TK spezial: 2014 hat das Klinikum Frankfurt-Höchst gefordert, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) eine Zentrale des ärztlichen Bereitschaftsdienstes (ÄBD) in den Räumen des Krankenhauses einrichtet. Dies wurde von der KV abgelehnt. Nun wurde bekannt, dass Sie im Zuge des Krankenhausstrukturgesetzes einen neuen Anlauf wagen und eine sogenannte Portalpraxis für sich einfordern werden. Warum ist Ihnen das so wichtig?

Petersen: Unsere Notaufnahme wird an manchen Tagen von Patientenmassen regelrecht überrannt. Jeder zweite Patient hat dabei nur leichte Beschwerden, so dass er eigentlich in der Notaufnahme fehl am Platz ist. Ohne einen ÄBD in unseren Räumen oder in unmittelbarer Nähe zu uns stehen die Ärzte der Notaufnahme regelmäßig vor einem Dilemma: Eigentlich müsste man den Patienten sagen, dass sie mit ihren Beschwerden nicht in die Notaufnahme gehören. Wegschicken kann man sie aber auch nicht, wenn die nächste Zentrale des ärztlichen Bereitschaftsdienstes eine halbe bis dreiviertel Stunde entfernt ist. Der Weg dahin ist lang und unkomfortabel; das würden wir niemandem zumuten wollen. Außerdem wäre es auch riskant. Wenn sich auf dem Weg in die Bereitschaftsdienstzentrale die Beschwerden des Patienten plötzlich verschlimmern und dem Patienten dadurch etwas zustößt, sind die Ärzte der Notaufnahme verantwortlich.

TK spezial: Vor einem Jahr hat die KV den ärztlichen Bereitschaftsdient reformiert. In diesem Zusammenhang sind auch an 48 Krankenhäusern Zentralen des ÄBD entstanden. Trotzdem kommen weiterhin jeden Tag im Schnitt 140 Patienten in Ihre Notaufnahme. Woran liegt das?

Petersen: Frankfurts Osten ist mit den ärztlichen Bereitschaftsdienstzentralen am Uniklinikum und am Bürgerhospital optimal versorgt. Die beiden Zentralen sind Luftlinie nur ca. drei Kilometer voneinander entfernt. Außerdem ist Offenbach, wo es eine weitere ÄBD-Zentrale gibt, von dort aus schnell zu erreichen. Im Westen der Stadt gibt es hingegen keine einzige ÄBD-Zentrale. Das Klinikum Frankfurt-Höchst liegt inmitten dieses Versorgungslochs. Da es die Zentrale in Bad Soden seit der ÄBD-Reform nicht mehr gibt, müssten die Patienten aus dem Westen Frankfurts theoretisch bis nach Hofheim fahren. Da ist es doch völlig verständlich, dass unsere Notaufnahme eine Alternative für sie ist.

Viele Patienten kennen auch schlichtweg die Notfall-Telefonnummer des ärztlichen Bereitschaftsdienstes nicht. Die Nummer ist in der Vergangenheit nicht ausreichend kommuniziert worden.

Ich sehe nicht, dass der Versorgungsauftrag von der KV in dem Maße wahrgenommen wird, wie ich mir das als Notfallmediziner vorstelle. Ich verstehe natürlich, dass es auch für die KV nicht einfach ist. Es ist beispielsweise eine Herausforderung, genügend Ärzte zu finden, die sich bereit erklären, den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu übernehmen, weil es finanziell für die Mediziner nicht attraktiv ist.

Zur Person

Dr. Peter-Friedrich Petersen wurde 1963 in Münster (Westfalen) geboren. Von 1984 bis 1990 absolvierte er ein Medizinstudium an der Universität Köln, wo er 1992 auch promovierte. Anschließend war Petersen als Assistenzarzt an der chirurgischen Klinik der Universität Bonn tätig. Zwischen 1998 und 2001 arbeitete er als Unfallarzt in verschiedenen Kliniken in Deutschland. 2001 trat er eine Stelle als Oberarzt in der Klinik für Unfallchirurgie des Klinikums Offenbach an. Von 2005 bis 2011 war Petersen Leiter der Notaufnahme des Universitätsklinikums Aachen. Am 1. Oktober 2011 wechselte er als Chefarzt in die Zentrale Notaufnahme des Klinikums Frankfurt-Höchst.

TK spezial: Es entsteht teilweise der Eindruck, dass die Notaufnahmen von den Patienten auch aus Bequemlichkeit aufgesucht werden. Wie erleben Sie das vor Ort?

Petersen: Einige Patienten haben schon berichtet, dass sie eine halbe Stunde lang in der Warteschleife der ÄBD-Hotline festhingen und darauf keine Lust mehr darauf hatten. Andere haben mir erzählt, dass sie es lieber in Kauf nehmen, einige Stunden in der Notaufnahme zu warten, als auf einen Facharzttermin zu hoffen. Außerdem machen auch viele Arbeitgeber Druck. Sie wollen nicht, dass die Arbeitnehmer unter der Woche zum Arzt gehen. Also erledigen die Arbeitnehmer das eben am Wochenende oder abends, wenn die Hausarztpraxen geschlossen sind.

Uns suchen auch viele Menschen mit Migrationshintergrund auf. Sie sind es aus ihren Heimatländern gewohnt, dass Kliniken in Gesundheitsfragen die ersten Ansprechpartner sind. Sie kennen die Trennung zwischen ambulanter und stationärer Versorgung nicht.