Unser Gesundheitssystem bietet eine medizinische Versorgung auf einem hohen Niveau an. Dennoch gibt es immer die Möglichkeit, noch besser zu werden und aus Fehlern zu lernen. Das Institut für Allgemeinmedizin an der Frankfurter Goethe-Universität und die Techniker Krankenkasse engagieren sich als Projektpartner schon seit vielen Jahren für Patientensicherheit und eine gute Sicherheits- und Fehlerkultur in ambulanten Arztpraxen.

Wir haben Dr. Beate Müller, Leiterin des Arbeitsbereichs Patientensicherheit am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt, zu ihren Erfahrungen im Austausch mit Praxen befragt, die sich systematisch mit Schwachpunkten und Risiken in ihren Arbeitsabläufen beschäftigen wollen, um die Patientensicherheit zu erhöhen.

TK: Für eine Studie mit dem sprechenden Titel "Jede Praxis (er)zählt" führen Sie zurzeit Interviews mit Ärztinnen und Ärzten? Was ist das Ziel der Studie und was erhoffen Sie sich, von den Praxen zu erfahren?

Dr. Beate Müller: Das Ziel der Studie ist es, zunächst zu erfahren, welches Spektrum es an Fehlermanagement in den Praxen gibt und wie niedergelassene Ärztinnen und Ärzte Fehlermanagement wahrnehmen und erleben. Dabei interessiert uns beispielsweise, was Ärztinnen und Ärzte unter einem kritischen Ereignis und unter Fehlermanagement überhaupt verstehen.

Dr. Beate Müller

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Leiterin des Arbeitsbereichs Patientensicherheit am Institut für Allgemeinmedizin der Goethe-Universität Frankfurt

Es gibt zwar wissenschaftliche Definitionen, aber das heißt nicht, dass diese auch so in den Praxen verstanden werden (und verstanden werden müssen). Wir gehen eher davon aus, dass in jeder Praxis ein anderes, eigenes Verständnis herrscht. Wie das genau aussieht und welchen Regeln die Umsetzung von Fehlermanagement in den Praxen folgt, werden wir wissen, wenn die Ergebnisse Anfang 2021 vorliegen. 

Uns und dem Bundesgesundheitsministerium als Förderer geht es aber um mehr als um die Beschreibung des Status Quo von Fehlermanagement in Arztpraxen. Mit dieser Studie gewinnen wir Einblicke in ein einerseits bislang wenig beforschtes Feld, in dem es andererseits durch die Qualitätsmanagement-Richtlinie bereits rechtliche Vorgaben gibt. Dieses Forschungsvorhaben birgt ein großes Innovationspotenzial, denn die Ergebnisse können dazu genutzt werden, Empfehlungen für eine praxisnahe Umsetzung der Qualitätsmanagement-Richtlinie zu formulieren. 

TK: Wie offen wird Ihnen in diesen Telefonaten über den Umgang mit kritischen Ereignissen und Fehlern in der ambulanten Versorgung erzählt?

Dr. Müller: Wir haben bisher knapp 70 Interviews geführt, d. h. mit 70 Personen gesprochen. Jedes Gespräch entwickelt seine eigene Dynamik. Generell haben wir das Gefühl, dass keine Scheu besteht, über risikobehaftete Abläufe oder Prozesse zu sprechen. Die Ärztinnen und Ärzte gehen offen mit der menschlichen Fehlbarkeit um. 

Ich denke, das hat zwei Gründe: Zum einen sind wir ein wissenschaftliches Institut und keine Aufsichtsbehörde; wir sind also aus Forscherperspektive an internen Abläufen interessiert. Es drohen keine Sanktionen, wenn Ärztinnen und Ärzte offen mit uns sprechen. Zum anderen geht es bei unserer Studie um die Umsetzung von Fehlermanagement, also letztlich um die Vorbeugung von Schäden. Es geht nicht primär um den Umgang mit Behandlungsfehlern, das wäre vermutlich ein schwierigeres Thema. 

Generell haben wir den Eindruck, dass unsere Interviewteilnehmenden sich eher der Risiken ihrer Tätigkeit bewusst sind. Wie sie aber mit Risiken und Fehlern umgehen oder auch wie das weitere Praxisteam einbezogen wird, das sind Unterschiede, die es gilt, greifbar zu machen. Viele Teilnehmende berichten uns, dass sie es gut finden, zu diesem Thema befragt zu werden. Auch solche, die normalerweise nicht an Studien teilnehmen, haben sich gemeldet, weil ihnen das Thema am Herzen liegt. 

