Vor dem Medizinstudium hat Sonja Klein bereits in Schottland ein Biologiestudium abgeschlossen und auch einen MA in Journalismus erworben. Sie wird voraussichtlich 2022 ihre Approbation erhalten und möchte danach in die Pädiatrie oder Allgemeinmedizin gehen.

Sonja Klein, Teilnehmerin der TK-DocTour 2018 Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Sonja Klein

 TK: Frau Klein, Sie waren in der letzten Woche Teilnehmerin bei der TK-DocTour. Gab es für Sie ein Aha-Erlebnis - oder sogar mehrere?

Sonja Klein: Als wir letzte Woche los fuhren, hatten wir alle Schreckgespenster wie Regress, viele Notdienste, schwierige Familienvereinbarkeit und schlechter Verdienst im Kopf. In den Gesprächen mit den Ärzten waren gerade das dann für mich Aha-Erlebnisse:

Als Hausärztin könnte ich gut arbeiten und trotzdem eine Rolle im Leben meiner zukünftigen Kinder spielen. Ich müsste nicht unmenschlich viele Notdienste fahren. Wir werden gut von meinem Einkommen leben können und Regresse sind selten. Auch kann man seine Patienten gut versorgen und steht nicht permanent unter der Budgetgeißel. Das hat mir Zukunftssorgen genommen.

TK: Hat sich Ihre Karriereplanung mit dem jetzigen Wissen verändert? Haben Sie schon konkrete Vorstellungen?

Klein: Ich habe vom Beginn des Studiums an überlegt, mich irgendwann niederzulassen. Die fixe Idee, vielleicht in ein Unterversorgungsgebiet zu gehen, kam mit dem Wahlfach „Praxis Start-Up“ bei uns an der Uni. Bis letzte Woche hat mich aber vor allem die Verantwortung abgeschreckt, alleine und ohne Vertretungsoptionen für viele Patienten zuständig zu sein, Notdienste fahren zu müssen, Überstunden zu machen, nie meinen Ansprüchen für eine gute Patientenversorgung gerecht werden zu können und nebenbei noch Familien- und Freizeitplanung unter einen Hut zu bringen.

Das ist nun anders. Dank der Erklärungen der niedergelassenen Ärzte auf der Tour bin ich mir sicher, dass eine Praxis auf dem Land - zur Not auch alleine und ohne zweiten Arzt in der Praxis - gut machbar ist und vor allem vereinbar mit dem Familienwunsch. Ich weiß, wo ich Antworten auf manche Fragen bekommen kann und wer hilft.

Im Moment plane ich mit dem Wissen von der DocTour meine Famulaturen und Wahlfächer, ausgerichtet auf eine zukünftige Niederlassung. Wir haben unter uns Studierenden sogar am letzten Abend gewitzelt, irgendwann in vielleicht zehn Jahren ein Medizinisches Versorgungszentrum aufzubauen und bereits scherzhaft festgelegt, wer welche Fachrichtung machen muss, damit wir unsere Patienten gut versorgen können.

TK: Was wäre Ihrer Ansicht nach der richtige Weg, um mehr Medizinstudierende für eine Niederlassung als Landarzt zu begeistern?

Klein: Es braucht Anreize und Infrastrukturen, um junge Medizinerinnen und Mediziner für die Landarzttätigkeit zu begeistern. Viele von uns scheuen die Niederlassung, weil Selbstständigkeit eine große Verantwortung mit sich bringt. Das ließe sich durch Modelle wie Zweigpraxen, von Städten betriebene Praxen, an Kliniken angeschlossene Hausarztpraxen etc. umgehen, wenn sie denn gefördert und beworben werden.

Zusätzlich müsste man die Universitäten stärker ins Boot holen. Es gibt bis dato kaum universitäre Veranstaltungen zu Themen wie Niederlassung, Landarztdasein, Bürokratie, etc. Wer nicht aktiv sucht, findet auch bestehende Angebote oft nicht. Oder sie überschneiden sich mit Pflichtveranstaltungen, sind zu zeit- oder kostenintensiv. Warum gibt es zum Beispiel kaum kostengünstige oder kostenlose Summer Schools für die Niederlassung, die einem kochrezeptartige Anleitungen an die Hand geben, Kontakte vermitteln und ein Netzwerk schaffen?

Wo sind sichtbare und gut strukturierte Wahlfächer zur Niederlassung in den klinischen Semestern an der Uni? Warum gibt es so wenige Niederlassungskongresse mit allen Beteiligten (niedergelassene Ärzte, Landärzte, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung, Banken, Politik…) an den Unis selber? Wie sollen wir uns für etwas interessieren, das wir kaum kennen und in dem wir in der Uni keine Vorbilder treffen oder sogar mit ablehnenden Haltungen bis hin zu Abwertung und Verachtung konfrontiert werden?

Klinikärzte, an denen wir uns orientieren können, haben wir genügend. Mir hat aber bisher nur die Pflichthospitation beim Hausarzt in der Vorklinik jemanden geboten, an dem ich mich orientieren kann und der Vorbildfunktion hat. Ein Mentoring- oder Championingprogramm mit engagierten niedergelassenen Ärzten, die uns durch Studium und Assistenzzeit bis in die Niederlassung hindurch beraten und als Vorbilder unterstützen, wäre auch ein Ansatz.

Auch die Politik macht meiner Meinung nach noch nicht genug für den ländlichen Raum. Wir wollen nicht Elterntaxi sein. Wir wollen unseren Patienten eine fachärztliche Versorgung ermöglichen. Wenn nicht vor Ort dann vielleicht per Telemedizin. Wir wollen auch neben der Arbeit  eine bunte Freizeit haben. Das ist aber alles nur möglich, wenn es einen guten ÖPNV gibt, Kitas, Grundschulen, Freizeitangebote - und Betreuung für Kinder, Kino, Theater, Schwimmbäder, Ausgehmöglichkeiten, Einkaufsmöglichkeiten und vieles mehr.

Wenn es eine bessere Unterstützung gäbe, die schon im Studium beginnt, würden sich vielleicht mehr für den Beruf begeistern.