TK spezial: Die Versorgung im ländlichen Raum ist in Schleswig-Holstein ein viel diskutiertes Thema. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie hier?

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Dr. Marret Bohn

Dr. Marret Bohn: Für die Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum brauchen wir ein ganzes Maßnahmenpaket.

Aus meiner Sicht ist der entscheidende Faktor hierbei der Mangel an Fachkräften. Bei den Koalitionsverhandlungen in Schleswig-Holstein habe ich mich daher dafür eingesetzt, dass wir erstmalig für alle Gesundheitsberufe eine Bestandsaufnahme mit konkreten Handlungsempfehlungen für Schleswig-Holstein bekommen werden. Ich freue mich sehr darüber, dass diese Initiative erfolgreich war und jetzt umgesetzt wird.

Zur Sicherung der medizinischen Versorgung im ländlichen Raum muss die Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Haus- und Fachärztinnen und -ärzten weiter verstärkt werden. Hierfür gibt es schon sehr gute, konstruktive Ansätze, die wir gern weiter ausbauen wollen. Hierbei setzen wir Grüne auf regionale Gesundheits- und Pflegekonferenzen.
Weitere Bausteine im Maßnahmenpaket sind MVZ, kommunale Ärztezentren, ärztliche Zweigpraxen, der Einsatz von nicht-ärztlichen Praxisassistentinnen und -assistenten (NäPa) und der intelligente Einsatz der Telemedizin.

Für die Krankenhäuser ist wichtig, dass wir den Investitionsstau bei den Krankenhausbauten weiter abbauen. Zusätzlich zu den ohnehin schon geplanten 554 Mio. Euro werden wir weitere 50 Mio. Euro für die Krankenhäuser zur Verfügung stellen. Außerdem wollen wir Grüne in dieser Legislaturperiode ein Landeskrankenhausgesetz für Schleswig-Holstein auf den Weg bringen.

TK spezial: "Wir werden sicherstellen, dass alle auch zukünftig eine gute, flächendeckende medizinische und pflegerische Versorgung … erhalten …" So steht es im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD zu Beginn des Kapitels 4. Ärzte, die in unterversorgten ländlichen Räumen praktizieren, die hausärztliche Versorgung und die "sprechende Medizin" sollen besser vergütet werde. Ist mehr Geld das Mittel der Wahl damit sich wieder mehr Haus- und Fachärzte dort niederlassen, wo Unterversorgung droht?

Dr. Marret Bohn: Eine angemessene Vergütung ärztlicher Tätigkeit ist wichtig für die Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum. Das gilt im Übrigen genauso für die Pflege und alle Gesundheitsberufe und sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Insbesondere das Gespräch mit den Patientinnen und Patienten besser zu bezahlen, ist eine urgrüne Forderung. Ich begrüße es daher ausdrücklich, dass dies jetzt umgesetzt werden soll. Zu glauben, dass damit die Versorgung auf dem Land gesichert werden könnte, greift allerdings zu kurz. Viele Ärztinnen und Ärzte können sich ein Leben als "Landärztin oder Landarzt alter Schule“ mit Bereitschaft rund um die Uhr nicht mehr vorstellen. Daher muss insgesamt die Attraktivität für eine Niederlassung gesteigert werden.

TK spezial: Welcher weiteren Maßnahmen bedarf es aus Ihrer Sicht noch, um die medizinische Versorgung in strukturschwachen Regionen unseres Bundeslandes perspektivisch sicherzustellen?

Dr. Marret Bohn: Das Ärztezentrum in Büsum ist ein gutes Beispiel, wie es funktionieren kann. Den Kommunen vor Ort kommt zukünftig eine wichtige Rolle zu. Ob es um Räumlichkeiten für ein kommunales Ärztezentrum, eine Bushaltestelle oder Parkmöglichkeiten vor Ort geht - die Kommunen können bei der Sicherung der Versorgung vor Ort eine große Unterstützung sein.

Ein anderes Beispiel ist das "Zukunftsmodell Brunsbüttel", für dessen Realisierung wir Grüne uns in der Küstenkoalition maßgeblich eingesetzt haben. Damit ist ein erfolgreiches Leuchtturmprojekt auf den Weg gebracht worden. Jetzt ist unser Ziel zu klären, inwiefern dieses Modell sich auf andere Standorte übertragen lässt.

Ich unterstütze weiterhin die Forderung, dass die Anzahl der Medizinstudienplätze an den steigenden Bedarf angepasst wird. Auch dies ist in unseren Koalitionsvertrag aufgenommen worden. Und die Ausbildung in allen Gesundheitsfachberufen muss kostenfrei werden.

