Frankfurt am Main, 19. Februar 2019. Wer gesundheitliche Beschwerden hat, möchte medizinisch behandelt werden - und zwar möglichst schnell. Immer mehr Menschen gehen dazu direkt in die Notaufnahmen der Kliniken. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse (TK) hat jeder dritte Hesse in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal außerhalb der normalen Sprechstundenzeiten die Notaufnahme eines Krankenhauses aufgesucht. In 43 Prozent der Fälle handelte es sich nicht um einen tatsächlichen Notfall.

In der Notaufnahme entscheidet die Dringlichkeit einer Erkrankung darüber, in welcher Reihenfolge die Patienten behandelt werden. Wer also nicht ernsthaft und akut erkrankt ist, muss oftmals stundenlang warten. Eine erst kürzlich veröffentlichte Studie der Hochschule Fulda hat ergeben, dass ungeduldige Patienten den Mitarbeitern in der Notaufnahme zunehmend das Leben schwer machen. "Die Befragten gaben in der Studie an, dass von heftigen Beschwerden bis hin zu Handgreiflichkeiten schon alles vorgekommen ist. Diese Erlebnisberichte sind wirklich erschreckend. Hier sollte dringend Abhilfe geschaffen werden", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen.

Für die Pateinten, die medizinische Hilfe außerhalb der üblichen Praxisöffnungszeiten suchen, sind die Zuständigkeiten oft unklar. Es gibt den ärztlichen Notdienst in Form von Bereitschaftsdienstzentralen, die Notaufnahmen der Kliniken und den Rettungsdienst. "Diese drei Sektoren arbeiten parallel und sind kaum miteinander verzahnt", sagt Voß. Aus Sicht der TK könnten mit sog. Portalpraxen die Patientenzahlen und Gewaltausbrüche in den Notaufnahmen reduziert werden. "Gemeinsame Portalpraxen an Kliniken, die rund um die Uhr besetzt sind, könnten als zentrale Anlaufstelle für Notfälle fungieren. Die Mitarbeiter dort ermitteln den individuellen Behandlungsbedarf für jeden Patienten und leiten ihn in die für ihn geeignete Versorgungsstruktur weiter", erklärt Voß. Patienten mit leichten Beschwerden würden dann zu den sprechstundenfreien Zeiten an den Ärztlichen Bereitschaftsdienst und zu den normalen Öffnungszeiten an die normalen Praxen verwiesen werden. Schwere Fälle hingegen bleiben in den Notaufnahmen der Kliniken. "Dadurch werden Wartezeiten verringert und das Aggressionspotential sinkt", so Voß.

Die Voraussetzungen für die Umsetzung dieser Portalpraxen-Idee sind in Hessen besonders günstig: Im Rahmen ihrer umfangreichen Bereitschaftsdienstreform hat die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen bereits vor vier Jahren rund 60 neue Bereitschaftsdienstzentralen geschaffen, von denen sich etwa 50 an oder in unmittelbarer Nähe zu Kliniken befinden. "Erhalten die Patienten in der Portalpraxis also die Auskunft, in der Notaufnahme nicht richtig zu sein, ist der Weg zum Ärztlichen Bereitschaftsdienst nicht weit", so Voß.

Zu loben sei auch, dass die KV Hessen und das Klinikum Frankfurt-Höchst bereits seit Oktober 2017 in einem vom Land finanzierten Modellprojekt das Konzept einer gemeinsamen Anlaufstelle für Notfallpatienten ausprobieren. Speziell geschulte Pflegekräfte ermitteln hier nach einem gemeinsam von niedergelassenen Ärzten und Klinikärzten entwickelten Leitfaden, wo die Notfallpatienten am besten aufgehoben sind. Die Mitarbeiter leiten die Patienten dann entsprechend weiter. Da die ärztliche Notdienstzentrale, die direkt am Klinikum angesiedelt ist, nicht rund um die Uhr geöffnet ist, werden ambulante Patienten zu den normalen Sprechstundenzeiten an sogenannte Partnerpraxen verwiesen. Diese Praxen haben sich freiwillig bereit erklärt, Patienten auch ohne Termin noch am gleichen Tag zu behandeln. Ist unklar, ob die Patienten ambulant oder stationär am besten aufgehoben sind, stimmen sich die Ärzte von Klinik und ÄBD gemeinsam ab.