TK: Sachsen-Anhalt hat gewählt. Was erwarten Sie von der neuen Landesregierung in der anstehenden Legislaturperiode und was muss zuerst in Angriff genommen werden?

Mathias Arnold: In Sachsen-Anhalt gibt es noch 577 öffentliche Apotheken. In den vergangenen zehn Jahren mussten allein 40 Apotheken ersatzlos aufgeben. Es ist zu befürchten, dass sich dieser Trend fortsetzt. Mit den Folgen - dem Verlust an Anlaufstellen für Gesundheitsfragen in strukturschwachen Gebieten - müsste die Gesellschaft dann leben. Das kann in der Altmark, im Salzlandkreis oder im Südharz für viele Menschen sehr relevant sein.

Die Apothekerinnen und Apotheker erwarten deshalb ein klares Bekenntnis der Landesregierung zur Sicherung und Stärkung der Arzneimittelversorgung vor Ort. Gesundheitspolitik wird zwar zumeist in Berlin gemacht, aber über den Bundesrat hat Magdeburg auch erheblichen Einfluss auf viele Gesetze und Verordnungen. Das kann dann gerne durch konkrete Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung im Land ergänzt werden.

Mathias Arnold

Portrait Mathias Arnold, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt und Vizepräsident der ABDA. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt und Vizepräsident der ABDA. 

TK: Nach einer Umfrage der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände - dem sogenannten "Apothekenklima-Index“ - wünschen sich die Apothekerinnen und Apotheker weniger Bürokratie und mehr pharmazeutische Kompetenz für ihre Tätigkeit. Was muss sich zum Beispiel im Land ändern, um bei uns die Apothekenniederlassung - auch in ländlichen Gebieten - dauerhaft zu sichern?

Arnold: Mit dem "Apothekenklima-Index“ zeigt die ABDA jedes Jahr, wie sich die Stimmung bei den selbstständigen Apothekerinnen und Apothekern entwickelt. In der Tat schreckt der Papierkram im Büro eher ab, während angewandte Pharmazie im direkten Kontakt mit den Patienten motivierend wirkt. Das ist auch bei der Nachwuchssuche relevant. Laut einer neuen ABDA-Berechnung herrschen beste Berufsaussichten mit Vollbeschäftigungsgarantie für die Pharmazie-Studierenden, zugleich aber eben auch ein zunehmender Fachkräftemangel in den Apotheken. Wenn nicht bald mehr Studienplätze entstehen, beläuft sich der Personalengpass bundesweit auf bis zu 10.000 unbesetzte Stellen im Jahr 2029.

In Sachsen-Anhalt kann man Pharmazie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg studieren. Mit etwa 135 Studierenden pro Jahr gehört die Fakultät immerhin zu den größten Deutschlands und spielt so eine wichtige Rolle für den Erhalt der pharmazeutischen Kompetenz. Ob sich die Absolventinnen und Absolventen nach Ende des Studiums in die verschiedenen Regionen Sachsen-Anhalts locken lassen, um dort vielleicht eine eigene Apotheke zu gründen oder eine bestehende zu übernehmen, ist eine sehr komplexe Frage und hängt von vielen Faktoren ab. Planungssicherheit für die Zukunft ist aber bestimmt ein wesentliches Element für eine solche Entscheidung.

Vielleicht lohnt es sich, nicht erst bei der Hochschul-, sondern auch schon in der Schulpolitik anzusetzen. Oftmals scheint es in den Schulen vor allem in den Naturwissenschaften an Lehrkräften zu mangeln, sodass das Interesse an diesen Unterrichtsfächern schwindet. Dadurch wird zum Beispiel Chemie im Abitur frühzeitig abgewählt - mit der weiteren Folge, dass Studiengänge wie Pharmazie und Chemie von vornherein nicht in die Auswahlentscheidung einbezogen werden.

Kurzum: Wenn man die Schülerinnen und Schüler in allen Landesteilen frühzeitig für die Pharmazie und die Apotheke begeistert, besteht eine gute Chance, dass sie später mit Ehepartner oder Ehepartnerin und Nachwuchs in eine Apotheke in der alten Heimat zurückkehren.

TK: In einem früheren Interview sagten Sie der TK: "Das E-Rezept wird einen großen Einfluss auf die Arzneimittelversorgung haben, den man aber nicht fürchten muss, sondern gestalten sollte." Jetzt ist die Einführung des E-Rezeptes vom 1. Juli 2021 auf den 1. Januar 2022 verschoben. Wie schätzen Sie diese Verschiebung ein? Hat dies Einfluss auf die Arbeit der Apothekerinnen und Apotheker im Land?

