angestellten sowie der künftigen Hausärzte in Studium und Weiterbildung. Insbesondere will der Verband junge Ärzte motivieren, den Beruf des Hausarztes zu ergreifen und als attraktive Zukunftsperspektive wahrzunehmen.