Herr Vogt, was läuft in Heidenheim anders als in anderen psychiatrischen Abteilungen?

Ich fange mal mit dem persönlichen Case-Manager an, der die Patienten durch die Behandlung führt. Durch die intelligente Nutzung sozialer Medien ist ein dauerhafter Kontakt zwischen Patient und Case-Manager möglich.

Eine wichtige Rolle in dem Konzept spielen zudem die "Peer Supports". Die "Peers" sind Menschen mit Erfahrung in der Psychiatrie, die in Form von Gesprächen den Heilungsprozess festigen sollen. Auch die Angehörigen werden so weit wie möglich miteinbezogen.

Darüber hinaus können wir den Verwaltungsaufwand reduzieren, weil in dem Modell die Prüfungen durch den Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) - von ganz seltenen Ausnahmen abgesehen - entfallen.

Der entscheidende Punkt ist aber die aufsuchende Hilfe, das sogenannte Hometreatment (HT). Im Rahmen des Heidenheimer Modellprojektes möchten wir Handlungsempfehlungen für den Einsatz von HT gewinnen.

Welche Änderungen bei der Vergütung und bei der Organisation der Leistungen waren erforderlich für das Modell in Heidenheim? 

Der sektorenübergreifende Ansatz konnte realisiert werden, indem die psychiatrischen Institutsambulanzen (PIA) miteinbezogen wurden. Eigentlich werden in Baden-Württemberg die Leistungen der PIA durch zwei Pauschalen abgebildet. Im Rahmen des Modellprojekts wurde nun aber auf Einzelleistung umgestellt.

Darüber wird auch das Hometreatment abgerechnet. Wir erwarten, dass dadurch die Inanspruchnahme der PIA steigt. Dies ist insbesondere für Patienten in Pflege- und Wohnheimen von zentraler Bedeutung.

Zudem erreichen wir durch die Vergütung einzelner Leistungen nicht nur eine leistungsgerechte Bezahlung sondern auch mehr Transparenz. Denn Einzelleistungsvergütung bedeutet auch Einzelleistungsdokumentation.

Welche Erfahrungswerte liegen bislang vor?

Die ersten Ergebnisse sind durchaus vielversprechend: Die stationäre Verweildauer wurde von 20,9 Tagen im Jahr 2016 auf 17,9 Tage im Jahr 2017 gesenkt. Bereits im ersten Jahr konnten zehn Prozent der stationären Leistungen durch HT ersetzt werden.

Ein gutes Zeichen ist zudem, dass die Belegung der Klinik von 92 Prozent auf 73 Prozent - Stand Juli 2018 - reduziert werden konnte. Zudem ist es gelungen, doppelt so viele Patienten als bisher tagesklinisch zu behandeln.

Noch wichtiger aber ist das positive Feedback, das von Patienten, Ärzten und Pflegekräften kommt. Die Atmosphäre auf den Stationen ist deutlich entspannter. Durch die Behandlung im HT werden die Patienten ruhiger, der Arzt-Patienten-Kontakt intensiver.