TK spezial: Herr Stender, die Versorgung im ländlichen Raum ist in Schleswig-Holstein ein viel diskutiertes Thema. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie hier?

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Harald Stender

Harald Stender: Meines Erachtens ergibt sind ein ganzer "Strauß" von notwendigen Maßnahmen. Natürlich muss eine bessere Vergütung der Hausärzte im ländlichen Raum stattfinden, wenn die Zahl der Ärzte in einer Versorgungsregion unter 100 Prozent fällt. Im Studium müssten die Studenten eine Zeit in Lehrpraxen auf dem Lande verbringen. Die Aufwendungen für die "doppelte Haushaltsführung" der Studenten und die Tutorentätigkeit der Ärzte müssen finanziell ausgeglichen werden. Darüber hinaus muss die Weiterbildungszeit - nach dem Studium - im ländlichen Raum Anreize bieten. Es ist zu überlegen, ob nicht sogar eine Weiterbildung im ländlichen Raum zur Pflicht gemacht wird.

Wir müssen dem Hausarzt in ländlichen Räumen ermöglichen, dass er auch im begrenzten Umfang fachärztliche Leistungen erbringen und abrechnen kann. Es kann z. B. nicht sein, dass Hausärzte auf den Nordseeinseln keine einfachen Röntgenaufnahmen mehr erbringen dürfen, obwohl die Befundung telemedizinisch aus Facharztpraxen erfolgen kann und stattdessen eine Hubschrauberverlegung bei einem verstauchten Knöchel veranlasst wird. Die Steigerung der Attraktivität der hausärztlichen Tätigkeit mit der Befugnis im ländlichen Raum mehr Leistungen erbringen zu können, wertet das Image der Hausärzte in schwer zu versorgenden Regionen auf.

Die Vergütung für telematische Beratungen ist derzeit so gestaltet, dass man diese Leistungen gar nicht fördern will. Wenn die Bundesregierung einen Ausbau der Telemedizin voranbringen möchte, dann müssen der Veranlasser und der beratende Arzt eine extrabudgetäre Vergütung in angemessener Höhe bekommen.

Das sind nur einige Maßnahmen, die die Attraktivität der Tätigkeit im ländlichen Raum wieder attraktiver machen.

TK spezial: "Wir werden sicherstellen, dass alle auch zukünftig eine gute, flächendeckende medizinische und pflegerische Versorgung … erhalten …" So steht es im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD zu Beginn des Kapitels 4. Ärzte, die in unterversorgten ländlichen Räumen praktizieren, die hausärztliche Versorgung und die "sprechende Medizin" sollen besser vergütet werde. Ist mehr Geld das Mittel der Wahl damit sich wieder mehr Haus- und Fachärzte dort niederlassen, wo Unterversorgung droht?

Harald Stender: Wie schon ausgeführt ist eine bessere Vergütung nicht das einzige Mittel, aber es hilft. Wenn Hausärzte im ländlichen Raum nach zwei Monaten im Quartal das Budget erfüllt haben und genügend Patienten vor der Praxis stehen, dann muss der "Deckel" entfallen.

TK spezial: Welcher weiteren Maßnahmen bedarf es aus Ihrer Sicht noch, um die medizinische Versorgung in strukturschwachen Regionen unseres Bundeslandes perspektivisch sicherzustellen?

Harald Stender: Ich trete schon seit Jahren dafür ein, dass die Krankenhausversorgung im ländlichen Raum stabilisiert wird. Wir müssen dringend zu einer erreichbarkeitsorientierten Versorgungsplanung kommen, die auch finanziell abgesichert ist. Die Gefährdung oder Schließung kleinerer Krankenhäuser führt dazu, dass das Versorgungsnetzt im ländlichen Raum weiter reißt. Es muss eine enge Kooperation zwischen stationärer und ambulanter Versorgung finanziell und durch Zulassungen gefördert werden, notfalls mit Sonderbedarfszulassungen, wenn sich Fachärzte in der Region der Zusammenarbeit verweigern. Nur durch ein "stambulantes“ Angebot kann in unterversorgten Regionen eine ressourcensparende Versorgung der ländlichen Räume übergreifend gesichert werden. Die Realisierung des Konzeptes der schleswig-holsteinischen KV und der Krankenhäuser zur Einrichtung der Portalpraxen ist überfällig und ein weiterer Baustein zur Versorgung der Landbevölkerung.

