TK spezial: Die Versorgung im ländlichen Raum ist in Schleswig-Holstein ein viel diskutiertes Thema. Welchen Handlungsbedarf sehen Sie hier?

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Dr. Monika Schliffke

Dr. Monika Schliffke: Als KV denken wir dazu prospektiv. Wir analysieren die Situation und rechnen hoch, mit welcher Wahrscheinlichkeit in bestimmten Regionen die personelle Ressource Arzt fehlen wird. Dies kommunizieren wir auch in vielen Gesprächen mit Vertretern des ländlichen Raumes. Es gibt zahlreiche, auch finanziell unterstützte Programme seitens der KVSH, den Urbanisationstrend junger Ärzte aufzufangen und sie für landärztliche Tätigkeit zu begeistern. Bis jetzt sind wir noch ganz erfolgreich damit, aber es ist unwahrscheinlich, angesichts eines Rückgangs bei Hausärzten um 30 Prozent in den nächsten Jahren, alles komplett auffangen zu können. Neue Zusammenarbeitsformen, auch Telemedizin, können hilfreich sein. Es führt aber kein Weg daran vorbei, der Landbevölkerung zu sagen, dass es zum nächsten Hausarzt auch mal mehr als zehn Kilometer werden können.

TK spezial: "Wir werden sicherstellen, dass alle auch zukünftig eine gute, flächendeckende medizinische und pflegerische Versorgung … erhalten …" So steht es im Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD zu Beginn des Kapitels 4. Ärzte, die in unterversorgten ländlichen Räumen praktizieren, die hausärztliche Versorgung und die "sprechende Medizin" sollen besser vergütet werde. Ist mehr Geld das Mittel der Wahl damit sich wieder mehr Haus- und Fachärzte dort niederlassen, wo Unterversorgung droht?

Dr. Monika Schliffke: "Wir werden sicherstellen“ heißt zunächst sehr deutlich, dass die Politik das Ruder der Gesundheitsversorgung in die Hand nehmen will. Bislang war es gemäß SGB V so, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen den Sicherstellungsauftrag hatten. Das soll sich diesem Wortlaut entsprechend nun ändern, beginnend mit einer unmittelbaren Beteiligung von Bund und Ländern in allen Bereichen der ärztlichen Selbstverwaltung, von Honorar über Qualitätssicherung bis Zulassung. Ich bin mir nicht sicher, ob diese geplante Mitbestimmung auch Mitverantwortung und damit finanzielle Mittel bedeutet. Geld rangiert seit Jahren bei jungen Ärzten auf Rang drei – nach Kita, Schule, Infrastruktur und den Arbeitsmöglichkeiten des Partners. Es ist selbstverständlich ein gewichtiger Faktor in der Standortwahl. Leider versteckt sich in der Regel hinter politischen Versprechungen der Begriff Umverteilung. Nicht einmal von voller Finanzierung der Grundleistungen ist irgendwo die Rede, um Niederlassung im ländlichen Raum attraktiver zu machen.

TK spezial: Welcher weiteren Maßnahmen bedarf es aus Ihrer Sicht noch, um die medizinische Versorgung in strukturschwachen Regionen unseres Bundeslandes perspektivisch sicherzustellen?

Dr. Monika Schliffke: Zunächst braucht jeder Arzt das, was im Koalitionsvertrag gerade konterkariert wird. Anerkennung, Wertschätzung des Berufes und eine Betonung der Freiberuflichkeit, die die Basis ist für eine gute Patientenversorgung. Je mehr diese Faktoren an gesellschaftlichem Wert verlieren, desto unbeliebter wird die Niederlassung. Als KV sehe ich momentan noch keine Entwicklung neuer Perspektiven, weil die Politik nicht sagt, wo sie gesundheitspolitisch hinwill. Ist der jetzige Vertrag der Beginn eines staatlichen Gesundheitswesens, zumindest auf der Leistungsgeberseite? Will man die Hausärztlichkeit zur Lotsenfunktion gestalten? Soll es noch Fachärzte in der Fläche oder nur in MVZs und an Kliniken geben? Wie stellt man sich die genannten neuen Kompetenzverteilungen zwischen den Gesundheitsberufen vor? Solange diese zentralen Zukunftsfragen nicht geklärt sind, bleiben sowohl ärztliche als auch Selbstverwaltungsperspektiven kurzfristig.

