Wenn man nicht sicher ist, warum manches so ist wie es ist, spricht man gerne auch von "historisch gewachsenen Strukturen". In Deutschland hat dieses Argument Gewicht. Im deutschen Gesundheitswesen haben wir historisch gewachsene, strikte Sektorengrenzen. Allerdings dürfte die Idee der Überwindung mittlerweile auch eine gewisse Tradition für sich beanspruchen. Denn die Idee integrierter Systeme zur Qualitäts- und Effizienzsteigerung wurde zumindest schon 1975 von Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlern aufgebracht. Damals fand der Vietnamkrieg endlich ein Ende, die Konservativen in England wählten mit Margret Thatcher erstmalig eine Frau als Vorsitzende und ich war Grundschüler, nichts ahnend, dass ich mich mit der Aufhebung von der Sektorengrenzen womöglich bis ins Rentenalter beschäftigen würde.

Verschiedene Ideen sind vielversprechend

Dabei sind die verschiedenen Ideen zur Förderung einer integrierten Versorgung durchaus vielversprechend - denkt man beispielsweise an die fachübergreifende, interdisziplinäre Versorgung in Rheinland-Pfalz durch das Gesundheitszentrum Glantal in Meisenheim. Eine sektorenübergreifende, qualitätsorientierte Patientenversorgung funktioniert für Notfälle auch im Krankenhaus Maria Hilf im rheinland-pfälzischen Bad Neuenahr. Hier findet Notfallversorgung auf eine Art und Weise statt, ganz ähnlich wie es die TK-Landesvertretung mit ihrer Position zu sogenannten Portalpraxen schon entworfen hatte. Der Patient wird von der 'Zentralen Aufnahme' im Eingangsbereich des Krankenhauses in die für ihn passende Versorgungsstruktur weitergeleitet: Entweder geht es in die Praxis des ärztlichen Bereitschaftsdienstes der KV, in die ambulante Notaufnahme, auf eine Station des Krankenhauses oder später zum Hausarzt.

Dabei sind die Systeme durchlässig: Sollte sich im Laufe der Behandlung herausstellen, dass ein Patient therapeutische Maßnahmen benötigt, die in der ärztlichen Bereitschaftspraxis nicht durchgeführt werden können, kann er ohne größeren Zeitverlust beispielsweise in die ambulante Notaufnahme weitergeleitet werden, da die Räumlichkeiten nahe beieinander liegen.

Der Landeskrankenhausplan ist eine große Chance

So vielversprechend und seriös Ideen und Konzepte zur sektorenübergreifenden Versorgung auch sein mögen, - Besucher unseres diesjährigen Jahresempfangs durften ja einige spannende Modelle kennenlernen-, so fehlt es doch an der Systematik hinsichtlich der Umsetzung. Doch glücklicherweise gehen die Gelegenheiten nicht aus. Für die rheinland-pfälzische Landesregierung bietet sich beim anstehenden neuen Landeskrankenhausplan eine große Chance, der sektorenübergreifenden Versorgung Weg zu bahnen.

Für die stationäre Versorgung des Landes werden hierin Fakten für mindestens die nächsten sieben Jahre geschaffen. Daher werde ich nicht müde zu betonen, dass es an der Zeit ist, Bedarfsplanung sektorenübergreifend zu gestalten. Hierfür sollten die Länder, die Kassenärztlichen Vereinigungen sowie die übrigen Akteure der Selbstverwaltung gleichrangige Mitsprache- und Gestaltungsrechte erhalten. Ebenso prioritär muss es sein, bei der Krankenhausplanung regionale Disparitäten auszugleichen, Doppelstrukturen abzubauen und die Spezialisierung von Häusern zu fördern. Wie sich der ein oder andere erinnern mag, hatte genau das der Landesrechnungshof zu Beginn dieses Jahres angemerkt. Kritik gab es auch für die zu hohe Zahl an Krankenhausbetten. Letztere wären nicht notwendig, würden unnötige Krankenhauseinweisungen vermieden.

Krankenhausplanung muss qualitätsorientiert erfolgen

Nicht zuletzt muss sich die Krankenhausplanung stärker an der Qualität der medizinischen Leistung und an Mindestmengen von planbaren Operationen und Personal orientieren. Doch schon vor Fertigstellung des Landeskrankenhausplans, ließ das Land in Verlautbarungen erkennen, dass die Qualitätsindikatoren des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) zu Gunsten einer wohnortnahen Versorgung teilweise abgeschwächt werden könnten.

Zur Überwindung der Sektorengrenzen bietet auch die Digitalisierung große Chancen. Der Informationsfluss zwischen niedergelassenen Ärzten und Kliniken kann dank Telekonsilen schneller erfolgen als das oftmals noch der Fall ist. Auch Arztbriefe und Berichte könnten unmittelbar zur Verfügung stehen. Ein Kommunikationsfluss, der durch die Einführung einer elektronischen Patientenakte ohnehin vereinfacht sein wird.