Dresden, 6. März 2019. Jeder zweite Augenarzt in Sachsen nimmt keine neuen Patienten auf. Bei den Neurologen sind es 40 Prozent und den Hautärzten 24 Prozent, bei denen neue Patienten keinen Erfolg haben. Positiv dagegen fallen die Radiologen auf, die niemanden abweisen. Im Durchschnitt bieten 22 Prozent der Arztpraxen keine Termine für Neupatienten an. Das sind Ergebnisse einer empirischen Untersuchung der Techniker Krankenkasse (TK) in Sachsen und der Hochschule Zittau/Görlitz. 

"Landarztpraxen können nicht besetzt werden, weil es junge Ärzte in die Städte zieht. Hinzu kommt, dass falsche Vergütungsanreize die Kapazitäten von Ärzten verknappen und sinnlose Bürokratie die Praxen belastet", stellt Simone Hartmann, Leiterin der TK in Sachsen, fest. 

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Simone Hartmann

Belastungsgrenze erreicht

Die Studie führt an, dass die Praxen ihre Belastungsgrenze erreicht haben. Acht Wochen im Durchschnitt beträgt bei allen sechs angerufenen Facharztgruppen die Wartezeit auf einen Termin.

13 Wochen Wartezeiten beim Neurologen

Durchschnittlich 13 Wochen warten Patienten beim Neurologen. Es folgen die Hautärzte mit durchschnittlich zwölf Wochen, Augenärzte mit elf Wochen, die Orthopäden mit acht Wochen und die Neurochirurgen mit sechs Wochen. Einzig die Radiologen liegen mit vier Wochen in der vom Gesetzgeber vorgegebenen Frist für eine zumutbare Wartezeit. 

Digitale Chancen nutzen

"Diese Situation müssen wir für die Patienten dringend ändern. Eine geplante Ausweitung der Sprechzeiten von 20 auf 25 Stunden pro Woche wird uns allerdings wenig weiterhelfen. Wir brauchen ganz neue Denkansätze. Entlastung verschaffen wir dem Arzt zum Beispiel, indem wir Leistungen auf medizinisches Fachpersonal delegieren und die digitalen Chancen so schnell wie möglich nutzen", so Hartmann weiter. "Ich sehe hier mehrere Partner in der Pflicht. Zum ersten die Selbstverwaltung von Kassen und Kassenärztlicher Bundesvereinigung, die bundesweite Rahmenvereinbarungen auf die aktuelle Situation anpassen müssen. Den Gesetzgeber, der Spielraum für bundeslandspezifische Verträge zulassen muss. Und vor allem die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Sachsen, die ihren Sicherstellungsauftrag deutlich flexibler managen muss. Von der Verwaltung erwarte ich eine lösungsorientierte  Herangehensweise.“  

Was sich in der wissenschaftlichen Untersuchung auch als Problem herausgestellt hat, ist die Erreichbarkeit. Arztpraxen in Klein- und mittelgroßen Städten nutzen die Sprechzeiten für telefonische Terminvergabe.

Akutsprechstunden

Fachärzte in Großstädten dagegen bieten gesonderte Telefonzeiten an. Bei 80 Prozent der Radiologen ist bereits der erste Telefonversuch erfolgreich. Im Gegensatz dazu kann nur jede fünfte orthopädische Praxis sofort erreicht werden. Von den 200 angefragten Arztpraxen sind es sogar 50 und damit ein Viertel, bei denen selbst der dritte Anruf erfolglos bleibt. 

Immerhin 20 Prozent der Hautärzte und acht Prozent der Orthopäden verweisen auf ihre Akutsprechstunde. In der Akutsprechstunde können Versicherte ohne Terminreservierung dringliche Beschwerden kurzfristig abklären lassen. 

Die Ergebnisse zeigen, wie notwendig Terminservicestellen für die Vermittlung von Facharztterminen sind. Die TK unterstützt ihre Versicherten seit Jahren mit einem eigenen Terminservices, über den telefonisch oder online Termine vergeben werden. Auch die KV Sachsen können Patienten telefonisch kontaktieren. Innerhalb von vier Wochen sollten sie einen Facharzttermin erhalten. „Die Terminservicestellen sind ein sinnvolles Angebot. Sie scheitern aber regelmäßig dann, wenn die Ressource Arzt ausgebucht ist. Die KV Sachsen arbeitet deshalb an einem digitalen Service zur Fernbehandlung", erklärt Simone Hartmann.

Hintergrund

Die empirische Untersuchung fand von Juni bis August 2018 statt. Die Facharztpraxen in Sachsen wurden per Zufallsprinzip ausgewählt und von einer privaten Handynummer angerufen. Die Testanrufe bei Fachärzten der Augenheilkunde, Dermatologie, Neurologie, Neurochirurgie, Orthopädie sowie Radiologie fanden während der angegebenen Sprechzeiten der jeweiligen Praxis statt. Testanrufer gaben sich nicht als solche zu erkennen und handelten nach einem standardisierten Interviewleitfaden. Termine, die durch die Testanrufe entstanden, sagten die Testanrufer anschließend ab. Insgesamt wurden 200 Facharztpraxen in Sachsen in die Studie einbezogen.