Frankfurt am Main, 10. Mai 2022. 560 Patienten aus Hessen haben der Techniker Krankenkasse (TK) im vergangenen Jahr einen Verdacht auf einen Behandlungsfehler gemeldet. Die meisten Verdachtsfälle in Hessen betreffen den chirurgischen Bereich (148 Fälle) sowie die Fachrichtungen Zahnmedizin (72), Allgemeinmedizin (49), Geburtshilfe (43) und Orthopädie (23).

Für Patienten ist oftmals nur schwer zu erkennen, ob eine Erkrankung schicksalhaft verläuft oder ob Ärzte oder Pflegekräfte einen Fehler gemacht haben. Ziehen Versicherte die Leistungen ihres behandelnden Arztes in Zweifel oder ist bei der Behandlung etwas schief gegangen, können sie diesen Verdacht ihrer Krankenkasse melden und Unterstützung bei der Aufklärung erhalten. Lediglich bei etwa jedem dritten Fall bestätigt sich der Verdacht im Lauf der Überprüfung. Die TK vermutet zusätzlich zu den gemeldeten Fällen eine hohe Dunkelziffer. Bundesweit wurden der TK im vergangenen Jahr über 6.000 Verdachtsfälle gemeldet. 

Zeitaufwändige, schwierige Verfahren

"Das Klären von Behandlungsfehler-Vorwürfen ist leider ein zeitaufwändiges, komplexes und schwieriges Verfahren. Das ist für Betroffene, die nach schweren Behandlungsfehlern oftmals berufsunfähig und dadurch in ihrer finanziellen Existenz bedroht sind, eine zusätzliche, schwere Belastung. Aus unserer Sicht sollten die Verfahren viel schneller abgewickelt und die Patientinnen und Patienten frühzeitig entschädigt werden. Hier braucht es Erleichterungen beim Nachweis eines Behandlungsfehlers. Zudem sollte in unserem Gesundheitswesen eine Fehlerkultur gelebt werden, die es ermöglicht, über Fehler zu reden und aus Fehlern zu lernen. Werden die richtigen Konsequenzen aus Fehlern gezogen, können Patientinnen und Patienten besser und sicherer versorgt werden", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen. 

Schlichter Fehler - enorme Wirkung

Die Ursachen von Behandlungsfehlern sind vielfältig; schlichte Kommunikationsprobleme in der täglichen Arbeit können erhebliche Konsequenzen haben. So hat in einem Fall, den die TK registriert hat, das medizinische Personal die Handschrift eines Arztes nicht richtig entziffert und einem Patienten ein falsches Medikament verabreicht. In einem anderen Fall stürzte eine Patientin, die während einer Darmspiegelung falsch gelagert wurde, von der Behandlungsliege. Häufig müssen Betroffene mehrere Jahre warten, bis klar ist, ob sich der Behandlungsfehler bestätigt und sie Schadenersatz erhalten. Bei chirurgischen Behandlungsfehlern kämpfen sie im Durchschnitt etwa fünf Jahre für ihr Recht, bei Geburtsfehlern sogar zehn Jahre.  

Schwierige Beweisführung

"Kommt etwa ein Kind aufgrund von Komplikationen bei der Geburt geistig behindert zur Welt, sprechen wir über Summen in Millionenhöhe, die meist äußerst langwierige Verfahren zur Folge haben", sagt Christian Soltau, Medizinrechtsexperte der TK. Ein Grund dafür ist: In den meisten Fällen ist es aufgrund der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland die Patientin oder der Patient, die oder der beweisen muss, dass Ärztinnen oder Ärzte oder das Pflegepersonal schuldhaft gegen die anerkannten Regeln verstoßen haben. Dies kann im Einzelfall äußerst schwierig sein: Beispielsweise, wenn eine Patientin oder ein Patient beweisen muss, dass die behandelnde Ärztin oder der behandelnde Arzt mit einer sorgfältigen Diagnostik eine Krebsdiagnose bereits früher hätte erkennen können. Ebenso schwer ist es für Patienten, Hersteller für fehlerhafte Medizinprodukte wie etwa künstliche Gelenke, Defibrillatoren, Herzschrittmacher oder auch Brustimplantate zur Verantwortung zu ziehen. 

Rechtsstreitigkeiten verkürzen

Wünschenswert wären daher aus Sicht der TK Erleichterungen beim Nachweis eines Behandlungsfehlers. Eine sogenannte Beweislastumkehr, die dazu führt, dass die Ärztin oder der Arzt seine Unschuld beweisen muss, würde schon viel helfen. Zudem plädiert die TK dafür, dass in den Verfahren alle Beteiligten an einem Strang ziehen und zu ihrer Verantwortung stehen. "Im Idealfall einigen sich die Parteien schnell und gütlich außerhalb des Gerichts. Leider ist das aber die Ausnahme. Mediationen, die Rechtsstreitigkeiten deutlich verkürzen können, sollten im Medizinrecht obligatorisch werden", so Soltau. Auch müsste aus seiner Sicht die Justiz ihren Sachverstand auf diesem Feld ausbauen, beispielsweise mit zusätzlichen Spezialkammern an den Gerichten, damit Verfahren weniger Zeit in Anspruch nehmen 

Register für Behandlungsfehler und Härtefallfonds

Hilfreich wäre aus Sicht der TK auch ein Register, in dem alle Behandlungsfehler verpflichtend erfasst werden. Werden aus jedem einzelnen Fehler oder kritischen Ereignis Schlussfolgerungen für die künftige Arbeit gezogen, können Arbeitsabläufe und -prozesse sicherer gestaltet werden. Zudem könnte die Einführung einer verschuldensunabhängigen Haftung bei Schäden durch medizinische Behandlungsfehler - geeignete Verfahrensregeln vorausgesetzt - die vorurteilsfreie Analyse von Fehlern unterstützen. Ein sogenannter Härtefallfonds könnte hier Entlastung schaffen und Leid reduzieren.

Unterstützung für Versicherte

Die TK unterstützt Patientinnen und Patienten, die einen Behandlungsfehler vermuten, mit einer Beratungshotline (Telefon 040 - 4606612140), einem Online-Lotsen unter www.tk.de (Suchnummer 132622) und einer Beratungsbroschüre (Suchnummer 821320). Die Erfolgschancen sind umso besser, je genauer der Krankheitsverlauf dokumentiert wird. Betroffene sollten zeitnah ein Gedächtnisprotokoll des Behandlungsablaufs und der beteiligten Ärztinnen und Ärzte bzw. Pflegerinnen und Pfleger erstellen und sich im nächsten Schritt an ihre Krankenkasse wenden. Erhärtet sich der Verdacht, kann die TK medizinische Gutachten erstellen lassen, die für die Versicherten in der Regel kostenfrei sind. Patientinnen und Patienten können die Gutachten für ihre eigenen Schadensersatz-Verhandlungen mit der Ärztin oder dem Arzt, dem Krankenhaus, der zuständigen Haftpflichtversicherung oder vor Gericht nutzen.