Stuttgart, 12. März 2021. Mehr als 20.000 Menschen werden in Baden-Württemberg pro Jahr an der Wirbelsäule operiert. Doch die Auswertung eines speziellen Zweitmeinungsangebots der Techniker Krankenkasse (TK) für die Jahre 2013 bis 2019 kommt zu dem Ergebnis, dass der Großteil dieser Eingriffe unnötig sein könnte. Bei der Zweitbegutachtung von mehr als 6.000 Betroffenen in bundesweit 30 Schmerzzentren bekamen acht von zehn Teilnehmern die Empfehlung, sich konservativ behandeln zu lassen.

Experte: Operation ist immer ein Risiko

In den drei beteiligten Schmerzzentren in Baden-Württemberg lag die Quote der Teilnehmer, denen von einer Operation abgeraten wurde, 2019 bei insgesamt 73 Prozent. Einer der am Programm teilnehmenden Experten ist Dr. Dieter Heinold, Orthopäde an der Praxisklinik an den Heilquellen in Freiburg: "In den meisten Fällen ist es bei Rückenpatienten zielführender, mit Physiotherapie, Schmerzmitteln, Trainings- und gegebenenfalls auch einer Verhaltenstherapie zu behandeln. Eminent wichtig für die kausale und erfolgreiche Behandlung ist eine detaillierte Befragung und Untersuchung der Patienten. Eine Operation ist immer auch ein Risiko und sicher keine Garantie für langfristige Schmerzfreiheit."

Rücken wird ganzheitlich betrachtet

Bei dem TK-Projekt "Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operationen" können Versicherte vor einem geplanten Eingriff kostenlos eine zweite Meinung bei einem interdisziplinären Spezialistenteam einholen. Das Behandlungsteam besteht aus einem Schmerztherapeuten, einem Physiotherapeuten und einem Psychotherapeuten. Sie untersuchen den Patienten und beraten ihn gemeinsam über die Erfolgsaussichten verschiedener Therapien.

Mehrheit braucht keine OP

"Möglicherweise sind Patienten, die eine Zweitmeinung in Anspruch nehmen, nicht repräsentativ für die Gesamtheit aller Rücken-Patienten. Dennoch gehen wir davon aus, dass die Mehrheit nicht operiert werden müsste - und man damit vielen Betroffenen die Risiken einer solchen OP ersparen könnte", erklärt Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung.  

Geregelte Zweitmeinung für vier Diagnosen

In der Regelversorgung ist das Zweitmeinungsverfahren bei Rückenproblemen bislang noch nicht angekommen. Zwar ist die Zweitmeinung schon seit 2015 im SGB V verankert, aber bisher wurde vom Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) nur eine Umsetzungsrichtlinie bei Mandel-Operationen, der Entfernung der Gebärmutter, bei Schulterarthroskopie sowie Kniegelenk-Ersatz veröffentlicht.

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