Hamburg, 21. Juli 2020. Die Zahl der vermuteten Behandlungsfehler ist 2019 in Hamburg gesunken. Damit stellt sich die Hansestadt gegen den bundesweiten Trend steigender Meldungen. Das teilt die Techniker Krankenkasse unter Berufung auf eigene Auswertungen mit. So wandten sich im vergangenen Jahr 283 Hamburgerinnen und Hamburger an die TK, weil sie einen Fehler bei einer Behandlung oder einem Medizinprodukt vermuteten. Das sind neun Prozent weniger als 2018. Mit Ausnahme von Hamburg, Berlin, Brandenburg und dem Saarland gab es in jedem anderen Bundesland ein Plus. Bundesweit stieg die Zahl der Meldungen um zwei Prozent auf 6.361.

Offene Fehlerkultur

"Längst nicht jeder Verdachtsfall ist auch tatsächlich ein Fehler. Etwa bei jedem dritten Fall bestätigt sich der Verdacht im Laufe der Überprüfung", sagt Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg. "Gleichzeitig rechnen wir bei der Anzahl der Behandlungsfehler mit einer hohen Dunkelziffer. Auf jeden uns gemeldeten Fall kommen 30 nicht gemeldete." Patienten, die einen Fehler vermuten, sollten zunächst mit ihrem Arzt sprechen. Kommt es nicht zu einer Klärung, helfen die Schlichtungsstellen der Landesärztekammern und die gesetzlichen Krankenkassen weiter. "Es ist wichtig, dass sich Patienten beim Verdacht auf eine fehlerhafte oder falsche Behandlung melden. Nur so können Schwachstellen künftig vermieden und die Versorgung weiter verbessert werden."

Es ist wichtig, dass sich Patienten beim Verdacht auf eine fehlerhafte oder falsche Behandlung melden. Nur so können Schwachstellen künftig vermieden und die Versorgung weiter verbessert werden. Maren Puttfarcken

Unterstützung für Betroffene

Zur Prüfung, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, können die Krankenkassen beispielsweise beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) für den Versicherten kostenfreie Gutachten in Auftrag geben. Klagt die Krankenkasse gegen den Arzt oder die Klinik, kann der Patient das Urteil abwarten und danach über eine persönliche Klage auf Schmerzensgeld tätig werden. Die TK unterstützt ihre Versicherten außerdem mit einer Beratungshotline (040 - 46 06 61 21 40), einem Wegweiser Behandlungsfehler und einer Beratungsbroschüre.

Verfahren und Entschädigungen dauern oft zu lange

Problematisch für die Opfer von Behandlungsfehlern sind die oft jahrelangen Verfahren. "Wenn bei einer Behandlung oder Operation ein Fehler unterläuft, hat das für die Opfer oft  nicht nur gesundheitliche Folgen. Auch die wirtschaftliche Existenz steht auf dem Spiel, da Betroffene in der Folge oft nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen können", sagt Puttfarcken. Die Gesetzgebung müsse deshalb an dieser Stelle verbraucherfreundlicher werden. Auch die Entschädigungszahlungen durch die Haftpflichtversicherungen der Ärzte lassen oft viele Jahre auf sich warten.

Härtefallfonds für Patienten nötig

Die Klärung, ob ein Behandlungsfehler vorliegt, dauert nicht selten zehn Jahre und länger. Oft müssen mehrere Gutachten eingeholt werden. Um diese langen Verfahren zu überbrücken und soziale Härten zu vermeiden, sollte aus Sicht der TK ein Entschädigungsfonds installiert werden. Patienten, die einen offensichtlichen Fehler erlitten haben, könnten damit unbürokratisch Hilfe erhalten. Allerdings darf dieser Fonds nicht dazu führen, dass sich Haftpflichtversicherungen aus ihrer Verantwortung stehlen.

COVID-19: Patienten können Fehler online melden

Um die Patientensicherheit auch in Pandemiezeiten zu erhöhen, wird das Critical Incident Reporting System (CIRS) im Rahmen einer neuen TK-Kooperation erstmals auch für Patienten geöffnet. CIRS ist ein Berichtssystem zur anonymisierten Meldung von kritischen Ereignissen und Beinahe-Schäden in Einrichtungen des Gesundheitswesens. Patientinnen und Patienten haben dadurch ab sofort online die Möglichkeit, anonymisiert von ihren positiven und negativen Erfahrungen mit COVID-19 zu berichten. Bisher konnten nur Mitarbeitende von Kliniken oder Pflegeheimen Eintragungen machen.

"Gerade in Krisenzeiten wie der Corona-Pandemie ist es wichtig, die Akteure im deutschen Gesundheitswesen dabei zu unterstützen, eine sichere Patientenversorgung zu gewährleisten. Die Rückmeldungen der Versicherten über ihre positiven und negativen Erfahrungen bieten dafür wertvolle Hinweise", sagt Puttfarcken. Die Informationen werden anschließend analysiert und anonym an die Kliniken weitergeleitet. Das Angebot startet zunächst in den Bundesländern Hamburg, Berlin und Brandenburg.