TK spezial: Seit Inkrafttreten des Versorgungstärkungsgesetzes im Jahr 2015 haben Kommunen die Möglichkeit, eigene MVZ zu gründen. In die Tat umgesetzt haben das allerdings bisher nur wenige. Wovor schrecken die Kommunen zurück?

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Müller: Ein MVZ zu gründen, und noch mehr es dann auch erfolgreich zu betreiben, ist ein wirklich komplexes Unterfangen. Es ist daher ausgesprochen zu begrüßen, dass man sich nicht blindlings in das "Abenteuer MVZ" stürzt. Zumeist gibt es ja noch Ärzte oder auch ein Krankenhaus vor Ort. Versorger also, die sich mit den besonderen Herausforderungen des deutschen Gesundheitswesens besser auskennen. Mit diesen oder gegebenenfalls auch mit dritten Akteuren den  Schulterschluss und damit alternative Lösungen zum eigenen MVZ-Betrieb zu suchen, entspricht der empfehlenswerten Vorgehensweise. Es gibt allerdings auch einige Konstellationen, wo der Betrieb eines kommunalen MVZ sinnvoll sein kann.

TK spezial: Welche Konstellationen wären das?

Müller: Denken Sie an Gemeinden und Kleinstädte im ländlichen Raum, wo das nächste Krankenhaus entweder weiter weg ist oder geschlossen wird. Wenn dort mehrere der Bestandsärzte gleichzeitig in Ruhestand gehen oder das ehemalige Krankenhaus in ein lokales Gesundheitszentrum umgewandelt werden soll, kann kommunales Engagement helfen, die notwendigen Basisversorgungstrukturen aufrechtzuerhalten.

Es ist ja bekannt, dass Fachärzte, die vom Krankenhaus in den ambulanten Bereich wechseln, allgemein zur Anstellung tendieren und gleichzeitig größere Kooperationen bevorzugen. Das heißt, Einzelärzte, die Schwierigkeiten haben, für ihren Sitz einen Nachfolger zu finden, können durch Zusammenschluss ihrer Zulassungen attraktive ärztliche Arbeitsplätze schaffen. Das übrigens nicht nur für die jungen Kollegen, sondern auch für sich selbst. Viele ältere Ärzte arbeiten nach Abgabe ihrer Praxis noch in Teilzeit angestellt in MVZ weiter.

"MVZ sind grundsätzlich attraktive Arbeitgeber"

TK spezial: Sind kommunale MVZ aus Ihrer Sicht ein geeignetes Mittel, um Ärzte in ländliche Gebiete zu locken?

Müller: Kommunale MVZ im Sinne des eben beschriebenen Übergabe-Modells sind grundsätzlich geeignet, um Ärzte aufs Land zu bringen. Klar will die neue Generation der Tendenz nach in die Städte - gleichzeitig sagen viele aber auch, dass sie sich gut vorstellen könnten, für einen Zeitraum von bis zu fünf Jahren auf dem Land zu arbeiten. Wenn kommunale MVZ sich hier als attraktive Arbeitgeber präsentieren, können aus solchen mittelfristigen Anstellungen auch langfristige Bindungen werden.

Das erleben wir immer wieder. Insbesondere dann, wenn auch Weiterbildungsangebote gemacht werden, also das MVZ auch ausbildet und Plätze für das Praktische Jahr (PJ) anbietet. Je früher Mediziner in ihrer Ausbildung mit dem ambulanten Bereich in Kontakt kommen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit eines später entsprechenden Engagements. Hier braucht es seitens der Kommunen allerdings einen langen Atem  und in der MVZ-Leitung jemanden, der sich mit dem sehr speziellen Normenrahmen der ambulanten Versorgung bestens auskennt.

TK spezial: Sicherlich gefällt es nicht allen Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), dass nun auch Kommunen bei der Sicherung der ärztlichen Versorgung mitspielen wollen. Welche Erfahrungen haben Sie hier gemacht?

Müller: Das ist unterschiedlich und hängt sehr davon ab, wie ausgeprägt der Ärztemangel in der jeweiligen Region bereits ist. Einzelne KVen - beispielsweise in Bayern und Rheinland-Pfalz - haben richtige Anlaufstellen für Kommunen installiert, um den Beratungsbedarf aufzufangen.

"Kooperationen sind unabdingbar"

TK spezial: Sind aus Ihrer Sicht Kommunen überhaupt geeignet, eigene MVZ zu führen?
Müller: Jein. Die Kommune an sich verfügt in aller Regel bisher nicht über fachliche Expertise zum ambulanten Sektor. In Verbindung mit einem klammen Gemeindehaushalt ist das eine denkbar schlechte Voraussetzung für den MVZ-Betrieb.

Die MVZ-Gründung eignet sich auch nicht als Wahlkampfthema, mit dem sich einzelnen Parteien kurzfristig zu profilieren versuchen. Gibt es dagegen Partner, z.B. erfahrene Praxismanager der Bestandsärzte vor Ort, die bereit sind, beim MVZ-Aufbau mitzuwirken, ist die Kommune nicht weniger geeignet als jeder andere zulässige Gründer auch. Wesentlich ist, eine solche Gründung nicht gegen, sondern in Kooperation mit noch vorhandenen  Ärzten und Krankenhäusern vor Ort anzugehen.

TK spezial: Was müsste sich aus Sicht Ihres Verbandes ändern, damit mehr Kommunen den Schritt wagen, ein eigenes MVZ zu gründen?

Müller: Vor allem muss die Gesetzgebung verlässlich sein. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) ist aktuell das dritte Gesetz in Folge geplant, mit dem am Kreis der zulässigen Träger "herumgedoktert" wird. Gleichzeitig ist im Entwurf des TSVG vorgesehen, künftig ärztliche Anstellungswechsel nicht mehr grundsätzlich zu genehmigen, sondern unter eine gesonderte Bedarfsprüfung zu stellen. Das beträfe kommunale MVZ wie jedes andere auch. Das heißt, wenn ein Arzt kündigt, ist nicht sicher, ob das MVZ diese Stelle auch nachbesetzen darf. Vor diesem Hintergrund wird es schwer sein, der Kommunalaufsicht klarzumachen, weshalb zum Teil sechsstellige Beträge in Zulassungen investiert werden sollen, ohne Sicherheit, diese dann auch langfristig betreiben zu können.

Zur Person

Susanne Müller wurde 1978 in Berlin-Lichtenberg geboren. Studiert hat sie Politikwissenschaften am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin. Nach Abschluss ihres Studiums 2007 arbeitete Müller zunächst bei einer Krankenkasse in Berlin. Bereits über ihre Diplomarbeit, in der sich Müller der Beziehung zwischen den DDR-Polikliniken, der Praxisnetzbewegung und den kurz zuvor neu etablierten Medizinischen Versorgungszentren widmete, knüpfte sie erste Kontakte zu ihrem späteren Arbeitgeber, dem Bundesverband Medizinische Versorgungszentren - Gesundheitszentren - Integrierte Versorgung e.V. Seit November 2007 ist Susanne Müller für den Verband tätig; seit 2009 ist sie dessen Geschäftsführerin.