TK spezial: Die Versorgung im ländlichen Raum ist in Schleswig-Holstein ein viel diskutiertes Thema. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie hier?

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Hans Hinrich Neve

Hans Hinrich Neve: Das Thema der ärztlichen Versorgung in ländlichen Regionen ist nicht nur in Schleswig-Holstein viel diskutiert. Diese Diskussion findet im gesamten Bundesgebiet statt. Fakt ist aber in der Tat, dass über 32 Prozent der niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte über 60 Jahre alt sind. Wir wissen also, dass in den kommenden Jahren, sofern sich nicht ausreichend junge Ärzte als Nachfolger für viele Praxen, insbesondere in den ländlich geprägten Regionen finden, tatsächlich Praxen nicht weitergeführt werden können. Das besorgt uns und hier müssen sich die Politik, aber auch und das sage ich sehr deutlich, die KV Maßnahmen überlegen, wie die Zahl junger Mediziner in ländlichen Räumen erhöht werden kann. Eine Trendwende sollte schnellstmöglich eingeleitet werden.

TK spezial: "Wir werden sicherstellen, dass alle auch zukünftig eine gute, flächendeckende medizinische und pflegerische Versorgung … erhalten …" So steht es im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD zu Beginn des Kapitels 4. Ärzte, die in unterversorgten ländlichen Räumen praktizieren, die hausärztliche Versorgung und die "sprechende Medizin" sollen besser vergütet werde. Ist mehr Geld das Mittel der Wahl damit sich wieder mehr Haus- und Fachärzte dort niederlassen, wo Unterversorgung droht?

Hans Hinrich Neve: Eine bessere Vergütung kann sicher nur eine Seite der Medaille sein. Ich denke nicht, dass Geld alleine eine Trendwende bewirken würde. Vielmehr sollte jungen Medizinern die Angst vor der Selbstständigkeit genommen werden. Die persönliche Hürde für die Eröffnung einer eigenen Praxis ist enorm hoch. Ich sehe hier auch die Universitäten in einer gewissen Pflicht, denn diesbezüglich sollte auch dort mehr Aufklärung geleistet und den Studenten mehr Möglichkeiten geboten werden, sich über den Weg zur Selbstständigkeit und einer eigenen Praxis zu informieren. Andererseits ist es aber auch wichtig, dass ländliche Regionen insgesamt für junge Familien attraktiv sind. Eine gute Infrastruktur, aber auch Möglichkeiten einer qualitativ hochwertigen Kinderbetreuung, das sind pull-Faktoren, die für die Entscheidung in ländlichen Räumen zu leben enorm wichtig sind. Wir werden es als Koalition in Schleswig-Holstein fördern, dass Medizinerinnen und Mediziner diesen Weg weit häufiger wählen, als es bislang der Fall ist.

TK spezial: Welcher weiteren Maßnahmen bedarf es aus Ihrer Sicht noch, um die medizinische Versorgung in strukturschwachen Regionen unseres Bundeslandes perspektivisch sicherzustellen?

Hans Hinrich Neve: Wir müssen den Weg der telemedizinischen Möglichkeiten weitergehen. Damit meine ich allerdings nicht, dass Telemedizin den persönlichen Kontakt ablösen soll. Das kann Telemedizin auch nur bedingt. Sie sollte dort unterstützend zum Einsatz kommen, wo es medizinisch vertretbar ist. Denn Telemedizin und zahlreiche Onlineanwendungen bieten uns neue Möglichkeiten - vom elektronischen Arztbrief bis hin zur Videosprechstunde.

Darüber hinaus können strukturschwache Regionen von einer Gründung eines Versorgungszentrums oder eines Ärztehauses profitieren. In Schleswig-Holstein wäre das Beispiel Pellworm zu nennen. Dort konnte durch ein gemeindeeigenes Versorgungszentrum eine Versorgungslücke geschlossen werden. Bei einer solchen Maßnahme sind enorme Anstrengungen der Gemeinden, auch finanzieller Art, unumgänglich. Sicherlich ist dieses auch nicht in allen Gemeinden gleichermaßen umsetzbar.

Dennoch sollte die Politik gemeinsam mit Vertretern aus dem Gesundheitssektor prüfen, inwiefern Gemeinden bei solchen Vorhaben unterstützt werden könnten oder welche weiteren Wege für eine Umsetzung möglich wären.

TK spezial: Seit Jahren arbeiten wir in Schleswig-Holstein daran, die flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. MVZ, kommunale Ärztezentren, ärztliche Zweigpraxen oder der Einsatz von NäPa`s sind einige Beispiele dafür. Aber wie können wir die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich substantiell verbessern?

Hans Hinrich Neve: Wir haben derzeit in Schleswig-Holstein u.a. 85 MVZ, ein Versorgungszentrum in Pellworm und ein Ärztezentrum in Büsum. Solche Kooperationsmodelle sind wichtige Signale sowohl an Patientinnen und Patienten, aber auch - und da bin ich wieder bei diesem Thema angelangt - für junge Ärztinnen und Ärzte. Die ambulante Versorgung wird sich aufgrund vieler verschiedener Faktoren von einem starren zu einem hochflexiblen System entwickeln müssen. Das beinhaltet sowohl räumliche Konzentrationen, wie mit einem Ärztezentrum oder einem integrierten Notfallzentrum als auch eine engere Verzahnung dieser beiden Bereiche insgesamt.

