TK spezial: In den Räumen des Bürgerhospitals gibt es schon seit vielen Jahren eine Zentrale des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD). Werden grundsätzlich alle Patienten, die in der sprechstundenfreien Zeit die Notaufnahme aufsuchen, an die Zentrale verwiesen?

Markus Seipel (Leiter des pflegerischen Bereichs der Notaufnahme): In den Zeiten, in denen der Ärztliche Bereitschaftsdienst am Bürgerhospital geöffnet hat, verweisen wir die Patienten an den ÄBD. Außer es handelt sich um Arbeitsunfälle, Patienten, die bei uns bereits vorbehandelt wurden, oder Patienten, die schwerste Verletzungen oder Erkrankungen aufweisen. Kommen die Patienten mit dem Rettungswagen, werden sie ebenfalls gleich in unserer Notaufnahme behandelt.

Dr. Ulrich Tübergen (Leiter der Zentrale des ÄBD): Es gibt hier eine einfache Faustregel: Alle die gehend kommen, werden an den Bereitschaftsdienst verwiesen. Wird ein Patient liegend - also schwer verletzt oder erkrankt - eingewiesen, kommt er umgehend in die Zentrale Notaufnahme. Oftmals rufen die Patienten bereits im Vorfeld unter der 116 117 unsere Zentrale an. Die Kollegen dort schätzen dann die Situation ein und teilen den Anrufern mit, wohin sie sich wenden können, oder ob der Rettungswagen gerufen werden muss.

Zu den Personen 

Markus Seipel hat von 1984 bis 1988 eine Ausbildung zum Gesundheits- und Krankenpfleger im Bürgerhospital absolviert und blieb der Klinik seitdem treu. Seit 25 Jahren leitet er den pflegerischen Bereich der Zentralen Notaufnahme.

Dr. Ulrich Tübergen hat von 1978 bis 1985 Medizin an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Seit zwölf Jahren ist er niedergelassener Allgemeinmediziner in Offenbach. Seit 16 Jahren leitet er die Bereitschaftsdienstzentrale im Bürgerhospital.

TK spezial: Nutzt die ÄBD-Zentrale die Geräte des Bürgerhospitals mit oder schaffen beide Einrichtungen gemeinsam Geräte an?

Tübergen: Geräte werden nicht gemeinsam gekauft. Unser Bereitschaftsdienst nutzt jedoch in Teilen die Infrastruktur des Bürgerhospitals, wie das Röntgengerät und das Labor des Krankenhauses. Auch stellt uns das Bürgerhospital Materialien zur Verfügung, wie zum Beispiel Nahtmaterial. Wir verfügen vor Ort allerdings auch über eigene Geräte, wie beispielweise ein EKG-Gerät.

TK spezial: Arbeiten auch die Krankenhausärzte teilweise in der ÄBD-Zentrale?

Dr. Christian Vorländer (zuständig für die Organisation der Ärzte in der Notaufnahme): Grundsätzlich ist dies möglich. Aktuell arbeiten jedoch keine Ärzte des Bürgerhospitals in der Zentrale des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes.

Tübergen: Es gibt allerdings Ärzte aus anderen Krankenhäusern, wie zum Beispiel aus Höchst und Bad Homburg, die für den Bereitschaftsdienst arbeiten. Generell lässt sich sagen, dass seit der Reform des Bereitschaftsdienstes, die unter anderem eine Kürzung des Honorars mit sich gebracht hat, die Bereitschaft nachgelassen hat, Dienste zu übernehmen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um niedergelassene Ärzte oder Ärzte der Krankenhäuser handelt.

TK spezial: Viele Krankenhäuser in Hessen und auch die Kassenärztliche Vereinigung beklagen, dass Patienten mit Bagatell-Beschwerden unnötig häufig die Notaufnahmen und Ambulanzen der Kliniken in Anspruch nehmen. Ist in Ihren Augen ein kliniknaher Ärztlicher Bereitschafsdienst eine Lösung für dieses Problem?

Dr. Henry Schäfer (Leiter des internistischen Bereichs der Notaufnahme): Wir können klipp und klar sagen, für unsere Notaufnahme ist der kliniknahe Bereitschaftsdienst eine enorme Entlastung. Die Patientenzahlen der Notaufnahmen haben in ganz Deutschland in den vergangenen Jahren zugelegt. Dabei müsste nicht jeder Patient, der zu uns kommt, zwingend in einer Notaufnahme behandelt werden. Dadurch, dass wir während unserer Öffnungszeiten bestimmte Verletzungen und Erkrankungen an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst weiterleiten können, haben unsere Mitarbeiter der Zentralen Notaufnahme mehr Zeit, sich um die schwerwiegenden Notfälle zu kümmern.