TK spezial: Seit Jahren arbeiten wir in Schleswig-Holstein daran, die flächendeckende medizinische Versorgung sicherzustellen. MVZ, kommunale Ärztezentren, ärztliche Zweigpraxen oder der Einsatz von NäPa`s sind einige Beispiele dafür. Aber wie können wir die sektorenübergreifende Zusammenarbeit zwischen dem ambulanten und dem stationären Bereich substantiell verbessern?

Dr. Monika Schliffke: Es geschieht bereits viel in unserem Bundesland, deutlich mehr als woanders und weniger ideologiegetrieben. Es gibt ein gutes Gesprächsklima zwischen Kliniken und KV, im Notdienst wird die Zusammenarbeit immer besser. Ärzte aus Klinik und Praxis treffen sich zu gemeinsamen Fallbesprechungen und Qualitätsboards. Die ambulante spezialärztliche Versorgung entsteht. Die Netze entfalten zahlreiche Aktivitäten. Je besser man sich auf den Ebenen kennt, desto mehr wirkt es sich positiv auf die Patientenversorgung aus. Ja, an Organisationsformen kann man arbeiten. Einweisungs- und Entlassmanagement, Zweitmeinungsverfahren, die sog. blutige Entlassung, der Ökonomisierungszwang. Es bleibt zu tun. Ich würde mir auch wünschen, dass die Krankenkassen in diesem Prozess eine aktivere Rolle übernähmen. Sie haben Informationsvorteile, die bis heute so gut wie nicht genutzt werden.

TK spezial: Könnten Sie an einem Beispiel verdeutlichen, wo das Problem liegt - und wie man es aus Ihrer Sicht angehen könnte?

Dr. Monika Schliffke: eKommunikation ist ein noch ziemlich leeres Feld zwischen ambulant und stationär. Krankenhaus- und Arztinformationssysteme scheinen zwei unverträgliche Welten zu sein. Mir ist bisher nicht bekannt, dass Kliniken auch eine Verpflichtung zum Anschluss an die Telematik-Infrastruktur incl. Sanktionsbewehrung haben. Es fehlt dringend ein bundesweites gemeinsames Konzept.

TK spezial: Wie kann die Digitalisierung die Zusammenarbeit zwischen niedergelassen Ärzten, Krankenhäusern und den weiteren Leistungserbringern weiter verbessern?

Dr. Monika Schliffke: Die Digitalisierung wird sukzessive alle medizinischen Leistungsbereiche verändern. Wir projektieren gerade eine telematische Plattform für strukturierte Behandlungsprogramme incl. Einbindung digitaler bildgebender Verfahren. So etwas wird die Interaktionen zwischen den ärztlichen Fachgruppen und damit die Behandlungsprozesse für die Patienten sowohl qualitativ als auch zeitlich deutlich verbessern. Als allgemeine Basis brauchen wir eine übergreifende digitale ärztliche Fallakte, so dass Informationsbrüche gar nicht erst entstehen. Die Versichertenkarte mit ihren Speichermöglichkeiten ist heute schon überholt. Sie ist auf jeden Fall kein passendes Medium für Ärzte. Man sollte sich an Österreich oder Dänemark orientieren.

TK spezial: Welche Vorteile sehen Sie dabei für die Patienten?

Dr. Monika Schliffke: Nachvollziehbarkeit von Behandlung wird sichtbar, Doppeluntersuchungen werden weiter weniger, es verflüchtigen sich keine Befunde mehr, Abläufe können gestraffter sein. Versorgungsdaten entstehen, die auswertbar gemacht werden können. Die Palette ist sehr breit.

Zur Person

Dr. Monika Schliffke ist seit Juli 2012 Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein. Sie ist verheiratet und Mutter von zwei Söhnen. Nach dem Abitur studierte sie Medizin in Hannover und promovierte 1976. 2003 schloss sie das Fach Gesundheitsökonomie mit einem Diplom ab. Von 1982 bis 2012 war sie in Ratzeburg als Hausärztin niedergelassen, daneben ehrenamtlich tätig im Praxisnetz Herzogtum Lauenburg sowie für die KVSH aktiv als Kreisstellenvorsitzende, Notdienstbeauftragte und in Ausschüssen.