Hamburg, 14. Februar 2022. Wie kann die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen verbessert werden? Wie lassen sich die bestehenden Hilfsangebote besser miteinander verzahnen, damit Kinder und Jugendliche, die bisher durch das Versorgungsnetz fallen, zum richtigen Zeitpunkt die richtige Unterstützung erhalten? Dies wollen Kinder- und Jugendpsychiatrien, Forschungseinrichtungen, Regionale Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) sowie die Kinder- und Jugendhilfe im Pilotprojekt "DreiFürEins" erproben. Nach einer intensiven Vorbereitungsphase ist "DreiFürEins" nach den Herbstferien des Schuljahres 2021/2022 an den Start gegangen. 

Drei Insti­tu­tionen arbeiten eng zusammen

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Im Projekt DreiFürEins arbeiten drei Institutionen Hand in Hand zusammen.

Schule, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrien Hand in Hand - dafür steht der Name "DreiFürEins". Gemeinsam wollen die Projektpartner eine gesunde Entwicklung und Teilhabe an Bildung bei den Schülerinnen und Schülern vor Ort fördern, die in bestehende Behandlungsstrukturen nicht hineinfinden und keine adäquate Hilfe erhalten. In den kommenden zweieinhalb Jahren wollen sie für bis zu 550 Kinder und Jugendliche zwischen vier und 17 Jahren entsprechende therapeutische Angebote in vier ReBBZ mit Therapieräumen (ReBBZ+T) organisieren, um ihnen und ihren Familien in ihrer schwierigen Situation zu helfen und Unterstützung verbunden mit therapeutischer Behandlung anzubieten. Die Therapie wird von den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der zwei teilnehmenden Kliniken durchgeführt. In einer begleitenden Evaluation der Universität Oldenburg und der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg soll zudem untersucht werden, ob die neuartige Zusammenarbeit und Kooperation der Projektpartner sich positiv auf die Entwicklung und Gesundheit der Kinder und Jugendlichen auswirkt und sich positive gesundheitsökonomische Effekte einstellen. Gleichzeitig soll die wissenschaftliche Begleitung zeigen, ob es positive Effekte auf das Kooperationsverhalten und die Gesundheit der Fachkräfte gibt.

Förderung durch den Innovationsfonds: Zahlreiche Partner beteiligt 

"DreiFürEins" wird über vier Jahre mit insgesamt bis zu 5,9 Millionen Euro aus dem Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses gefördert. Konsortialpartner des Projekts sind neben den Abteilungen für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychosomatik (KJPPP) des Asklepios Klinikums Hamburg-Harburg und des Katholischen Kinderkrankenhauses Wilhelmstift gGmbH auch die Hamburger Schulbehörde (BSB). Als Krankenkassen sind die TK (Konsortialführerin), die AOK Rheinland/Hamburg, BARMER, DAK-Gesundheit, die IKK classic sowie die KNAPPSCHAFT beteiligt. Die Behörde für Arbeit, Gesundheit, Soziales, Familie und Integration (kurz: Sozialbehörde) sowie die Mobil Krankenkasse sind Kooperationspartner des Projekts. Alle Projekte, die eine Förderung durch den Innovationsfonds erhalten, müssen wissenschaftlich begleitet werden. Projektstart war der 1. Februar 2021, die Versorgung in den ReBBZ+T ist nach den Herbstferien des Schuljahres 2021/2022 gestartet. 