TK spezial: Seit Jahren arbeiten wir in Schleswig-Holstein daran, die flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. MVZ, kommunale Ärztezentren, ärztliche Zweigpraxen oder der Einsatz von NäPa`s sind einige Beispiele dafür. Aber wie können wir die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich substantiell verbessern?

Harald Stender: Wie schon ausgeführt müssen die Sektorengrenzen notfalls durch "Eingriffe" des Staates überwunden werden. Das Prinzip der Freiwilligkeit muss sich dem Gemeinwohl unterordnen. Es muss auch bei der fachärztlichen Versorgung eine kleinräumigere Planung stattfinden und die Kooperation mit den Kliniken der Grundversorgung gefördert werden. Wenn sich in bestimmten ländlichen Regionen die Fachärzte zusammenballen, während andere Bereiche nicht versorgt sind, dann muss gehandelt werden. Das System des Aufkaufs von orthopädischen und Augenarztpraxen durch Fachkliniken dient nicht der Grundversorgung der Bevölkerung im ländlichen Raum.

TK spezial: Könnten Sie an einem Beispiel verdeutlichen, wo das Problem liegt - und wie man es aus Ihrer Sicht angehen könnte?

Harald Stender: Aus der Sicht der Bevölkerung in Brunsbüttel sind die nächstgelegenen Radiologen jeweils ca. 35 km entfernt. Die öffentlichen Verkehrsmittel sind so organisiert, dass man als älterer Mensch mindestens einen halben Tag unterwegs ist, um eine Röntgenaufnahme zu machen. Die Teleradiologie würde es ermöglichen, dass die Aufnahmen im Krankenhaus Brunsbüttel gemacht und aus Heide, Itzehoe oder Hamburg durch Fachärzte befundet werden. Die Geräte stehen im Krankenhaus nur für die Privatpatienten und die stationären Patienten zur Verfügung. Eine solche Organisation ist für die Bevölkerung im ländlichen Raum nicht akzeptabel.

TK spezial: Wie kann die Digitalisierung die Zusammenarbeit zwischen niedergelassen Ärzten, Krankenhäusern und den weiteren Leistungserbringern weiter verbessern?

Harald Stender: Es ist dringend anzuraten, die Begriffe "Digitalisierung“ und "Telemedizin" einem Praxistest und einer Begriffsdefinition zu unterziehen. Jeder meint bei dem Thema etwas anderes. Natürlich ist es dringend geboten, die Patientendaten digital von der Praxis und dem Rettungswagen in die Klinik und zurück zu übermitteln. Die Hindernisse liegen in technischen Probleme und der Einfluss des Datenschutzes. Jeder hat eine andere Software und diese sind häufig nicht kompatibel. Hier wird der Staat die Softwarelieferanten auf einen gemeinsamen Standard verpflichten müssen, wenn sie weiterhin Software für das deutsche Gesundheitswesen liefern wollen. Es werden mindestens noch fünf Jahre ins Land gehen, bevor Patientendaten digital über die unterschiedlichen Versorgungspartner ausgetauscht werden können.

TK spezial: Welche Vorteile sehen Sie dabei für die Patienten?

Harald Stender: Die Antwort liegt auf der Hand. Datenübermittlung zwischen den Versorgungspartnern spart Zeit, Doppeluntersuchungen und fördert die Patientensicherheit.

Zur Person

Der Dipl. Verwaltungswirt Harald Stender ist seit 1976 in verschiedensten Positionen im schleswig-holsteinischen Gesundheitswesens tätig. Von 1992 bis 2014 war er Geschäftsführer der Westküstenkliniken Brunsbüttel und Heide gGmbH sowie mehrerer Tochterfirmen. Darüber hinaus war der heute 66 Jährige Vorstandsmitglied des 6K-Klinik-Verbundes in Schleswig-Holstein und Vorsitzender der Gesellschafterversammlung der Rettungsdienstkooperation Schleswig-Holstein (RKiSH).

Weiterhin war Stender Mitglied der Beteiligtenrunde zur Krankenhausplanung und Mitautor des Kommentars zum Krankenhausfinanzierungsgesetz in Schleswig-Holstein.

Seit Oktober 2014 ist er als Koordinator für die ambulante Versorgung des Kreises Dithmarschen tätig und als solcher der erste "Sonderbeauftragte einer Kommune für die hausärztliche Versorgung" in Deutschland. Als freiberuflicher Berater begleitet Harald Stender außerdem verschiedene Institutionen im Gesundheitswesen.