Dresden, 12. November 2019. In Sachsen sterben deutlich mehr Menschen an Herzinfarkt und Erkrankungen der Herzkranzgefäße (koronaren Herzkrankheiten/ KHK - verursacht durch Arterienverkalkung) als in anderen Bundesländern. Die Sterbezahl bei Herzinfarkten liegt im Zeitverlauf von acht Jahren (Daten von 2008 bis 2016) mit 19 Prozent über dem Bundesdurchschnitt. KHK als Todesursache überschreitet den deutschen Durchschnitt sogar um 30,7 Prozent. Die absoluten Sterbezahlen sinken zwar von 2008 bis 2016 bei KHK (von 10.725 auf 9.407) und Herzinfarkt (3.969 auf 3.344). Die altersstandardisierten Werte bleiben im Zeitraum relativ konstant. Das geht aus einer aktuellen Analyse der Techniker Krankenkasse (TK) in Sachsen hervor, die die bundesweiten Herzberichte seit 2008 ausgewertet hat. 

Patienten sterben bevor sie in die Klinik kommen

Die stationären Behandlungen mit diesen Diagnosen nehmen leicht ab. "Diese rückläufige Tendenz allein betrachtet, könnte zu einem positiven Fazit veranlassen. Aber weit gefehlt. Denn die bundesweit überdurchschnittlichen Todeszahlen führen uns zu einem anderen Schluss: Patienten versterben vorher, bevor sie überhaupt in die Klinik kommen. Die Herzerkrankungen werden entweder nicht oder zu spät erkannt. Das offenbart auch Qualitätsdefizite in der ambulanten Versorgung", kommentiert Simone Hartmann, Leiterin der TK in Sachsen, die Ergebnisse.

Steigende Tendenz weist die Sterblichkeit bei Herzklappenkrankheiten (von 600 auf 1.018) und Herzrhythmusstörungen (1.189 auf 1.407) auf, was die rückläufigen Zahlen etwas relativiert. "Diese Ergebnisse sind angesichts des medizinisch-technischen Fortschritts besorgnis-erregend", so Hartmann. Der höhere Altersdurchschnitt der Sachsen scheide aufgrund der altersstandardisierten Daten als Ursache aus. Vielmehr gebe die Fallzahl der stationären Behandlungen Aufschluss über mögliche Gründe. 

Steigerung der stationären Behandlungen

Sächsische Kliniken behandeln im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich viele Patienten mit der Diagnose Herzinsuffizienz (Herzschwäche). Die Überschreitung im neunjährigen Zeitraum liegt bei 5,2 Prozent. Die absoluten Zahlen steigen seit 2008 von 22.223  Fällen auf 29.187 Fälle im Jahr 2017. Das entspricht einer Zunahme von 31,3 Prozent. Herzrhythmusstörungen führen in ähnlicher Weise zu einer Steigerung der stationären Behandlungen (von 19.331 auf 23.743) mit 22,8 Prozent.  

Engmaschige, interdisziplinäre Betreuung fehlt

"Herzinsuffizienz und Herzrhythmusstörungen gehören nicht per se in die Klinik. Wenn diese Diagnosen in Kliniken steigen, ist das ein Hinweis, dass die ambulante Behandlung nicht wirkungsvoll oder intensiv genug erfolgt. Denn in aller Regel kann die Einstellung der Patienten ambulant geschehen", betont Hartmann. Es fehle die engmaschige, interdisziplinäre Betreuung von Hausärzten und fachärztlichen Schwerpunktpraxen in enger Kooperation.     

Vergütungsanreize

Hartmann verweist auch auf falsche Vergütungsanreize im ambulanten System, die zur Verknappung ärztlicher Kapazitäten, langen Wartezeiten auf Termine, unkoordinierter oder fehlender fachärztlicher Versorgung führen. In der Herz- und Diabetesbehandlung per Rechtsverordnung sieht Hartmann deshalb auch eine wesentliche Ursache für die Qualitätsdefizite in Sachsen. Trotz finanziell aufwendiger Behandlungsprogramme der Krankenkassen bei KHK und Diabetes verändern sich die Sterberaten in Sachsen relativ wenig. "Der Mehrwert der Programme für die Patienten in Sachsen ist nicht zu erkennen. Im Gegenteil. Die Versorgung hat sich in den letzten Jahren sogar deutlich verschlechtert."

Einmalige Diabetes-Vereinbarung

Krankenkassen und Vertragsärzte hatten in Sachsen von 1999 bis 2002 eine bundesweit einmalige Diabetes-Vereinbarung abgeschlossen. Die enge Betreuung der Patienten fand nach festgelegten Behandlungswerten interdisziplinär zwischen Hausarzt, Schwerpunktpraxen und Kliniken statt.

Bereits innerhalb eines Jahres verbesserte sich die Einstellung der Patienten auf relevante Werte wie Blutzucker oder Blutdruck deutlich. Die wissenschaftliche Begleitung konnte das eindeutig nachweisen (siehe Diabetes-Vereinbarung Bluckzucker von Privatdozentin Dr. Ulrike Rothe, Technische Universität Dresden). Das sächsische Betreuungsmodell erhielt sogar internationale Anerkennung mit einem 3. Preis für gelungenes Krankheitsmanagement. 

Diabetes_Vereinbarung_Blutzucker (PDF, 104 kB)

Disease-Management-Programme

Im Jahr 2003 führten die damalige Bundesgesundheitsministerin Ursula Schmidt und Karl Lauterbach MdB die sogenannten Disease Management Programme (DMP) - also bundesweit einheitliche Betreuungsprogramme - ein, die die Versorgung auf den kleinsten gemeinsamen Nenner beschränkten. Das sächsische Versorgungsmodell kam für die Bundespolitik als Vorbild nicht in Frage und wurde als minderwertig abgestempelt.  

"Die Folgen für Sachsen tragen die Patienten unmittelbar. Die anhaltend hohe Zahl von Todesfällen über einen achtjährigen Analysezeitraum muss die Verantwortlichen betroffen machen und endlich zum Handeln bewegen. Auch das Land Sachsen sollte über den Bundesrat wirksamen Einfluss auf die aktuelle Gesetzgebung nehmen und Spielräume für regionale Besonderheiten einfordern. Das Zeitfenster steht nur noch bis Februar 2020 offen", betont Simone Hartmann.   

Regionale Spielräume nutzen

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hatte vor, die Verpflichtung von Ärzten und Kassen zur Teilnahme an DMP zu lösen. "Das würde uns die Chance geben, unsere frühere Vereinbarung neu zu gestalten. Gescheitert ist das bisher im Koalitionspoker, am Widerstand von Gesundheitspolitikern und von Lobbyisten. Die Einheitslösung wird den unterschiedlichen Herausforderungen in den Ländern nicht gerecht. Was wir dringend brauchen, um die Behandlungsprogramme weiterentwickeln zu können, sind regionale Spielräume bei der Ausgestaltung der Patientenversorgung", erklärt Hartmann. 

Hintergrund

Die Herzberichte beruhen auf der Krankenhausdiagnose-Statistik des statischen Bundesamtes sowie der amtlichen Todesursachen-Statistik. Die Krankenhausdiagnose-Statistik umfasst die ICD-10-Diagnosen der stationär behandelten Patienten zum Zeitpunkt der Entlassung. Die Erkenntnisse zur Krankheitshäufigkeit (Morbidität) ergeben sich damit aus stationären Daten. Die Sterbeziffern, also die Zahlen der Gestorbenen pro 100.000 Einwohner, sind aus den ärztlichen Todesbescheinigungen entnommen.