Enge Zusammenarbeit der Akteure 

Nach aktueller Studienlage sind bundesweit bis zu 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig. Zu den häufigsten psychischen Auffälligkeiten gehören emotionale Probleme, Verhaltensprobleme und Hyperaktivität. Diese haben oft schwerwiegende Folgen für das Wohlbefinden, den alltäglichen Umgang mit sich selbst und anderen und die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen. "Die psychische Gesundheit ist für Kinder und Jugendliche eine grundlegende Voraussetzung für das individuelle Wohlbefinden, eine gesunde Entwicklung und für Leistungsfähigkeit. Leider gibt es derzeit Kinder und Jugendliche, die bei psychischen Erkrankungen keine adäquate Behandlung erhalten - trotz der bestehenden umfassenden Hilfen im kinder- und jugendpsychiatrischen und -psychotherapeutischen Bereich. Das liegt unter anderem daran, dass es eine Vielzahl heterogener Hilfsangebote und Akteure gibt, die systemisch nicht miteinander verknüpft sind", sagt Thomas Ballast, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der TK. "Um das zu ändern, hat die TK gemeinsam mit zahlreichen Partnern das Hamburger Pilotprojekt 'DreiFürEins' entwickelt: Krankenhäuser, ReBBZ und das Jugendamt arbeiten hier eng zusammen. Wir freuen uns, dass wir für Kinder und Jugendliche in Hamburg ein sektorenübergreifendes und niedrigschwelliges Angebot schaffen können", so Ballast weiter.

Unterstützung für Kinder und Jugendliche vor Ort im ReBBZ+T

Im Pilotprojekt werden in den vier Regionalen Bildungs- und Beratungszentren mit Therapieräumen (ReBBZ+T) Unterstützung, Beratung und Behandlung für die Kinder und Jugendlichen an einem Ort angeboten. "Unter psychischen und emotionalen Auffälligkeiten leiden nicht nur die Kinder und Jugendlichen selbst, sondern auch ihr Umfeld. Das gilt gerade für Schule und Unterricht, wo Lehrkräfte sowie Mitschülerinnen und Mitschüler in der Auseinandersetzung mit den Betroffenen immer wieder belastende Situationen bewältigen müssen. Durch die Zusammenarbeit von Schulen, ReBBZ, Jugendhilfe und Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie die Unterstützung der Krankenkassen ist es erstmals möglich, Hilfen aus einer Hand anzubieten und Unterstützungs- und Therapieangebote an einem Ort stattfinden zu lassen. Durch dieses niedrigschwellige Angebot unterstützen wir Kinder und Jugendliche in ihrer gesamten psychosozialen Entwicklung", sagt Schulsenator Ties Rabe. 

Gibt es bei betroffenen Schülerinnen und Schülern Unterstützungs- und Therapiebedarf, findet ein Erstgespräch unmittelbar vor Ort in einem der teilnehmenden ReBBZ+T statt. Dabei wird erfasst, ob sie eine psychische Erkrankung aufweisen, die eine Behandlung erfordert, und sie fähig sind bzw. Schwierigkeiten haben, das schulische Angebot zu nutzen (Teilhabe an Bildung). Auf dieser Grundlage werden gemeinsam mit den klinischen Fachkräften, den Schulkräften und der Jugendhilfe die weiteren Versorgungs- und Therapiebedarfe ermittelt. "Wenn ein Therapiebedarf besteht, erhalten die Betroffenen dank unseres neuen Projekts vor Ort in den ReBBZ+T eine kinder- und jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Behandlung der Institutsambulanzen der Kliniken mit Kunst- und Musiktherapie. Damit wollen wir ihnen helfen, ihnen neuen Lebensmut und eine neue Lebensqualität geben, Fehlzeiten und mangelnde Teilhabe an der Schule reduzieren und ihnen somit ein gesundes und erfolgreiches Lernen ermöglichen", so der Bildungssenator weiter. Die Standorte der teilnehmenden Regionalen Bildungs- und Beratungszentren, die ReBBZ mit Therapieräumen, sind Altona, Altona -West, Bergedorf und Wandsbek-Süd.

