TK: Sachsen-Anhalt hat gewählt. Was erwarten Sie von der neuen Landesregierung in der anstehenden Legislaturperiode und was muss zuerst in Angriff genommen werden?

Dr. Jörg Böhme: Aktuell sichern in Sachsen-Anhalt rund 4.300 Ärztinnen und Ärzte sowie Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten die ambulante Versorgung ab. Etwa 300 Arzt- und Psychotherapeutenstellen sind unbesetzt. Die Situation wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen, vor allem im ländlichen Raum. Nach unserer Prognose fehlen bis zum Jahr 2032 landesweit über 260 Hausärzte und etwa 250 Fachärzte, um den Arzt- und Versorgungsstand von 2017 zu halten. Hier besteht dringender Handlungsbedarf. 

Die Kassenärztliche Vereinigung bietet eine Vielzahl von Maßnahmen, um Niederlassungen zu fördern. Doch wir brauchen die Unterstützung der Politik. Sie muss die Rahmenbedingungen schaffen, damit junge Menschen motiviert sind, hier Medizin zu studieren und sich in Sachsen-Anhalt dauerhaft niederzulassen. Auch in der Fläche abseits der Ballungsräume Halle und Magdeburg. 

Die Pandemie hat deutlich gemacht, wie wichtig eine flächendeckende wohnortnahe ambulante haus- und fachärztliche Versorgung ist. Dies zeigt sich sowohl beim Testen, beim Behandeln von Corona als auch beim schnellen Durchimpfen der Bevölkerung.

Dr. Jörg Böhme

Porträt Dr. Jörg Böhme, Vorsitzender der KV Sachsen-Anhalt Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Vorsitzender der KV Sachsen-Anhalt

TK: Wie kann die neue Landesregierung Sie in Ihrem Vorhaben unterstützen, die ärztliche Versorgung dauerhaft auch in den ländlichen Gebieten Sachsen-Anhalts sicherzustellen und junge Ärztinnen und Ärzte für eine dortige Niederlassung zu gewinnen?

Böhme: Es muss attraktiv sein, sich in Sachsen-Anhalt als Arzt niederzulassen. Die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Das beginnt schon beim Medizinstudium. Wir brauchen mehr Studienplätze an den Universitäten Magdeburg und Halle - im Rahmen der Landarztquote und generell.

Es kann nicht sein, dass heute noch an der Reduktion der Anzahl der Studienplätze Anfang 1990 festgehalten wird und damit etwa die gleiche Anzahl von Medizinstudienplätzen zur Verfügung steht wie 1979 allein für den westdeutschen Teil Deutschlands. Die Zeiten sind längst überholt. Zur Nachwendezeit hatten wir eine Arztschwemme - jetzt haben wir einen Arztmangel. Es ist schwer, junge Menschen, die einmal das Bundesland verlassen haben, zurückzuholen. 

Es gilt, Medizinstudierende, Ärzte in Weiterbildung, Haus- und Fachärzte und Psychotherapeuten im Land zu halten und sie für eine Zukunft im ländlichen Raum zu begeistern. Die KVSA hat bereits ein breites Maßnahmenbündel von Stipendien sowie finanzieller Unterstützung bei Famulaturen und Praktika bis hin zu Unterstützungen in der Weiterbildung und der späteren Praxisgründung. Es gibt eine Klasse Allgemeinmedizin beziehungsweise Hausärzte an den Universitäten Halle und Magdeburg. Es gibt die Landarztquote.

Einige Kommunen bringen sich bereits aktiv mit ein, um dem Arztmangel in ihrer Region entgegenzusteuern. Die KVSA hat diesbezüglich bereits Kooperationsverträge mit mehreren Städten und Landkreisen abgeschlossen. Auch wenn es von mehreren Seiten schon Maßnahmen gibt - wir müssen gemeinsam mit der Politik nach weiteren Möglichkeiten suchen. 

TK: Die Digitalisierung ist in den Praxen angekommen und nimmt immer mehr Raum in der Versorgung ein. Welche Unterstützung benötigt die Ärzteschaft von der neuen Landesregierung, um die auf Bundesebene erarbeiteten Vorgaben strukturell in den Praxen umzusetzen?

Böhme: Grundsätzlich stehen die Vertragsärzte und die Vertragspsychotherapeuten der Digitalisierung im Gesundheitswesen offen gegenüber - wenn dadurch die Patientenversorgung erleichtert wird. Sie muss aber umsetzbar sei und darf die Praxisabläufe nicht negativ beeinflussen. Und das ist bislang eben nicht der Fall. Die Geschwindigkeit, die der Gesetzgeber für die Umsetzung vorgibt, ist viel zu hoch.

In den Praxen steht nach wie vor die Pandemiebekämpfung im Vordergrund. Die Ärzte und ihre Praxisteams rotieren aktuell, um die Impfungen gegen Corona neben der regulären ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung einzutakten. Auch die Telematik-Infrastruktur funktioniert nicht fehlerfrei, regelmäßig treten Probleme auf.

Wir werden weiterhin an die Politik appellieren, das Tempo der Digitalisierung zu drosseln sowie die Ärztinnen und Ärzte bei den Neuerungen mitzunehmen und ihnen nicht einfach nur etwas überzustülpen. Die Praxen müssen den Mehrwert sehen, den die Gesetzesregelungen für sie bringen. Und zwar nicht erst nach Jahren, sondern sofort. Digitalisierung sollte kein Selbstzweck sein.

TK: Worauf setzt die KV ihren strategischen Fokus in den kommenden fünf Jahren?

Böhme: Nach wie vor hat die flächendeckende ambulante haus- und fachärztliche Versorgung oberste Priorität. Das bleibt eine Herausforderung, denn Sachsen-Anhalts Bevölkerung ist älter und kränker sowie die Arztdichte geringer als in anderen Bundesländern. Und der Ärztemangel wird sich in den kommenden Jahren weiter verschärfen…

Weiterentwickeln wollen wir die hausarztzentrierte Versorgung der Patienten. Jede Patientin und jeder Patient soll mit seinen Beschwerden und seiner Erkrankung gesteuerten Zugang in die für ihn am besten geeignete Versorgungsebene erhalten. Und ein weiterer wesentlicher Punkt ist die Bereitstellung einer tatsächlich an der Morbidität der Bevölkerung orientierten Vergütung.

Zur Person 

Dr. Jörg Böhme aus Stendal ist seit Januar 2021 Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen-Anhalt (KVSA). Der 54-jährige Allgemeinmediziner ist bereits seit Jahren auf Landesebene berufspolitisch engagiert - bei der KVSA, der Ärztekammer, der Ärzteversorgung und beim Hausärzteverband. Zudem ist er in der studentischen Ausbildung, in der Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeinmedizin und als Leiter eines Qualitätszirkels in der Fortbildung aktiv. Seit Jahren setzt sich Böhme für die Sicherung der ambulanten wohnortnahen haus- und fachärztlichen Versorgung ein.