Viele Ärztinnen und Ärzte wünschen sich mehr Informationen, wie sie Fehlermanagement in der eigenen Praxis umsetzen können oder sie möchten einschätzen können, inwiefern ihr Fehlermanagement weiter zu verbessern wäre.
 
TK: Was hat sich aus Ihrer Sicht im Austausch mit Arztpraxen zum Thema "Lernen aus Fehlern" über die Jahre verändert?

Dr. Müller: Wir beobachten, dass es generell einen immer offeneren Umgang gibt. Die vielen Initiativen und Projekte der letzten Jahre zahlen sich aus. Für die Generation von Ärztinnen und Ärzten, die jetzt aus dem Krankenhaus in die Niederlassung geht, sind Qualitäts-, Risiko- und Fehlermanagement keine Fremdworte mehr. Wir können aus unseren bisherigen Forschungsprojekten ableiten, dass viele Praxen bereit sind, ihre Vorgehensweisen zu reflektieren und ihr Fehlermanagement verbessern wollen, aber manchmal noch nicht so genau wissen, wie und wo sie anfangen sollen.

TK: Sie haben unlängst die Ergebnisse der CIRSforte-Studie  zu Fehlermanagement in der Arztpraxis vorgestellt, an der bundesweit rund 180 Praxen teilgenommen haben. Was waren in diesem Projekt die für Sie spannendsten Ergebnisse und Erfolge?

Dr. Müller: Unser Fazit von CIRSforte ist: Fehlermanagement stärkt das Sicherheitsklima, ist praxistauglich umsetzbar und in der Implementierung skalierbar. Bei CIRSforte haben wir Arztpraxen dabei unterstützt, ein Fehlermanagement mithilfe von CIRS (Fehlerberichts- und Lernsystemen) einzuführen. 

Den Praxisteams wurden verschiedene Maßnahmen angeboten, wie z.B. Einführungsworkshops, vertiefende e-Learning-Module, Vorlagen für Berichts- und Analyseformulare, Webinare für den kollegialen Austausch oder monatliche Info-Mails. Im Laufe des Projekts verbesserte sich das Wissen der Praxisteams darüber, wie man ein kritisches Ereignis verhindern kann. Die Aufarbeitung von Fehlern verlief strukturierter und die Berichtsqualität nahm zu. Außerdem verbesserte sich das Sicherheitsklima der Praxisteams. Da viele unserer Maßnahmen, beispielsweise die Schulungen, digital angeboten wurde, können sie nun auch nach der Projektlaufzeit genutzt werden (hier Verlinkung zu www.cirsforte.de).

TK: Zudem arbeiten Sie aktuell als Expertin an einer weiteren Studie LÜFMS "Erfahrungen teilen" mit, an der erneut die TK mit weiteren Projektpartnern beteiligt ist. Ziel dieses Projekts ist es, ein gemeinsames Lernen von Ärzten und medizinischem Personal in Arztpraxen und Krankenhäusern zu ermöglichen. Werden Aspekte aus den aktuellen Telefoninterviews für diese Studie nützlich sein und falls ja: Wo sehen Sie Anknüpfungspunkte zwischen beiden Studien?

Dr. Müller: Bei "Erfahrungen teilen" bringe ich durch unsere Erkenntnisse aus CIRSforte und aus "Jede Praxis (er)zählt" die Sicht der ambulanten Versorgung und insbesondere der Arztpraxen ein. Die Abläufe in Praxen sind ganz anders und meistens weniger geregelt als im Krankenhaus, so dass es wichtig ist, diese andere Sichtweise beim Lernen aus und mit CIRS zu berücksichtigen. Ich freue mich sehr, dass unsere Studien nicht für sich alleine stehen, sondern dass wir unsere Erkenntnisse direkt mit den Projektpartnern aus dem gleichen Themenfeld austauschen können. Auch über die Projektgrenzen hinaus ergeben sich hier Kooperationen im Sinne der Patientensicherheit. Zum Beispiel habe ich zuletzt die TK als wissenschaftliche Beraterin bei einer Patientenbefragung zum Thema Patientensicherheit begleitet.