Wir spüren die Entlastung, die durch den ÄBD an unserem Haus entsteht, besonders dann deutlich, wenn dessen Sprechzeiten enden. Dann nimmt die Zahl der Patienten mit weniger schweren Verletzungen und Erkrankungen deutlich zu.

Zu den Personen 

Dr. Christian Vorländer hat von 1987 bis 1995 Medizin an der Goethe-Universität in Frankfurt studiert. Vorländer hatte bereits 1987 seinen Zivildienst im Bürgerspital absolviert und arbeitete dort auch während seines Studiums. Seit 2008 ist er Chefarzt der Klinik für Endokrine Chirurgie. Er ist im Bürgerhospital außerdem für die Organisation des ärztlichen Bereichs der Zentralen Notaufnahme zuständig.

Dr. Henry Schäfer hat von 1989 bis 1995 ein Medizinstudium an der Goethe-Universität in Frankfurt absolviert. Der Facharzt für Innere Medizin ist seit 2006 am Bürgerhospital beschäftigt. Seit 2010 ist er Chefarzt der Klinik für Pneumologie, Intensiv- und Beatmungsmedizin. Seit 2013 ist er auch verantwortlich für den internistischen Bereich der Zentralen Notaufnahme.

TK spezial: Wie geht das Bürgerhospital mit Notfall-Patienten um, die die Notaufnahme während der Öffnungszeiten der Praxen aufsuchen?

Schäfer: In unserer Notaufnahme wird jeder Patient von einem Arzt gesehen. Dieser schätzt ein, wie schwerwiegend die Erkrankung bzw. Verletzung ist. Es ist dabei eigentlich unüblich, dass wir Patienten wegschicken. Nur wenn der Ärztliche Bereitschaftsdienst seine Sprechzeiten hat, verweisen wir, wie bereits erwähnt, an den ÄBD. 

Es gibt bei uns durchaus Patienten, die die Wartezeiten auf einen Termin bei einem niedergelassenen Arzt scheuen und deshalb zu uns kommen. Dabei werden wir weniger als Hausarzt-Ersatz, sondern als Facharzt-Ersatz verstanden, zum Beispiel in den Bereichen Gastroenterologie und Diabetes. Auch diese Patienten versorgen wir in unserer Notaufnahme. Da es sich dabei jedoch selten um wirkliche Notfälle handelt, kann es für diese Patienten je nach Patientenaufkommen und den eintreffenden Fällen zu längeren Wartezeiten kommen. Schließlich triagieren wir in der Notaufnahme. Das heißt wir behandeln nicht nach der Reihenfolge des Eintreffens, sondern nach der Dringlichkeit der Behandlung.

Tübergen: Das Phänomen, dass immer mehr Patienten vorstellig werden, die keine akuten Notfälle sind, beobachten wir ebenfalls. Wir behandeln dabei vermehrt Patienten, die sich mit ihren Beschwerden eigentlich auch an einen niedergelassenen Allgemeinarzt wenden könnten. Doch manchmal wollen die Patienten nicht warten, bis die Hausarztpraxis wieder geöffnet hat.

TK spezial: Was ist aus Ihrer Sicht der Vorteil einer Bereitschaftsdienstzentrale in der Nähe eines Krankenhauses?

Tübergen: Um dies beurteilen zu können, muss man sich die Alternativen vor Augen führen. Eine Bereitschaftsdienstzentrale kann ansonsten noch an einer Rot-Kreuz-Station oder der Praxis eines niedergelassenen Kollegen angesiedelt sein. Ein Krankenhaus bietet demgegenüber große Vorteile.

Zum einen ist den meisten Patienten bekannt, wo sich welches Krankenhaus befindet. Unser Bereitschaftsdienst wird somit leichter gefunden. Auch ist die Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr bei einem Krankenhaus meist besser als bei den beiden anderen Alternativen. Und das schlagende Argument für eine Ansiedelung an einem Krankenhaus ist natürlich die Infrastruktur eines Krankenhauses. Besonders wichtig ist dabei, dass im tatsächlichen Notfall die Wege kurz sind und der Patient im Idealfall unter dem gleichen Dach weiterbehandelt werden kann.