Berlin/Potsdam. 21. Januar 2020. Kinder, die per Kaiserschnitt entbunden werden, haben später ein höheres Risiko für Gesundheitsprobleme als Kinder, die auf natürlichem Weg zur Welt gekommen sind. Eine Frühgeburt wirkt sich noch stärker auf die Gesundheit der Kinder aus. Das geht aus dem Kindergesundheitsreport  der Techniker Krankenkasse (TK) hervor, in dem die Daten von rund 38.000 im Jahr 2008 geborenen Kindern bis zum achten Lebensjahr ausgewertet werden - davon 5.000 aus Berlin und Brandenburg. 

Deutschland hat mit einem Frühgeborenenanteil von fast neun Prozent eine der höchsten Raten in Europa. In Berlin und Brandenburg zählte 2018 allein die TK fast 1.000 Babys mit einer Frühgeborenen-Diagnose. Per Kaiserschnitt kommt insgesamt mehr als ein Viertel der Neugeborenen zur Welt: Der Anteil der Kaiserschnittentbindungen von TK-Versicherten in Berlin lag 2018 mit 27 Prozent knapp unter dem Bundesdurchschnitt (28 Prozent). In Brandenburg betrug der Anteil 24 Prozent. 

Vor- und Nachteile gründlich prüfen

"Der Kindergesundheitsreport zeigt einen Zusammenhang zwischen der Häufigkeit bestimmter Erkrankungen und der Geburt per Kaiserschnitt oder der Frühgeburt", sagt Susanne Hertzer, TK-Chefin in Berlin und Brandenburg. Aus der wissenschaftlichen Literatur gibt es dafür unter anderem folgende Erklärmodelle: Nach einer Kaiserschnittentbindung haben Neugeborene - anders als bei einer vaginalen Geburt - noch häufig Fruchtwasser in den Atemwegen. Zudem ist die Immunabwehr von Kaiserschnittkindern in der ersten Lebensphase vergleichsweise schwächer. Dies wird unter anderem mit einer gestörten Darmflora der Neugeborenen erklärt, da die Kinder während der Kaiserschnittgeburt nicht mit den vaginalen Mikroorganismen der Mutter in Berührung kommen. Klar ist: Ein Kaiserschnitt ist unbedingt erforderlich, wenn eine natürliche Entbindung die Gesundheit der Mutter und des Kindes gefährdet. Ist er aber medizinisch nicht unbedingt erforderlich, müssten die Vor- und Nachteile eines solchen Eingriffs im Interesse des Kindes sorgfältig geprüft werden, so Hertzer.

Höheres Erkrankungsrisiko   

Ein Kaiserschnitt steigert das Risiko für eine chronische Bronchitis in den ersten acht Lebensjahren um fast zehn Prozent. Zudem zeigt die Studie einen Zusammenhang zwischen einer Kaiserschnittgeburt und einem höheren späteren Risiko für Allergien des Kindes, für Ernährungsprobleme wie etwa Adipositas, Magen-Darm-Infekte oder chronisch entzündliche Darmerkrankungen und für Verhaltensauffälligkeiten. Insgesamt zeigt sich bei den Kaiserschnittkindern bei 19 von 67 Krankheitsgruppen, die im Report näher untersucht werden, ein signifikant höheres Erkrankungsrisiko. Allein sechs dieser Krankheitsgruppen betreffen Entwicklungs- und Verhaltensprobleme.

Zudem macht der Kindergesundheitsreport deutlich: Eine Frühgeburt beeinflusst die Gesundheit des Kindes noch stärker als eine Kaiserschnitt-Entbindung. Frühchen leiden häufiger an Entwicklungsstörungen, Sehbeeinträchtigungen und Erkrankungen der unteren Atemwege. Insgesamt zeigt der Report bei den Frühgeborenen ein höheres Erkrankungsrisiko bei 22 der 67 untersuchten Krankheitsgruppen. 

Digitale Hightech-Matratze für Frühchen

Der TK-Kindergesundheitsreport ist die erste Langzeitstudie mit deutschen Routinedaten, die den Zusammenhang zwischen Kaiserschnitt und Frühgeburt sowie der Gesundheit von Kindern differenziert analysiert. "Die Ergebnisse unserer Untersuchung können helfen, die richtigen Maßnahmen zu finden", sagt Susanne Hertzer. In Berlin unterstützt die TK Frühgeborene beispielsweise mit Babybe: So heißt die digital gesteuerte Matratze, deren Einsatz derzeit im St. Joseph Krankenhaus Berlin Tempelhof im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie erprobt wird. Die Matratze vermittelt frühgeborenen Babys auch im Brutkasten Geborgenheit, indem sie Atmung, Stimme und Herzschlag der Mutter simuliert. Erste Ergebnisse einer Pilotstudie weisen darauf hin, dass die bionische Matratze die Frühgeborenen ruhiger atmen und besser zunehmen lässt.

Hinweis für die Redaktion

Für den TK-Kindergesundheitsreport hat die TK die Abrechnungsdaten von 38.853 TK-versicherten Kindern, die im Jahr 2008 geboren wurden, ausgewertet. Darunter waren knapp 4.000 Berliner und mehr als 1.000 Brandenburger Kinder. Die Analyse umfasste die ersten acht Lebensjahre, also den Zeitraum von 2008 bis 2016. Medizinisch gesehen gilt ein Kind als Frühgeburt, das vor der vollendeten 37. Schwangerschaftswoche oder mehr als drei Wochen vor dem errechneten Entbindungstermin geboren wurde. Meist haben die Babys auch ein zu geringes Geburtsgewicht.