Acht von zehn Rücken-Operationen sind unnötig. Das zeigt eine Auswertung eines speziellen Zweitmeinungsangebots der TK. Bei dem Angebot können Patienten die Notwendigkeit einer Wirbelsäulen-Operation in speziellen Schmerzzentren überprüfen lassen.

TK: Herr Vogt, greifen die Ärzte in Baden-Württemberg zu schnell zum Skalpell?

Andreas Vogt

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Leiter TK-Landesvertretung Baden-Württemberg

Andreas Vogt: Die Auswertung eines speziellen Zweitmeinungsangebots der TK legt diesen Schluss in der Tat nahe. Bei dem Angebot können Patientinnen und Patienten die Notwendigkeit einer Wirbelsäulen-Operation in speziellen Schmerzzentren überprüfen lassen.

Zwei dieser bundesweit 30 Schmerzzentren liegen in Baden-Württemberg, nämlich in Fellbach und Göppingen. Die Ergebnisse zwischen Bund und Land unterscheiden sich nicht: 79 Prozent der Teilnehmer bekamen die Empfehlung, sich konservativ - etwa mit Krankengymnastik - behandeln zu lassen. Dies bedeutet, dass acht von zehn Rücken-Operationen überflüssig sind.

In Baden-Württemberg werden pro Jahr über 20.000 solcher Operationen durchgeführt. Nun kann man nicht unbedingt davon ausgehen, dass die Patienten, die eine Zweitmeinung in Anspruch nehmen, repräsentativ sind für die Gesamtheit der Patienten. Dennoch gibt es sicher eine beträchtliche Zahl von Patienten, die nicht hätten operiert werden müssen - und denen man damit die Risiken einer solchen OP erspart hätte.  

TK: Wie läuft das Zweitmeinungsverfahren bei der TK ab?

Vogt: Bei dem TK-Projekt "Zweitmeinung vor Wirbelsäulen-Operationen" können Versicherte vor einem geplanten Eingriff kostenlos eine professionelle zweite Meinung bei einem interdisziplinären Spezialistenteam einholen. Die Patienten bekommen bei Bedarf innerhalb von zwei Tagen einen Termin und können in einem der genannten 30 Schmerzzentren ihre OP-Empfehlung überprüfen lassen.

Das Behandlungsteam besteht aus einem Schmerztherapeuten, einem Physiotherapeuten und einem Psychotherapeuten. Sie untersuchen den Patienten und beraten ihn gemeinsam, wie er am besten zu behandeln ist.

TK: Gibt es Zweitmeinungsverfahren bei weiteren Indikationen?

Vogt: Seit 2016 bietet die TK das Zweitmeinungsprogramm auch für Hüft-, Knie- und Schulter-Operationen an. Um das Angebot zu nutzen, muss der Arzt den Versicherten ins Krankenhaus einweisen oder aber zur Überprüfung der Notwendigkeit einer OP überweisen.

Zusätzlich können die Versicherten auch eine ärztliche Online-Zweitmeinung einholen. Bei einer anstehenden Operation haben die Patienten die Möglichkeit, sich bei dem Ärztenetzwerk Medexo online die Zweitmeinung anzufordern.

In der Regelversorgung ist das Zweitmeinungsverfahren bislang noch nicht angekommen. Zwar ist die Zweitmeinung schon seit 2015 im SGB V verankert, aber der G-BA und das Bundesgesundheitsministerium konnten sich bislang noch nicht auf eine Umsetzungsrichtlinie verständigen. Dieses gesetzliche Zweitmeinungsverfahren bezieht sich auf Mandel-Operationen und die Entfernung der Gebärmutter.