TK: Prof. Scherag, inwiefern kann die Digitalisierung beim Übersetzen experimenteller Befunde in die Anwendung in Diagnostik und Therapie hilfreich sein?

Prof. Scherag: Meist dauert es Jahre, bis Ergebnisse aus zum Beispiel Mausexperimenten in Patientenstudien getestet werden können; bei neuen Therapien dauert es oft noch länger, bis diese zugelassen werden. Die Digitalisierung kann an mehreren Stellen dieses Prozesses behilflich sein.

Beispielsweise können Patienten leichter für Studien identifiziert werden, der Dokumentationsaufwand, über den die ärztlichen Kollegen oft klagen, könnte minimiert werden; schließlich ist ein schnelleres Abschätzen von Nebenwirkungen denkbar, wenn Daten der stationären und ambulanten Versorgung integriert werden.

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Prof. Dr. André Scherag

TK: Wie gut sind derzeit die Daten aufbereitet, um sie für Forschung und versorgungsrelevante Entwicklungen zugänglich zu machen? Oder anders: Wo genau drückt der Schuh?

Prof. Scherag: Darauf gibt es keine einfache Antwort - die Schuhe drücken noch an vielen Stellen. Eine Hauptherausforderung ist es, Daten standortübergreifend nutzbar zu machen. Das wiederum setzt voraus, dass Daten möglichst einheitlich erfasst werden und eine bestmögliche Qualität haben.

Das sind Herausforderungen, die Expertenteams auch jenseits der IT voraussetzen, da beispielsweise nur die dokumentierende Pflegekraft weiß, unter welchen Umständen bestimmte Patientenangaben entstanden sind.

Aktuell arbeiten die Universitätskliniken Jena, Aachen und Leipzig an vielen dieser Fragen in einem Verbund zusammen.

IT ist kein Ersatz für gut geschultes Personal und entsprechende Hygienemaßnahmen.
Prof. Dr. André Scherag

TK: Und wie können Datenbanken dabei behilflich sein, gegen Krankenhauskeime anzukämpfen?

Prof. Scherag: Wir wollen unsere Datenbanken nicht nur als Datensammlung verwenden, sondern diese aktiv einsetzen, um unseren klinisch tätigen Kollegen Hilfestellungen oder Erinnerungshilfen an die Hand zu geben, um zum Beispiel schneller passgenaue Antibiotika einzusetzen. Langfristig kann ein rationalerer Gebrauch von Antibiotika dazu führen, dass weniger Resistenzen entstehen.

Aber um das noch mal zu unterstreichen: IT ist nur eine Ergänzung und kein Ersatz für gut geschultes Personal und entsprechende Hygienemaßnahmen.

TK: Zu guter Letzt: Welche Rolle spielt der Datenschutz? Gibt es Bedenken?

Prof. Scherag: Der Datenschutz spielt eine sehr wichtige Rolle, und zwar auf der Ebene der Länder, des Bundes und der EU. Bisherige Regelungen sehen vor, dass Forscher für den Datenschutz ihrer Patienten verantwortlich sind.

Sie können sich leicht vorstellen, dass das ein technologischer Wettlauf ist, und es wäre schön, wenn man diese Rechtslage umdrehen könnte. Es sollte erreicht werden, dass Patienten keinerlei Schaden durch Datendiebstahl zu befürchten haben, da diejenigen, die Daten verwenden, offenlegen müssen, woher diese Daten stammen.

Zur Person

Nach einem Doppelstudium in Psychologie und Biostatistik in Marburg und Heidelberg und der Promotion in Marburg wechselte André Scherag 2007 ans Universitätsklinikum Essen. Dort war er Leiter der Biometrie am Zentrum für klinische Studien sowie Leiter der Arbeitsgruppe Biometrie und Bioinformatik am Institut für Medizinische Informatik, Biometrie und Epidemiologie.

2013 wechselte er als Professor für Klinische Epidemiologie ans Universitätsklinikum Jena. Sein Interesse gilt den Übergängen zwischen Grundlagen-, klinischer und Versorgungsforschung. Er beschäftigt sich unter anderem mit methodischen Fragen, wie "personalisierte" Medizin mit Prinzipien der evidenzbasierten Medizin verbunden werden kann.