TK spezial: Seit Jahren arbeiten wir in Schleswig-Holstein daran, die flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. MVZ, kommunale Ärztezentren, ärztliche Zweigpraxen oder der Einsatz von NäPa`s sind einige Beispiele dafür. Aber wie können wir die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich substantiell verbessern?

Dr. Marret Bohn: Bei der Planung der medizinischen Versorgung müssen ambulante und stationäre Angebote zusammen gedacht werden. Alle Beteiligten im Gesundheitswesen müssen hierbei an einem Strang ziehen. Das sehen wir aktuell gerade an der Situation in der Notfallversorgung. In unserem neuen Regierungsbündnis haben wir eine Initiative angeschoben, die das Schleswig-Holsteinische Modell der Portalpraxen unterstützt. Ich hoffe, dass die große Koalition in Berlin dies unterstützen wird. Wir stellen uns aber auch auf Landesebene unserer Verantwortung und werden einen Versorgungssicherungsfonds auflegen.

TK spezial: Könnten Sie an einem Beispiel verdeutlichen, wo das Problem liegt - und wie man es aus Ihrer Sicht angehen könnte?

Dr. Marret Bohn: Ein älterer Patient kommt nach erfolgreicher Knie-OP in die Reha. Die Rehaklinik liegt 60 Kilometer vom Wohnort entfernt. Nach der Reha soll der Patient allein zurechtkommen und weiterhin regelmäßig Physiotherapie erhalten. Er lebt aber allein und hat kein Auto. Wer sorgt für Anschlusstermine bei der Physiotherapie? Wer kümmert sich darum, dass die Therapie ins Haus kommt? Die Reha-Klinik ist weit entfernt und die Hausärztin oder der Hausarzt können auch nicht weiter helfen. Aus meiner Sicht brauchen wir kommunale Gesundheitszentren mit Gemeindeschwestern vor Ort, die sich um diese Patienten kümmern. Bei diesem Patienten z.B. würde die Gemeindeschwester frühzeitig über die anstehende Entlassung informiert werden und könnte die Termine rechtzeitig koordinieren.

TK spezial: Wie kann die Digitalisierung die Zusammenarbeit zwischen niedergelassen Ärzten, Krankenhäusern und den weiteren Leistungserbringern weiter verbessern?

Dr. Marret Bohn: Telemedizin ist eine gute Möglichkeit, um die medizinische Versorgung im ländlichen Raum zu sichern, wird sich aus meiner Einschätzung aber auch in den Städten weiter ausbreiten.
Kontrollgespräche und die Übermittlung von Blutdruck- oder Blutzuckerwerten, EKG und anderen Befunden können hierdurch deutlich vereinfacht werden. Ob in diesem Zusammenhang das "Fernbehandlungsverbot“ gelockert werden sollte, muss sehr sorgfältig geprüft werden. Ich bin in diesem Zusammenhang sehr gespannt auf die Debatte, die der Bundesärztetag hierzu im Mai führen wird. Ich verspreche mir hiervon konkrete Vorschläge, wie wir bei diesem wichtigen Anliegen einen Schritt weiter kommen.

TK spezial: Welche Vorteile sehen Sie dabei für die Patienten?

Dr. Marret Bohn: Für Patientinnen und Patienten bestehen die Vorteile darin, dass sie sich nicht auf den Weg in die Arztpraxis begeben müssen. Gerade für Patientinnen und Patienten mit eingeschränkter Mobilität oder im ländlichen Raum mit unzureichendem ÖPNV ist das ein klarer Vorteil. Ein weiterer Vorteil ist, dass die Situation bei der Terminvergabe verbessert werden kann. Auch für die medizinische Versorgung der Inseln und Halligen, die mir als gebürtige Insulanerin ein besonderes Anliegen ist, bietet die Telemedizin Chancen, die wir nutzen sollten. Sie ist kein Allheilmittel, aber sie ist ein wichtiger Baustein, der zusammen mit den niedergelassenen Haus- und Fachärztinnen und -ärzten und den Krankenhäusern die Versorgung vor Ort sichern wird

Zur Person

Dr. Marret Bohn, geboren 1964 in Wyk auf Föhr, studierte nach ihrem Abitur Medizin in Hamburg. Sie ist Fachärztin für Innere Medizin mit Zusatzbezeichnung Sozial- und Ernährungsmedizin. Seit 2009 sitzt Marret Bohn als Abgeordnete für die Fraktion von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN im Schleswig-Holsteinischen Landtag. Dort ist sie als Sprecherin für Soziales, Gesundheit, Pflege, Frauen und Gleichstellung ihrer Fraktion tätig. 2012 hat Dr. Marret Bohn zusätzlich das Amt der Parlamentarischen Geschäftsführerin übernommen.