TK: Frau Dr. Wallwiener, Sie leiten das Innovationsfondsprojekt Mind:Pregnancy, bei dem auch die TK Konsortialpartner ist - worum geht es dabei?

PD Dr. Stephanie Wallwiener: Bei Mind:Pregnancy geht es um psychische Belastung in der Schwangerschaft. Wir versuchen, systematisch in den Praxen in Baden-Württemberg über die niedergelassenen Frauenärzte alle Schwangeren zu screenen. Fällt das Screening auffällig aus, gibt es über sogenannte "Koordinierende Stellen" eine strukturierte Weiterbehandlung. Anhand eines Erstgespräches wird der Unterstützungsbedarf festgestellt, im Anschluss wird die Schwangere entweder zu einer Therapie weitervermittelt oder bekommt das Angebot unseres 8-wöchigen Achtsamkeitsprogramms.

PD Dr. Stephanie Wall­wiener

Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.

Oberärztin Universitätsfrauenklinik Heidelberg

TK: Wie viele Schwangere profitieren von einem solchen Screening - gibt es dazu Zahlen?

PD Dr. Wallwiener: Laut einer Meta-Analyse sind circa elf Prozent der Schwangeren betroffen. Diese Zahlen können wir nach den ersten Monaten Laufzeit bestätigen. Es fallen etwa zwanzig Prozent der Screenings auffällig aus und etwas mehr als die Hälfte der Betroffenen nimmt unser Angebot an.

TK: Wie kann man selbst erkennen, dass Erschöpfung oder Ängste über das übliche Maß bei einer Schwangerschaft hinausgehen?

PD Dr. Wallwiener: Dies kann sich auf mehreren Wegen ausdrücken. Durch dauerhafte schlechte Stimmung, Schlaflosigkeit, übermäßige Sorgen und Ängste, dauerhafter körperlicher Anspannung, oder sehr starker Angst vor der Geburt.

TK: Was genau ist das Ziel eines Achtsamkeitstrainings?

PD Dr. Wallwiener: Entspannung zu finden, auf seinen Körper Rücksicht zu nehmen, Veränderungen zu akzeptieren, sich Zeit für sich selbst zu nehmen und sich Strategien für den Umgang mit stressigen Situationen, zum Beispiel bei Schmerzen anzueignen. Also die eigenen Ressourcen und die Resilienz zu erhöhen.  

TK: Wie groß ist die Skepsis bei Ärzten und potentiellen Teilnehmerinnen?

PD Dr. Wallwiener: Ärzte beklagen vor allem bürokratische Hindernisse wie die Einschreibung durch den Selektivvertrag. Oft sind sie auch der Meinung, dass die eigenen Schwangeren das nicht brauchen.

Wir stellen fest, dass Depression und Angst nach wie vor stigmatisiert und einige Frauen, auch bei auffälligem Screening, die eigene Betroffenheit nicht wahrhaben wollen. Wenn eine Teilnehmerin einmal zum Erstgespräch kommt, ist sie in der Regel auch zur Teilnahme motiviert.

TK: Mit welchen Argumenten bewegen Sie beide Gruppen zur Teilnahme?

PD Dr. Wallwiener: Die größte Hürde besteht darin, bei auffälligem Screening der Patientin das Therapieangebot möglichst niederschwellig zu unterbreiten. Daher sprechen wir in der Regel eher von Stress und Sorgen als von Depression und Angst. Wenn die Patientin das Erstgespräch terminiert hat, ist sie allem anderen in der Regel offen gegenüber.

TK: Wie viele Teilnehmerinnen sind inzwischen gescreent worden - gibt es schon Rückmeldungen zu Erfahrungen?

PD Dr. Wallwiener: Es gibt bis jetzt knapp 2.500 Screenings. Wir haben schon recht viele positive Rückmeldungen erhalten, wie zum Beispiel, dass sich die Schwangere in unserem 8-Wochen Programm gut betreut fühlt.

TK: Was wollen Sie mit Mind:Pregnancy letztendlich erreichen?

PD Dr. Wallwiener: Wir wollen ein niederschwelliges Versorgungsangebot für alle bedürftigen Schwangeren schaffen: von einem einfach erreichbaren Online-Therapieangebot für die Mehrheit der subklinischen Patientinnen und bei Geburtsangst bis hin zur Vermittlung einer Psychotherapie wenn das nötig ist.

Zur Person

Privatdozentin Dr. Stephanie Wallwiener hat ihr Medizin-Studium 2007 an der Universität zu Köln erfolgreich abgeschlossen. Seit 2007 ist sie an der Universitätsfrauenklinik Heidelberg tätig und seit 2014 die stellvertretende Leiterin der Geburtshilfe. Zu den Forschungsschwerpunkten von PD Dr. Stephanie Wallwiener zählen psychische Belastungen im Peripartalzeitraum, Digital Health Versorgungsforschung, Versorgungsforschung „Frauengesundheit“ und die translationale Forschung.

Mind:Pregnancy: Achtsam durch die Schwangerschaft