TK spezial: Mit dem Krankenhausstrukturgesetz werden die Kassenärztlichen Vereinigungen verpflichtet, den Notdienst zu den sprechstundenfreien Zeiten auch durch eine Kooperation und organisatorische Verknüpfung mit den Krankenhäusern sicherzustellen. Halten Sie diese gesetzliche Regelung nach Abschluss der ÄBD-Reform für Hessen für überflüssig?

Dr. Haas: Diese Regelung ist für uns zumindest nachvollziehbar, da auch nach Abschluss der ÄBD-Reform noch nicht an allen relevanten Krankenhäusern, die ÄBD-Leistungen abrechnen, ÄBD-Praxen bzw. Portalpraxen eingerichtet worden sind. Im Übrigen beinhaltet die gesetzliche Regelung keine absolute Verpflichtung, sondern eine Sollbestimmung. So macht es wenig Sinn, an einer spezialisierten Fachklinik, die nur einige wenige Behandlungsfälle im ÄBD abrechnet, gleich eine komplette Portalpraxis mit ihren enormen Vorhaltekosten einzurichten.

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Dr. Günter Haas

TK spezial: Wie viele neue Portalpraxen wird die KV jetzt an Kliniken anbinden bzw. deren Ambulanzen in den ÄBD einbinden und welche Argumente werden für die Wahl der neuen Standorte in der Notfallversorgung ausschlaggebend sein?

Dr. Haas: Wir befinden uns derzeit noch in einer Analyse des umfangreichen Zahlenmaterials und können noch keine abschließenden Ergebnisse präsentieren. Jedoch ist von einer Zahl von ca. zehn bis 20 neu einzurichtenden Portalpraxen auszugehen. Auch hierbei sind die gesetzlichen Vorgaben des SGB V zu beachten, nach denen die Behandlung eines ÄBD-Patienten wirtschaftlich, ausreichend, notwendig und zweckmäßig zu sein hat. Bei der Standortwahl wird neben den Behandlungsfallzahlen, also dem nachgewiesenen medizinischen Bedarf, sicherlich auch die Zusammenarbeit mit dem Krankenhaus eine Rolle spielen. Wenn uns ein Krankenhaus keine geeigneten Räumlichkeiten zur Einrichtung einer Portalpraxis zur Verfügung stellt, so können wir schlechterdings eine solche einrichten.

Zur Person

Dr. Günter Haas hat in Mainz Medizin studiert und war nach seiner Ausbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin von 1985 bis 2012 als Hausarzt in Lautertal im Odenwald niedergelassen. Von 2012 bis 2015 war er in einer hausärztlichen Praxis im Raum Darmstadt tätig. Unter anderem war Dr. Haas Mitglied der Delegiertenversammlung und des Präsidiums der Landesärztekammer Hessen und zudem viele Jahren in Gremien der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Hessen berufspolitisch aktiv. Ab 2013 war er stellvertretender Vorstandsvorsitzender der KV Hessen. Ende 2016 wurde er in den Ruhestand verabschiedet.

TK spezial: In den vergangenen Jahren hat sich etwa die Hälfte der hessischen Notfallpatienten im Rahmen des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes behandeln lassen. Fast die gleiche Anzahl von Patienten wendet sich direkt an die Notaufnahmen der Krankenhäuser. Was sind die Ursachen für diese hohe Frequentierung der Notaufnahmen in den Kliniken?

Dr. Haas: Die Ursachen sind vielschichtig. Gerade in großstädtischen Bereichen liegt ein geändertes Anspruchsverhalten der Patienten vor. Manche Patienten sind der Ansicht, dass am Freitag auftretende Befindlichkeitsstörungen kurzfristig abzuklären seien, anstatt damit bis zum folgenden Montag zur Abklärung in einer fach- oder hausärztlichen Praxis zu warten. Es handelt sich mehrheitlich also um ein Problem der Patientensteuerung, wobei gerade die fehlende Patientensteuerung ein wesentlicher Kostentreiber für das Kollektiv der Beitragszahler einer gesetzlichen Krankenkasse sein dürfte. Nach Angaben der DKG soll die Behandlung eines einzigen Patienten in der Krankenhaus-Ambulanz Fallkosten von ca. 130 bis 150 Euro hervorrufen. Dabei ist zu bedenken, dass die KV Hessen für die Behandlung eines Patienten in der hausärztlichen Praxis ohne Extraleistungen nur ca. 40 Euro im ganzen Quartal bei zum Teil Mehrfachinanspruchnahme ärztlicher Leistungen vergütet.

TK spezial: Wie hoch wäre aus Ihrer Sicht idealerweise jeweils der prozentuale Anteil der Notfälle, der aus Ihrer Sicht aufgrund der Schwere seiner Beschwerden am Krankenhaus bzw. beim ÄBD in den richtigen Händen wäre?

