Christian Soltau ist Medizinrechtsexperte der TK. Im Interview spricht er mit uns über die aktuelle Entwicklung und darüber, was Versicherte tun können, wenn sie befürchten, Opfer eines Behandlungsfehlers geworden zu sein.

TK: Herr Soltau, 283 Versicherte haben sich an die TK gewandt, weil sie einen Behandlungsfehler vermuteten. Wo passieren die meisten Fehler und wie oft erhärtet sich ein Verdacht?

Christian Soltau:  Die meisten Verdachtsfälle verzeichnen wir regelmäßig im chirurgischen Bereich. Auf Platz zwei landete die Zahnmedizin, gefolgt von Allgemeinmedizin und der Gynäkologie / Geburtshilfe. Bei diesen Zahlen muss man aber wissen, dass hinter den gemeldeten Fällen auch noch eine sehr hohe Dunkelziffer liegt. Auf jeden uns gemeldeten Fall kommen 30 nicht gemeldete. Insofern zeigen die Zahlen nur die Spitze des Eisbergs.

Die meisten Verdachtsfälle verzeichnen wir regelmäßig im chirurgischen Bereich. Auf Platz zwei landete die Zahnmedizin, gefolgt von Allgemeinmedizin und Gynäkologie / Geburtshilfe.
Christian Soltau, TK-Experte für Medizinrecht

Natürlich entpuppt sich aber nicht jeder Verdachtsfall letztendlich auch als Fehler. Oftmals handelt es sich um einen schicksalhaften Verlauf, wobei der Unterschied für den Patienten nur schwer erkennbar ist. Nur bei etwa jedem dritten Fall erhärten sich die Hinweise auch wirklich auf einen Behandlungsfehler. 

Chris­tian Soltau

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Team Regresse und Ersatzansprüche bei der Techniker Krankenkasse

TK: Was können Patienten tun, die den Verdacht haben, Opfer eines ärztlichen Fehlers geworden zu sein?

Soltau: Wir empfehlen immer, dass sich die Betroffenen frühzeitig an ihre Krankenkasse wenden, um sich von dort Hilfe zu holen.

Wir lassen die Fälle von Experten prüfen, und sollte sich der Verdacht erhärten, können wir medizinische Sachverständigengutachten erstellen lassen. Diese sind für die Versicherten in der Regel kostenfrei und können von ihnen für ihre Schadensersatzverhandlungen mit dem Arzt, dem Krankenhaus, der zuständigen Haftpflichtversicherung oder vor Gericht genutzt werden. Beschreitet die TK den Klageweg, übernehmen wir sozusagen für den Versicherten die Vorreiterrolle im gerichtlichen Verfahren. Dieser kann den Ausgang des Prozesses abwarten und dadurch einschätzen, ob eine eigene Klage Aussicht auf Erfolg hat. Im vergangenen Jahr haben wir in 2.260 Fällen Gutachtenaufträge erstellt. 44 Fälle wurden vor Gericht verhandelt. 

Übrigens: Je besser die Krankengeschichte dokumentiert ist, desto höher sind die Aussichten auf Erfolg. Patienten sollten deshalb in einem Gedächtnisprotokoll festhalten, wie die Behandlung ablief und welche Ärzte und Pfleger beteiligt waren. Die elektronische Gesundheitsakte kann hier für die Betroffenen sicherlich eine wertvolle digitale Hilfe sein.

TK: Die Verfahren vor Gericht dauern teilweise mehr als zehn Jahre. Woran liegt das?

Soltau: In der Tat dauern die Verfahren zur Feststellung eines möglichen Behandlungsfehlers viel zu lange. So konnten wir zum Beispiel feststellen, dass in jedem dritten betrachteten Sachverhalt drei oder mehr medizinische Gutachten erstellt wurden. Das zeigt uns deutlich, dass die derzeitige Rechtsprechung, bei der der Betroffene den Schaden nachweisen muss, einfach patientenunfreundlich ist. So kann beispielsweise derzeit ein Patient kaum beweisen, dass er sich bei der Einnahme von Medikamenten genau an den Beipackzettel gehalten hat. Es ist daher fast unmöglich, einen Arzneimittelhersteller für ein fehlerhaftes Medikament zur Verantwortung zu ziehen. Hinzu kommt, dass die Pharmaunternehmer immer auch eine andere denkbare Ursache für den unerwünschten Verlauf einer Behandlung anführen können.