TK spezial: Könnten Sie an einem Beispiel verdeutlichen, wo das Problem liegt - und wie man es aus Ihrer Sicht angehen könnte?

Hans Hinrich Neve: Ein sehr sichtbares Problem, in dem die sektorübergreifende Versorgung nur unzureichend funktioniert, wird im Bereich der Notfallversorgung in Krankenhäusern deutlich. Die Zusammenarbeit ist derzeit nicht in dem Maße möglich, wie sie nötig wäre. Die Notfallambulanzen geraten zunehmend an ihre Grenzen. Ein Hauptgrund dabei ist, dass Schätzungsweise 30 Prozent der Patienten diese ohne „medizinische Not“ aufsuchen. Es sind nicht nur lange Wartezeiten von Patientinnen und Patienten die Folge, sondern es steigt auch der Druck und die Arbeitsbelastung für Ärztinnen und Ärzte. Letztendlich wird sich dieser Umstand in der Qualität wiederspiegeln. Hier sehe ich einen eindeutigen Handlungsbedarf. Bereits im vergangen Jahr haben wir als Jamaika-Koalition einen Antrag verabschiedet, um eine größere sektorübergreifende Versorgung zu ermöglichen. Es wird eine Bundesratsinitiative aus Schleswig-Holstein geben, um den Regelbetrieb sogenannter Portalpraxen, die idealerweise an Krankenhäusern angegliedert sind, auch während der vertragsärztlichen Sprechstundenzeiten zu ermöglichen. Denn das ist nach der jetzigen Gesetzeslage im SGB V momentan nicht möglich.

TK spezial: Wie kann die Digitalisierung die Zusammenarbeit zwischen niedergelassen Ärzten, Krankenhäusern und den weiteren Leistungserbringern weiter verbessern?

Hans Hinrich Neve: Wichtige politische Schritte haben hier schon begonnen, z.B. mit dem E-Health Gesetz. Eine für Patient und Arzt einsehbare elektronische Patientenakte (ePA) würde eine Vielzahl an Vorteilen bringen. So könnten Arztbriefe, Befunde oder auch die Medikation eines Patienten auf einem zentralen Datenträger gespeichert und jederzeit für den behandelnden Arzt abrufbar sein. Relevante Informationen sind mit einer solchen elektronischen Patientenakte verfügbar. Und ganz nebenbei ist die ePA in unseren Nachbarländern, so z.B. in Österreich schon seit 2015 fest etabliert. Da hängen wir in Deutschland tatsächlich zurück.

Wichtig ist neben dem politischen Handeln und den rechtlichen Rahmenbedingungen aber auch, dass die Akzeptanz für den gesamten Bereich der Digitalisierung im Gesundheitswesen erhöht wird. Noch immer ist die Skepsis sowohl bei Patientinnen und Patienten als auch bei der Ärzteschaft hoch. Hier muss auch ein Stück Aufklärungsarbeit geleistet werden und die Vorteile der Digitalisierung hervorgehoben werden.

TK spezial: Welche Vorteile sehen Sie dabei für die Patienten?

Hans Hinrich Neve: Die Punkte, die ich vorangehend angesprochen habe, haben in der Folge natürlich auch Vorteile für die Patientinnen und Patienten. Ich möchte das gerne verdeutlichen. Die digitale Verfügbarkeit aller Befunde, Untersuchungen - also die Bündelung der gesamten Krankheitsbiographie ist auch für die Patientinnen und Patienten von nicht unerheblichem Nutzen. Denn all die oftmals vom Patienten müßig zusammengetragenen Dokumente, wie z.B. Röntgenbilder, sind bei diesem Verfahren gespeichert. Eine vollumfänglich genutzte Gesundheitskarte kann zudem im Notfall auch tatsächlich Leben retten, denn wichtige Informationen über Vorerkrankungen oder Allergien sind auf ihr gespeichert. Auch Doppeluntersuchungen oder gefährliche Wechselwirkungen von Medikamenten können auf diesem Weg vermieden werden.

Eine solche Umsetzung - wie sie seit Jahren auch schon geplant ist, wäre meines Erachtens ein wirklicher Meilenstein und würde der gesundheitlichen Versorgung insgesamt dienlich sein.

Zur Person

Hans Hinrich Neve ist seit 2009 Mitglied des Schleswig-Holsteinischen Landtags, seit der 19. Wahlperiode ist er gesundheits- und kommunalpolitischer Sprecher der Fraktion. Seine politische Laufbahn begann Neve in den 1980er Jahren. Er ist neben diversen Funktionen sowohl im Bauernverband als auch im Zweckverbandes für Breitbandversorgung im mittleren Schleswig-Holstein (ZBmSH), seit 1998 Bürgermeister der Gemeinde Stafstedt im Kreis Rendsburg-Eckernförde.