TK: In welche Richtung müssen wir die stationäre Versorgung Ihrer Ansicht nach steuern, um die Menschen in der Fläche künftig qualitativ hochwertig und zuverlässig zu versorgen? 

Erwin Rüddel, MdB: Wir benötigen weitreichende Reformen im Bereich der Krankenhäuser. Ich denke nicht, dass wir in der Fläche Krankenhäuser schließen sollten, das ist meiner Meinung nach eher in Ballungsräumen nötig. Allerdings sollten sich die Häuser stärker spezialisieren, so dass es im Sinne der Patienten zu einer Verbesserung der Qualität kommt. Wir müssen grundsätzlich die Finanzierung auf neue Beine stellen, sodass sich Krankenhäuser nicht mehr gezwungen sehen, Mengenausweitungen vorzunehmen, um über die Fallpauschalen die unzureichenden Investitionskostenfinanzierung der Länder auszugleichen.

Erwin Rüddel MdB

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Vorsitzender des Gesundheitsausschusses
Dazu gehört für mich dann aber auch, dass Planungsrechte teilweise an den Bund übergehen. Ich kann mir hierfür beispielsweise ein Institut vorstellen, in dem auch die Krankenkassen ihre Kompetenz einbringen. Zum Thema Finanzierung gehört für mich auch dazu, dass wir über eine deutliche Anschubfinanzierung im Bereich Digitalisierung von Krankenhäusern sprechen. Einen Digitalisierungsfonds halte ich an dieser Stelle für sinnvoll.

Darüber hinaus müssen wir aber auch über eine Aufweichung der Sektorengrenzen sprechen. Ich halte es für nicht vermittelbar, wenn manche Geräte im Krankenhaus selten genutzt werden und zeitlich die Patienten im ambulanten Bereich wochenlang auf einen Termin warten müssen. Das Gleiche gilt mindestens genauso für die "Ressource Arzt“. 

TK: Auch in Ihrem Wahlkreis gibt es Diskussionen um den Erhalt von Krankenhäusern. Die Standorte Altenkirchen und Hachenburg stehen zur Diskussion. Die dortigen Kliniken sollen durch einen gemeinsamen Neubau ersetzt werden. Wie stehen Sie dieser Lösung gegenüber?

Rüddel, MdB: Dem Krankenhaus-Neubau stehe ich grundsätzlich positiv gegenüber. Für mich ist dabei allerdings weniger der Standort wichtig als die nachhaltige Konzeption, im Sinne einer bestimmten Größenordnung und notwendigen Spezialisierung. Die Aufgabenstellung muss so konzipiert sein, dass das neue Krankenhaus langfristig lebensfähig ist und gleichzeitig die Krankenhäuser in der Nachbarschaft (Kirchen, Asbach, Dierdorf und Selters) nicht in ihrer Existenz gefährdet werden. Zudem darf der Eigenanteil des Trägers für die Investitionskosten nicht mehr als 10 Prozent betragen.

Diese Rahmenbedingungen sind zwar eine große Herausforderung, gleichzeitig muss das aber auch unser Anspruch an eine nachhaltige  Krankenhausplanung und -finanzierung sein. Denn ohne die gründliche Erledigung dieser Hausaufgaben ist eine Investition von 100 Millionen nicht zu rechtfertigen.

TK: Kann die Digitalisierung ein probates Mittel sein, um Ärztemangel und regionalen Versorgungsproblemen entgegenzuwirken?

Rüddel, MdB: Die Digitalisierung kann natürlich nicht der einzige Lösungsansatz sein, ist aber durchaus ein wichtiger Baustein für die medizinische Versorgung der Zukunft. Dazu gehört aber ganz klar auch die entsprechende digitale Infrastruktur, um solche Angebote auch durchführen zu können. Ein weiterer wichtiger Punkt ist meines Erachtens auch das Thema Delegation bis hin zur Substitution.

Dazu gehören akademisierte Pflegekräfte, die beispielsweise in Form einer Gemeindeschwester ärztliche Aufgaben übernehmen, das können aber auch Apotheker sein, die Impfungen übernehmen. Ich habe wenig Verständnis dafür, wenn wir immer hören, dass die Ärzte überlastet seien, es andererseits aber zu einem Aufschrei kommt, sobald wir über Möglichkeiten der Entlastung nachdenken. 

Zur Person

Erwin Rüddel wurde am 21. Dezember 1955 in Bonn geboren, ist verheiratet und Vater von zwei Kindern. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler ist seit 1972 Mitglied der CDU. Erwin Rüddel gehört seit Oktober 2009 dem Deutschen Bundestag an und ist seit 2018 Vorsitzender des Ausschusses für Gesundheit.