Ein weiteres Hemmnis für schnellere Entschädigungsverfahren liegt auch darin, dass ein Arzt, wenn er denn einen Fehler zugibt, gleich in Gefahr gerät, seinen Haftpflichtanspruch zu verlieren. Auch gezielte Verzögerungstaktiken seitens der Haftpflichtversicherungen führen zu unnötigen Verfahrenslängen. 

Die Verfahren müssen daher viel schneller abgewickelt und die Betroffenen frühzeitig entschädigt werden. Was wir hierfür auch brauchen, sind mehr Spezialkammern für arzthaftungsrechtliche Fragen.

TK: Und was muss aus Sicht der TK passieren, um die Lage der Betroffenen zu verbessern?

Soltau: Die Menschen brauchen schneller Hilfe, denn bei schweren Fällen können sie nach einem Behandlungsfehler häufig nicht mehr arbeiten und sind in ihrer Existenz bedroht. 

Was wir daher brauchen, ist eine offene Fehlerkultur ohne persönliche Sanktionen für den Behandler, eine patientenfreundlichere Rechtsprechung und damit auch kürzere Verfahrensdauern.

Die Interessen der Menschen und nicht die der Versicherer oder Hersteller von Arzneimitteln und Medizinprodukten müssen endlich in das Zentrum des deutschen Rechts gestellt werden.

Um die Patientensicherheit auch in Krisenzeiten zu erhöhen, wird das Berichtssystem zur anonymisierten Meldung von kritischen Ereignissen und Beinahe-Schäden in Einrichtungen des Gesundheitswesens, das Critical Incident Reporting System (CIRS), im Rahmen einer neuen TK-Kooperation  erstmals auch für Patienten geöffnet. Das Angebot startet zunächst in Hamburg, Berlin und Brandenburg. Die Patienten haben dadurch online die Möglichkeit, anonymisiert von ihren positiven und negativen Erfahrungen mit COVID-19 zu berichten. 

Gerade in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie ist es wichtig, die Akteure im deutschen Gesundheitswesen bei der Gewährleistung einer sicheren Patientenversorgung zu unterstützen. Die Rückmeldungen der Versicherten über ihre positiven und negativen Erfahrungen bieten dafür wertvolle Hinweise. 
 

Was wir daher brauchen, ist eine offene Fehlerkultur ohne persönliche Sanktionen für den Behandler, eine patientenfreundlichere Rechtsprechung und damit auch kürzere Verfahrensdauern.Christian Soltau, TK-Experte für Medizinrecht

TK: Nicht immer liegt der Fehler beim Arzt. Fehlerhafte Medizinprodukte, wie Herzschrittmacher oder Brustimplantate, machen immer wieder Schlagzeilen…

Soltau: Die Zahl der Risikomeldungen hat sich in den vergangenen Jahren mehr als vervierfacht! Das zeigt, dass die Kontrollen bisher viel zu lasch sind. 

Hier fordern wir eine strengere Überprüfung von Medizinprodukten, wie zum Beispiel Herzschrittmachern und künstlichen Hüften. 

Bei Medikamenten ist es selbstverständlich, dass wir sie intensiv testen, bevor sie auf den Markt kommen. Bei künstlichen Gelenken und Herzkathetern muss nur ein privates Institut prüfen, ob bei der Konstruktion die technischen Normen eingehalten wurden. 

Und: Wenn das Institut das Prüfsiegel versagt, kann der Hersteller einfach zu anderen Prüfinstituten in Europa gehen und es dort noch einmal versuchen, bis er seine Zulassung hat. 

Als TK fordern wir außerdem: Alle Hersteller müssen eine Haftpflichtversicherung mit ausreichender Deckung abschließen, falls mit dem Produkt etwas nicht stimmt. 

Jeder Autofahrer muss bei uns eine Haftpflichtversicherung abschließen. Sonst wird sein Wagen nicht zugelassen. Aber Medizinproduktehersteller können Hunderttausende Patienten mit künstlichen Gelenken und Herzschrittmachern ohne entsprechenden Versicherungsschutz ausstatten. Und wenn sich die Konstruktion als fehlerhaft erweist (wie zum Beispiel bei dem Brustimplantathersteller PIP), dann geht er insolvent, und die Opfer gehen leer aus. Da muss sich dringend etwas ändern.