TK: Frau Ministerin Bachmann, es wird immer wieder über den Ärzte- und Fachkräftemangel im Gesundheitswesen berichtet. Wie schätzen Sie die aktuelle Lage im Saarland ein?
 
Monika Bachmann: Derzeit existiert im Saarland eine gute Versorgung mit niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten. Insbesondere bei der Arztdichte in Deutschland liegt das Saarland bundesweit im guten Mittelfeld. Von einem akuten Mangel an niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten kann im Saarland nicht gesprochen werden. Während im Facharztbereich teilweise eine Überversorgung besteht, gibt es jedoch Gemeinden in denen nicht alle Hausarztsitze besetzt sind. 
 

Monika Bach­mann

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Saarländische Ministerin für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie


TK: Was kann das Saarland dieser Entwicklung entgegensetzen?
 
Bachmann: Die Kassenärztliche Vereinigung hat die vertragsärztliche Versorgung für den Bereich der Vertragsärztinnen und Vertragsärzte sicherzustellen. Dem Land kommen im Bereich der ambulanten Versorgung keinerlei Planungs- oder Entscheidungskompetenzen zu. Dennoch hat die Landesregierung bereits zu Jahresbeginn 2017 zwei Förderprogramme aufgelegt:

Das Landarztförderprogramm hat zum Ziel, die Entscheidung, sich als Hausärztin und Hausarzt sowie auch als Fachärztin und Facharzt im ländlichen Raum niederzulassen, positiv zu begleiten und Praxisgründungen und -übernahmen zu erleichtern. Es können dabei Praxisübernahmen/-neuzulassungen sowie Filialbildungen im ländlichen Raum mit bis zu 10.000 Euro gefördert werden. Für das Jahr 2020 ist eine Ausweitung des Förderprogramms auch auf Zahnärztinnen und Zahnärzte in unterversorgten Gebieten sowie eine Erhöhung der Fördersumme auf bis zu 20.000 Euro vorgesehen.

Daneben existiert das Stipendienförderprogramm, mit dem Medizinstudierende an der Universität des Saarlandes frühzeitig für eine spätere hausärztliche Tätigkeit im ländlichen Raum motiviert werden sollen. Hier ist es Ziel - mit 300 Euro pro Monat für längstens 4 Jahre - auch mittelfristig eine flächendeckende und möglichst wohnortnahe medizinische Versorgung auf qualitativ hohem Niveau gewährleisten zu können.

Neben der Gewinnung von Nachwuchs für die grundversorgenden Arztgruppen gilt ein Hauptaugenmerk der Landesregierung auch innovativen Versorgungsmodellen, die den einzelnen Arzt bei seiner Tätigkeit unterstützen können.

Darüber hinaus können die Bundesländer bis zu 10 Prozent der Medizinstudienplätze vorab an Bewerberinnen und Bewerber vergeben, die sich verpflichten, nach Abschluss des Studiums und der fachärztlichen Weiterbildung in der Allgemeinmedizin für bis zu zehn Jahre in der hausärztlichen Versorgung in unterversorgten bzw. von Unterversorgung bedrohten ländlichen Regionen tätig zu sein. Derzeit bereitet das Ministerium für Soziales, Gesundheit, Frauen und Familie die Einführung einer Landarztquote vor, eine Umsetzung ist für das Wintersemester 2020/2021 vorgesehen.

TK: Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht dabei eine sektorenübergreifende Versorgung, gerade was die Verzahnung der stationären mit den ambulanten Versorgungsstrukturen betrifft?
 
Bachmann: Eine sektorenübergreifende Versorgung ist notwendige Voraussetzung für eine bestmögliche Versorgung der Patientinnen und Patienten. Dies bedeutet, dass sowohl die ambulante und stationäre Versorgung als auch die Rehabilitation, die Pflege sowie die Palliativversorgung miteinander verknüpft werden. Ziel einer solchen Verknüpfung bzw. Verzahnung ist es, die gesundheitliche Versorgung der Patientinnen und Patienten insgesamt zu verbessern und gleichzeitig dem stetigen Kostendruck im Gesundheitswesen durch eine möglichst kosteneffektive Versorgung zu begegnen.
 
TK: Können Fernbehandlung und Telemedizin die Situation entschärfen?
 
Bachmann: Ein bedeutendes Hindernis auf dem Weg zur Telemedizin und der Digitalisierung hat der 121. Deutsche Ärztetag Anfang Mai dieses Jahres durch die Änderung des in § 7 statuierten - kurz gesagt - "Fernbehandlungsverbotes“ aus dem Weg geräumt.

Aufbauend auf der technischen Plattform der Telematikinfrastruktur werden künftig elektronische Anwendungen, wie die elektronische Patientenakte als zentrales Archivierungssystem, der elektronische Medikationsplan mit Arzneimitteltherapieüberwachung oder das Notfalldatenmanagement und weitere unmittelbare telemedizinische Anwendungen, Softwarelösungen zur Überwachung chronisch kranker Menschen, zur Verbesserung der Versorgung von Patientinnen und Patienten genutzt werden.

Die Vorteile der telemedizinischen Fernbehandlung liegen auf der Hand. Fernbehandlung kann eine Antwort auf die Unterversorgung in strukturschwachen Regionen sein und die wenigen dort ansässigen Arztpraxen entlasten. Weiterhin stellt sie für mobil eingeschränkte Personen eine erhebliche Verbesserung dar, weil diese dadurch seltener lange Anfahrtswege zu behandelnden Ärzten auf sich nehmen müssen.
 
TK: Sind dahingehend Projekte geplant?
 
Bachmann: Die Digitalisierung ist in erster Linie Aufgabe des Bundesgesetzgebers. Damit das Gesundheitssystem patientenfreundlicher wird, ist die Digitalisierung kein Nebenaspekt mehr, sondern jetzt ein zentraler Bestandteil in jedem Gesetz.

Patientinnen und Patienten sollen möglichst schnell von innovativen Versorgungsansätzen profitieren. Die saarländische Landesregierung wird sich dafür stark machen, dass die Digitalisierung im Gesundheitsbereich und damit auch im stationären Bereich weiter vorangebracht wird.

Dennoch werden im Krankenhaus noch immer zu viele administrative Prozesse per "Stift und Zettel“ erledigt. Hier könnte die Digitalisierung durch die Anschaffung geeigneter Hard- und Software spürbare Erleichterungen und Zeitersparnisse für Pflegekräfte bedeuten. Zeit, die dringend für die Patientenpflege benötigt wird. 

Bald sollen Ärzte Gesundheitsapps verschreiben können. Patienten sollen dann per Videoanruf mit ihrem Arzt sprechen und Untersuchungsergebnisse künftig per App auf dem Smartphone speichern können. Auch sollen die Akteure im Gesundheitswesen besser vernetzt werden, damit die Befunde nicht mehr von einem Arzt zum nächsten getragen oder Untersuchungen doppelt durchgeführt werden, sondern - wenn dies gewünscht ist - diese Daten den Ärzten zur Verfügung gestellt werden.