Eine Sonderauswertung des aktuellen TK-Innovationsreports 2018 zum Thema Alzheimer Demenz liefert besorgniserregende Ergebnisse.

Frau Kern, nur jeder vierte Demenzkranke in Baden-Württemberg wird nach einer Auswertung der TK mit einem Antidementivum behandelt, fast 42 Prozent erhalten Beruhigungsmittel wie Neuroleptika oder Benzodiazepine. Haben wir es hier mit einer Fehlversorgung zu tun oder gibt es nachvollziehbare Gründe?

Selbstverständlich haben wir es hier mit einer absoluten Unter- und Fehlversorgung zu tun! Wir beklagen das seit Jahren - aber Menschen mit Demenz können sich weder wehren noch für ihre eigenen Bedürfnisse einstehen bzw. sorgen.

Zunächst einmal gehen wir immer noch davon aus, dass ein Großteil aller Menschen mit Demenz noch nicht einmal eine Diagnose erhält, geschweige denn die richtige. Aber auch im Fall einer "positiven" Demenzdiagnose wird häufig kein Antidementivum verschrieben, weil es das Budget des Hausarztes belastet, er Zweifel an der Sinnhaftigkeit hat oder immer wieder auch zu wenig Fachkenntnis besteht. Wohl aber wird häufig einfach ruhiggestellt, um die Situation zuhause, im Heim oder auch im Krankenhaus zu "entspannen“. Wenn das schwächste Glied in der Kette so erst einmal "Ruhe gibt“, entlastet das vordergründig die Pflegekräfte, Angehörigen oder andere Beteiligte.

Dem Menschen selbst wird man so aber absolut nicht gerecht: Man verwehrt ihm eine angemessene Medikation, die zumindest vorübergehend den Krankheitsprozess verlangsamen und damit die Lebensqualität verbessern könnte - übrigens auch für die Angehörigen. Und man stellt Menschen einfach ruhig, damit sie nicht auffallen und stören. Das aber ist schlicht inhuman und würdelos - ganz davon abgesehen, dass es den dementiellen Abbau noch fördert und sogar einen früheren Tod begünstigen kann.

Natürlich kann ein Sedativum im Einzelfall auch angemessen sein - aber erst nach einer sauberen und differenzierten Diagnose und wenn alle Faktoren, die ein auffälliges und unangemessenes Verhalten bewirken oder begünstigen können, gut reflektiert und gegebenenfalls korrigiert wurden. Oft führt falsches Verhalten - sowohl von Profis als auch von Angehörigen - zum sogenannten "herausfordernden“ Verhalten. Hier gilt es genau hinzuschauen, zuzuhören und dazuzulernen - und nicht mit der Medikamentenkeule zu schwingen!

Gerade bei Antidementiva gibt es große regionale Unterschiede beim Verordnungsverhalten. Während in Bremen nur 17,3 Prozent der Patienten ein solches Medikament erhalten, sind es in Sachsen fast 33 Prozent. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Nein, eine wirklich gesicherte Erklärung hierfür habe ich nicht. Aber der Hintergrund ist zum Beispiel in der Unterschiedlichkeit der Leitlinien-Anwendungen in den Ländern zu sehen. So steht schon bereits im Versorgungsatlas 2015: "Neben der bekannten, begrenzten Wirksamkeit von Antidementiva sind möglicherweise Beschränkungen durch gesetzliche Vorgaben aus der Arzneimittel-Richtlinie des G-BA wirksam. Darüber hinaus kann die fehlende Einheitlichkeit der Leitlinien der hausärztlichen und der fachärztlichen Berufsverbände für diese relativ niedrige Verordnungsrate mitverantwortlich sein."

Weitere Hintergründe könnten meines Erachtens Unterschiede in der Prävalenz verschiedener Risikofaktoren sein, ebenso regionale Unterschiede in Bezug auf ärztliche Diagnose- und Therapietraditionen.

Die TK hat außerdem festgestellt, dass die Entwicklung neuer Wirkstoffe auf der Stelle tritt und sich nur wenige Pharmaunternehmen noch in der Alzheimerforschung engagieren. Was meinen Sie dazu?

Das trifft leider völlig zu. Fast alle großen Studien der letzten Jahre mussten letztendlich eingestellt werden, weil sie nicht den erhofften Erfolg brachten. Die Pharmaunternehmen haben hier enorm investiert, sehen aber jetzt Aufwand und Ertrag zunehmend in einem krassen Missverhältnis. Wenn hier mehr berechtigte Hoffnung auf einen Durchbruch zur Heilung von Alzheimer bestünde, wäre die Pharmaindustrie sicher sofort zur Stelle - schließlich wäre das ein riesengroßer und sehr lukrativer Markt.

Trotzdem gibt es aktuell einige Silberstreifen am Horizont, zumindest in Richtung auf eine sehr frühzeitige Erkennung bzw. Diagnose einer späteren Alzheimer Demenz. Wenn die ersten deutlichen Anzeichen einer Alzheimer Demenz auftreten, ist ja bekanntlich der Krankheitsprozess schon sehr weit fortgeschritten - zwei Drittel der betroffenen Hirnregionen sind dann bereits unwiederbringlich zerstört. Wir müssen also alles daransetzen, so früh wie möglich in diesen Prozess einzugreifen. Nur dann gibt es realistische Chancen auf ein ernsthaftes Verlangsamen oder bestenfalls Aufhalten der Progression.