Arnold: Laut Gesetz musste bis zum 1. Juli lediglich sämtliche Technik durch die gematik bereitgestellt sein. Die bundesweite Pflichtanwendung ist zum 1. Januar 2022 geplant. Viele Menschen hatten womöglich erwartet, dass gleich ab 1. Juli sämtliche Ärzte, Patienten und Apotheken die E-Rezepte nutzen können. Dies ist jedoch nicht der Fall. So gehe ich beispielsweise davon aus, dass auch noch nicht jede und jeder TK-Versicherte eine NFC-fähige Gesundheitskarte, ein NFC-fähiges Smartphone und eine PIN von der Krankenkasse besitzt. Nur dann kann er oder sie nämlich die E-Rezept-App der gematik nutzen.

Am 1. Juli ist zunächst eine Testphase in der Fokusregion Berlin-Brandenburg gestartet, wo 50 Ärztinnen und Ärzte und 120 Apotheken sowie viele Patientinnen und Patienten das E-Rezept ausprobieren sollen. Die Apotheken in Sachsen-Anhalt sind schon jetzt „E-Rezept-ready“ und somit bestens vorbereitet. Bis dahin wird es also wie gewohnt das rosa Papierrezept aus der Arztpraxis geben.

Wie genau das E-Rezept dann künftig per Handy oder Papierausdruck funktioniert, darüber wird in den kommenden Monaten viel Aufklärungsarbeit in Arztpraxen, Apotheken und TK-Geschäftsstellen zu leisten sein. Die Arzneimittelversorgung in den Apotheken ist aber auch dann für alle sichergestellt - mit und ohne Smartphone-App.

TK: Worauf setzt der Landesapothekerverband seinen strategischen Fokus in den kommenden fünf Jahren?

Arnold: Der Landesapothekerverband Sachsen-Anhalt setzt sich für den Erhalt der flächendeckenden pharmazeutischen Versorgung durch inhabergeführte Apotheken - auch und gerade in den dünner besiedelten Gebieten unseres Bundeslandes - ein. Apotheken sind ein wesentlicher Teil der Daseinsvorsorge und des gesundheitlichen Leistungsspektrums, da die Arzneimitteltherapie zu den wichtigsten und effektivsten Behandlungsmethoden gehört.

Wo eine Apotheke ist, da ist nicht nur fachliche Kompetenz, sondern auch persönliche Beratung und menschliche Nähe. Das war und ist gerade seit Beginn der Corona-Pandemie vor anderthalb Jahren ganz besonders zu spüren. Die Menschen brauchen Schutzmasken, Schnelltests und Impfstoffe, aber auch Hilfe und Mitgefühl.

Der Landesapothekerverband muss seine Mitglieder auch bei der Digitalisierung unterstützen. In Richtung Landesregierung und Kommunalebene sei der Hinweis erlaubt, dass der Ausbau der digitalen Infrastruktur in Sachsen-Anhalt noch längst nicht abgeschlossen ist und der technische Fortschritt uns stets vor neue Herausforderungen stellt. Schnelles Internet und sichere Datenautobahnen bleiben eine Daueraufgabe.

Gegenüber Gesellschaft und Politik will der Landesapothekerverband deutlich machen, dass das E-Rezept den Versicherten jetzt auch noch einen zusätzlichen Kommunikations- und Versorgungsweg neben dem analogen, physischen Kontakt bietet. Das ist ein klarer Wettbewerbsvorteil gegenüber dem Versandhandel, der eben nur digital ist, aber de facto niemals auch zusätzlich noch vor Ort mit persönlichem Ansprechpartner tätig ist. Und dass der Botendienst der Apotheke um die Ecke der schnellste und sicherste Weg zum Arzneimittel ist, versteht sich von selbst.

Zur Person 

Mathias Arnold, Jahrgang 1964, ist Inhaber einer Apotheke in Halle/Saale, Vorsitzender des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt in Magdeburg und Vizepräsident der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände in Berlin. Er engagiert sich für die Einführung des E-Rezepts und leitet die Europadelegation der ABDA in Brüssel. Im Jahr 2021 hat Arnold das Amt des Vizepräsidenten im Zusammenschluss der Apotheker in der Europäischen Union (ZAEU) inne.