Probleme früh erkennen und niedrigschwellig helfen

Im Projekt "DreiFürEins" arbeiten zwei Hamburger Kinder- und Jugendpsychiatrien mit den Regionalen Bildungs- und Beratungszentren (ReBBZ) sowie der Kinder- und Jugendhilfe (JH) eng zusammen. Dafür tauschen sie sich regelmäßig über die Patientinnen und Patienten aus. Der besondere Mehrwert liegt in der durchgehenden engen Kooperation, der sektorenübergreifenden Fallkoordination und den gemeinsamen Zielen. "Mit dem Projekt 'Drei für Eins' helfen wir, bevor es schlimmer wird: Kinder mit sozialem Rückzug, Depressionen und Angstsymptomen haben wir genauso im Blick wie sogenannte 'Systemsprenger'. Oft zeichnet sich schon beim Übergang von der Kita in die Schule bei einzelnen Kindern Unterstützungsbedarf ab. An dieser Schnittstelle wollen wir im Projekt 'DreiFürEins' gut hinsehen. Wir verbessern die Diagnostik, die Förderung und die Behandlung. Entscheidend ist dabei, was die Kinder tatsächlich brauchen. Wo wir Probleme früh erkennen, können wir dafür sorgen, dass die Kinder- und Jugendhilfe, die Schule und Gesundheitshilfe zusammenarbeiten und niedrigschwellig helfen. So stärken wir Kinder und ihre Eltern!", sagt Sozialsenatorin Dr. Melanie Leonhard.

Corona-Pandemie: Psychische Auffälligkeiten bei Kindern und Jugendlichen nehmen zu

Die KIGGS-Studie des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2018 zeigt, dass vor Beginn der Corona-Pandemie rund 20 Prozent der Kinder und Jugendlichen psychisch auffällig waren. Infolge der Pandemie-Auswirkungen könnte dieser Anteil noch einmal angestiegen sein. In der COPSY-Studie (Corona und Psyche) des Universitätsklinikums Hamburg Eppendorf mittels telefonischer Interviews wird von einer Zunahme von subjektiv wahrgenommener Symptomatik ausgegangen - von bis zu 20 auf 30 Prozent. 

Drei­Für­Eins - an wen sich das Projekt richtet

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Die Infografik zeigt, an welche Kinder und Jugendlichen sich das Projekt richtet.

Dr. Sabine Ott-Jacobs, Chefärztin der KJPP am Asklepios Klinikum Harburg: "Eine genaue Zuordnung, wie viele dieser Kinder und Jugendlichen als psychisch krank einzuordnen sind, ist offen. Auch pandemieunabhängig gibt es Kinder und Jugendliche, die aufgrund ihrer emotionalen Auffälligkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten in Schule oder ReBBZ auffallen. Sie können ihre Leistungsfähigkeit nicht zeigen, ecken an und weisen möglicherweise eine psychische Erkrankung auf, die eine kinder- und jugendpsychiatrische und -psychotherapeutische Behandlung erfordert. Ein gewisser Teil dieser Kinder und Jugendlichen kann in den umfassenden kassenärztlichen Hilfesystemen der KJPP nicht Fuß fassen und fällt durch die guten Hamburger Versorgungsnetze. Die Gründe dafür sind vielfältig! Im Projekt 'DreiFürEins' möchten wir möglichst viele Kinder und Jugendliche aus dieser Gruppe auffangen und ihnen die Behandlung bieten, die sie benötigen. Das Ziel ist, mit Kindern und Jugendlichen gemeinsam mit ihren Familien Behandlungsvoraussetzungen zu erarbeiten, damit sie die bestehenden kassenärztlichen Versorgungssysteme nutzen können."

Hinweis an die Redaktionen

Der Innovationsfonds ist ein vom Innovationsausschuss des Gemeinsamen Bundesausschusses verwalteter Fonds zur Förderung neuer Versorgungsformen und Versorgungsforschungsprojekte. Der Innovationsfonds wurde im Rahmen des GKV-Versorgungsstärkungsgesetzes 2015 geschaffen und nahm 2016 die Arbeit auf. Ziel ist es, die Versorgung durch innovative Versorgungsformen qualitativ weiterzuentwickeln. Hierbei muss es sich um Versorgungsformen handeln, die über die bisherige Regelversorgung hinausgehen, beziehungsweise um Versorgungsforschungsprojekte, die auf einen Erkenntnisgewinn zur Verbesserung der bestehenden Versorgung in der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) abzielen. Der Fokus liegt besonders auf sektorenübergreifenden Projekten. Ursprünglich angesetzt war die Laufzeit des Innovationsfonds bis 2019. Zum 1. Juni 2020 wurde diese aber um weitere fünf Jahre verlängert.