Frankfurt am Main, 26. Februar 2021. Wie können Vernachlässigung und Misshandlungen sowie sexueller Missbrauch von Kindern erkannt und fachgerecht abgeklärt werden? Und wie sehr erschwert es die häusliche Isolation in der Corona-Pandemie, Gewalt an Kindern und deren körperliche und psychische Folgen zu beobachten?

Mit dieser schwierigen Thematik beschäftigt sich am Freitag und Samstag, 12./13. März 2021, die Internationale Kasseler Fortbildung "Basiskurs Kinderschutz in der Medizin". Ziel der Veranstaltung ist es, Ärzte, die Kinder behandeln zu sensibilisieren, wie sie Verletzungen des Kindeswohls in ihrem Praxisalltag bewusst wahrnehmen können und wie sie bei einem Verdacht auf Misshandlung oder Vernachlässigung die richtigen Schritte einschlagen können.

Zur Veranstaltung eingeladen sind nicht nur Mediziner, sondern auch Mitarbeitende des Gesundheitswesens beispielsweise aus den Bereichen Psychologie, Sozialarbeit oder Pflege, die sich mit dem Thema Kinderschutz befassen. Die Tagung findet in diesem Jahr erstmals online statt. 

Hinter verschlossenen Türen

Aus Sicht der TK ist es ein richtiger Schritt, dass nicht nur Kinderärzte und alle weiteren Fachärzte, die Kinder behandeln, sondern auch nichtärztliche Mitarbeiter des Gesundheitswesens an der etablierten Fortbildungsveranstaltung teilnehmen können. "Kindesmissbrauch spielt sich in der Regel hinter verschlossenen Türen ab. Personen aus dem sozialen Umfeld der Kinder müssen wissen, welche Verhaltensweisen der Kinder und welche Verletzungen auf eine Gewalterfahrung hinweisen können und wie sie bei einem Verdacht sinnvoll reagieren sollten", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen. Die TK in Hessen fördert die Fortbildungsveranstaltung, die alle zwei Jahre am Klinikum Kassel stattfindet, bereits seit dem Jahr 2003. 

Jeder Dritte in Kindheit und Jugend betroffen

"Befragungen von Erwachsenen haben ergeben, dass nahezu jeder Dritte im Laufe der Kindheit und Jugend von irgendeiner Form von Misshandlung, emotionaler oder körperlicher Vernachlässigung, körperlicher oder psychischer Gewalt oder sexuellem Missbrauch betroffen ist. Es ist von essentieller Bedeutung, dass Gewalt gegen Kinder in ihren vielfältigen Formen so frühzeitig wir nur irgend möglich erkannt und aufgedeckt wird.

Allerdings sind die körperlichen Hinweise auf Misshandlung und Gewalt oft nicht einfach zu diagnostizieren. Daher wollen wir den Teilnehmenden unserer Tagung mehr Sicherheit im zwingend multiprofessionellen Umgang mit dieser schwierigen Thematik geben", so Dr. Bernd Herrmann, Oberarzt der Klinik für Neonatologie und allgemeine Pädiatrie sowie Leiter des Bereichs Kinderschutz am Klinikum Kassel. 

Welche Rolle spielt die Corona-Pandemie?

Aus Sicht des Kinderarztes ist es durchaus denkbar, dass die Corona-Pandemie das Risiko für kindliche Gewalterfahrungen erhöht: "Wir wissen noch zu wenig zum jetzigen Zeitpunkt. Klar ist aber, dass die physische Isolation, die räumliche Beengtheit und weitere Stressfaktoren zu Hause dazu beitragen können, dass familiäre Spannungen vermehrt eskalieren; während sich gleichzeitig die Kinder ihrem sozialen Umfeld unter Pandemiebedingungen kaum anvertrauen und Hilfe erhalten können ", so Dr. Herrmann.

Nach seiner Erfahrung sind es aber keinesfalls ausschließlich die Kinderärzte, die in regelmäßigen Untersuchungen Anzeichen für Kindswohlgefährdungen wahrnehmen und entscheidende Hinweisgeber sein können. Genauso häufig kommen entscheidende Signale aus dem Umfeld wie beispielsweise von Erziehern oder Lehrern. Aus seiner Sicht ist es daher auch in der physischen Distanz der Corona-Pandemie unverändert wichtig, dass Personen aus der Lebenswelt der Kinder aufmerksam für mögliche Gefährdungen bleiben.

Hinweis für die Redaktion

Dr. Bernd Herrmann ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin (DGKiM), die die Tagung gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Prävention und Intervention (DGfPI) bei Kindesmisshandlung durchführt. Für Ärzte, die die Ausbildung zur Zusatzqualifikation Kinderschutzmediziner absolvieren (vergeben von der Deutschen Gesellschaft für Kinderschutz in der Medizin), stellt die Fortbildungsveranstaltung den Basiskurs dar.