TK: Frau Prof. Dr. Wallwiener, für Ihr Projekt werden Schwangere zu psychischen Belastungen befragt. Werden durch die derzeitige Situation neue Arten von Ängsten bei Schwangeren sichtbar?

Prof. Dr. Stephanie Wall­wiener

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Oberärztin Universitätsfrauenklinik Heidelberg

Prof. Dr. Stephanie Wallwiener: Zusätzliche Themen und Sorgen, die Schwangere aktuell im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie beschäftigen sind: Ansteckungsängste, Ängste um die Gesundheit des Kindes und vor allem die Sorgen bezüglich einer fehlenden Geburtsbegleitung durch den Partner.

Die Angst, bei der Geburt auf sich allein gestellt zu sein und das Glück, aber auch den Schmerz einer Geburt nicht mit dem Partner oder einer anderen nahen Person teilen zu können, ist unserer Erfahrung nach aktuell wohl die Hauptsorge, die die Frauen tatsächlich auch Monate vor der Geburt schon sehr belastet - vor allem die Frauen mit negativen oder traumatischen Geburtserfahrungen und generell hoher Ängstlichkeit oder komplikationsreichen Schwangerschaftsverläufen.

Hinzukommen der Ausfall von Geburtsvorbereitungskursen, Hebammenbesuchen und Kreißsaalbesichtigungen - dies ist vor allem für Erstgebärende belastend. 

Die Betreuung weiterer Kinder zuhause führt zudem zu einer deutlichen Zusatzbelastung mancher Schwangeren - wie auch der Wegfall von Haushaltshilfen und anderer sozialer Unterstützungsformen bei komplikationsreichen Schwangerschaften mit verordneter Bettruhe.

TK:  Wie raten Sie den Betroffenen damit umzugehen - können Sie konkrete Hilfe anbieten?

Prof. Wallwiener: Was es in der aktuellen Situation für die Schwangere und uns oft schwierig macht, ist eine aufgrund der Umstände nochmals erschwerte zeitnahe Weitervermittlung von behandlungsbedürftigen psychisch belasteten Schwangeren in eine adäquate ambulante oder stationäre psychotherapeutische Weiterbehandlung.

Wir fokussieren bei unseren Beratungsgesprächen nun vermehrt auf eine Ressourcenstärkung und das Finden alternativer Möglichkeiten des sozialen Austauschs und der sozialen Unterstützung. Gemeinsam mit den Schwangeren suchen wir "Inseln" der Selbstfürsorge und Entspannung im nun oft noch stressreicheren Alltag und kreative Wege, um mit den neuen Herausforderungen umzugehen. 

Inzwischen gibt es online sowohl Geburtsvorbereitungskurse als auch psychosoziale Beratungsangebote verschiedener seriöser Anbieter, welche die Schwangeren gerne in Anspruch nehmen.

Zudem klären wir über einen bewussten und gezielten Nachrichtenkonsum auf und unterstützen die Schwangeren in einer individuellen Abwägung zum passenden Umgang mit der Pandemie vor dem Hintergrund der medizinischen und psychosozialen Folgen für die Schwangeren. 

Man muss an dieser Stelle aber erwähnen, dass viele Schwangere die "Vorteile", das heißt vor allem die Entschleunigung des Alltags und mehr Zeit für sich, den Partner und die Familie, auch sehr positiv nutzen. Sie bereiten sich dadurch bewusster auf die kommende Zeit mit dem Baby vor und schöpfen sogar eher Kraft aus der aktuellen Situation.

 TK: Läuft das Screening für mind:pregnancy in Zeiten der Corona-Krise wie gewohnt weiter oder konnten Sie bereits Veränderungen beobachten?

Prof. Wallwiener: Da viele Praxen reduziert arbeiten oder teilweise nur Notfälle betreuen, werden insgesamt auch weniger Screenings gemacht. Was wir aber beobachten ist, dass die Fragebögen, die wir auswerten, zu einem höheren Anteil auffällig sind, d.h. es ergeben sich deutliche Hinweise auf eine psychische Belastung der Schwangeren.

Fällt das Screening auffällig aus, gibt es wie immer über sogenannte "Koordinierende Stellen" eine strukturierte Weiterbehandlung. Anhand eines Erstgespräches wird der Unterstützungsbedarf festgestellt. Dieses findet nun vermehrt über Videokontakt statt. Im Anschluss wird die Schwangere entweder - mit den genannten möglichen Schwierigkeiten - zu einer Therapie weitervermittelt oder bekommt das Angebot unseres achtwöchigen Achtsamkeitsprogramms.

Inzwischen melden sich bei unseren Psychologinnen zunehmend Teilnehmerinnen, die das Programm bereits durchlaufen haben und durch die zusätzlichen Belastungen mit der derzeitigen Situation sozusagen rückfällig werden - wir nennen das dekompensieren.

TK: Welche Signale sollte in Ihren Augen derzeit aus den Geburtskliniken kommen?

Prof. Wallwiener: Partner oder Partnerin für die Geburt komplett auszuschließen, halte ich auch in der aktuellen Situation für nicht richtig. Familien bilden immunbiologisch eine Einheit. Sie zu trennen, macht schon deswegen keinen Sinn. Bei einer bestätigten Corona-Infektion sollte eine andere Vertrauensperson im Kreissaal dabei sein können. In einer Ausnahmesituation wie der Geburt allein zu sein, birgt bei jeder Schwangeren ein Risiko für potentielle Folgen auf die Psyche. Das sollte auf keinen Fall eingegangen werden. 

Psychisch vorbelastete Frauen mit Ängsten, Traumatisierungen und Depressionen sind zudem besonders gefährdet und ohne Präsenz und Ansprache einer vertrauten Person vermehrt Panikattacken ausgeliefert.

Es ist aber klar, dass Schwangere zu reinen Vorsorge- und Routineuntersuchungen allein kommen sollten, und auch auf der Wochenbettstation können Besuchszeiten reduziert oder eingeschränkt werden zum Schutz aller Beteiligten.

Projektbeschreibung

Das durch den Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) geförderte Projekt mind:pregnancy soll psychischen Belastungen in der Schwangerschaft vorbeugen und Betroffene niederschwellig unterstützen. Hierzu erfolgt ein Fragebogen-Screening in teilnehmenden Frauenarztpraxen in Baden-Württemberg. Bei Auffälligkeiten wird der Teilnehmerin nach einem Gespräch mit einer Psychologin entweder ein onlinebasiertes Achtsamkeitstraining oder eine psychotherapeutische Weiterbehandlung angeboten. Ziel ist es, Schwangeren Ängste zu nehmen und so auch mehr physiologische Geburten zu ermöglichen.

Die Techniker ist Konsortialpartner der projektverantwortlichen Universitätskliniken Heidelberg  und Tübingen und ermöglicht allen TK-versicherten Schwangeren in Baden-Württemberg die Teilnahme.