Dr. Haas: Der derzeitige Prozentsatz von ca. 50 Prozent ist sicherlich zu hoch. Wir befinden uns im Moment noch in der qualitativen Auswertung der Diagnosen. In einer ersten Schätzung würde ich - bei konsequenter Beachtung der bereits erwähnten Grundsätze des SGB V sowie bei einer kompetenten ärztlichen Unterscheidung zwischen Befindlichkeitsstörungen und harten Diagnosen - von einem Prozentsatz von 25 Prozent ausgehen, damit also von einer Halbierung der Fallzahlen.

TK spezial: Hätte der ÄBD in Hessen die räumlichen und personellen Ressourcen, um mehr Notfallpatienten als bisher zu behandeln?

Dr. Haas: Bezüglich der räumlichen Ressourcen sind wir maßgeblich auf die Mitarbeit der Krankenhäuser angewiesen. Die Probleme mit den personellen Ressourcen ließen sich lösen, indem die Umstellungen im System nicht ad hoc an jedem Ort gleichzeitig stattfinden, sondern in abgestuften Verfahrensgängen über einen Zeitraum von sechs bis 18 Monaten.

TK spezial: Einige Krankenhäuser in Hessen vertreten die Auffassung, dass sie in ihren Notaufnahmen die Konsequenzen eines schlecht organisierten ÄBD auffangen müssen. Wie ist Ihre Meinung: Ist die KV mit den neuen ÄBD-Strukturen für die Zukunft gut gerüstet oder gibt es noch Knackpunkte, an denen der ÄBD ggf. nachjustiert werden sollte?

Dr. Haas: Wir sind mit der neuen ÄBD-Struktur erheblich besser für die Zukunft gerüstet. Sicherlich gilt es, den ÄBD kontinuierlich weiterzuentwickeln. Ich selbst hatte den ÄBD einmal als lernendes System bezeichnet. Was die Krankenhäuser anbelangt, so ist nicht einzusehen, dass man sich in den dortigen Ambulanzen genötigt sieht, Schnupfen, Husten, Heiserkeit und Befindlichkeitsstörungen zu behandeln, statt diese Patienten an den ÄBD der KV Hessen zu verweisen. Dies hätte bei dem einen oder anderen der Patienten auch eine gewisse erzieherische Wirkung. Nicht jeder Patient verhält sich wie der sogenannte mündige Patient, sondern belastet das System mit erheblichen Kosten, um seinen eigenen Komfort zu fördern. Das ist zwar menschlich verständlich, dem muss man aber nicht Vorschub leisten.

TK spezial: Von insgesamt 58 ÄBD-Zentralen, die im Rahmen der Reform entstanden sind, hat die KV 48 an einer Klinik angesiedelt. Wieso ist das nicht bei allen 58 ÄBD-Zentralen gelungen?

Dr. Haas: Hierzu gab es unterschiedliche Gründe, die den regionalen Gegebenheiten geschuldet sind. Immerhin ist die weit überwiegende Zahl der ÄBD-Zentralen an den Krankenhäusern angesiedelt. Durch das Krankenhausstrukturgesetz ist nun allerdings eine neue Sachlage geschaffen worden.

TK spezial: Wie viele Krankenhäuser haben sich im Rahmen der ÄBD-Reform gewünscht, eine ÄBD-Zentrale zu bekommen, und wurden nicht berücksichtigt? Nach welchen Kriterien hat die KV entschieden und welche Rolle hat dabei die bisherige Zahl der Behandlungsfälle in den Klinikambulanzen gespielt?

Dr. Haas: Einige wenige Häuser in Hessen wurden bei der Einrichtung von ÄBD-Zentralen nicht berücksichtigt. Wie erwähnt gab es hierfür unterschiedliche Gründe. Mit einem Teil dieser Häuser stehen wir bereits im Gespräch bzw. es sind Gespräche terminiert. Festzuhalten ist aber: Wir sehen die Einrichtung einer ÄBD-Zentrale als Mittel der ambulanten medizinischen Sicherstellung der Versorgung der Patienten und nicht als Mittel, um die Belegungsquote des einen oder anderen Hauses zu steigern.

TK spezial: Gibt es etwas, das sie sich von den Notaufnahmen der Krankenhäuser wünschen würden?

Dr. Haas: Ich wünsche mir von den Notaufnahmen der Krankenhäuser eine medizinisch einwandfreie Unterscheidung von Patienten, die einer intensiven fachärztlichen klinischen Betreuung bedürfen, und von Patienten, die lediglich einer allgemeinen ambulanten ärztlichen Betreuung bedürfen. Es ist zum Beispiel kein Zustand, dass quengelnde und fiebernde Kleinkinder die Notaufnahmen einer Kinderklinik lahmlegen und damit die Versorgung von wirklich schweren Krankheitsbildern zumindest deutlich erschweren.