Jedes Jahr kommen in Hessen rund 58.000 Kinder zur Welt, davon allein über 2.200 am Frankfurter Universitätsklinikum. In der überwiegenden Zahl der Geburten verläuft die Versorgung von Mutter und Kind sehr gut. Aber manchmal passieren im Kreißsaal trotz aller Vorsicht Missverständnisse, die vermeidbar gewesen wären und die ihre Ursache oftmals in einer unzureichenden Kommunikation zwischen den werdenden Müttern und dem Geburtshilfe-Team haben. 

Vertrauensvolle Verständigung

Um die Kommunikation aller an der Geburt Beteiligten weiter zu verbessern, untersucht das Frankfurter Universitätsklinikum in einer Forschungsstudie gemeinsam mit der Techniker Krankenkasse und weiteren Partnern, wie eine vertrauensvolle Verständigung helfen kann, Missverständnisse rund um die Geburt zu vermeiden und die werdende Mutter möglichst einfühlsam zu betreuen und zu unterstützen. 

Ein Ziel des Projekts ist es, die Frauen darin zu unterstützen, während der Geburt ihre Wünsche und Fragen zu äußern, um ihnen größtmögliche Sicherheit zu verleihen. Unsicherheiten können bei der werdenden Mutter beispielsweise entstehen, wenn sie sich im Vorfeld eine natürliche Geburt gewünscht hat, im Verlauf der Geburt dann aber aus medizinischen Gründen entschieden werden muss, das Kind per Kaiserschnitt auf die Welt zu holen. 

Ein weiteres Ziel ist ein verlässlicher und offener Austausch innerhalb des Geburtshilfe-Teams. Je größer ein Team ist - und in der Geburtshilfe müssen viele verschiedene Fachkräfte herangezogen werden - desto wichtiger ist die gute Kommunikation. Idealerweise sollten alle wichtigen Informationen und Bedürfnisse der Patientinnen bekannt sein sowie bei Schicht-Übergaben korrekt weitergegeben werden.

Dr. Barbara Voß

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Leiterin der TK-Landesvertretung Hessen
"Viele Frauen wünschen sich eine selbstbestimmte Geburt, bei der ihre Wünsche berücksichtigt werden und in der sie vom gesamten Geburtshilfe-Team gut unterstützt werden. Jede Geburt ist aber auch eine ganz besondere Herausforderung für die werdende Mutter und ihre Angehörigen. Geburten folgen ihrer eigenen Logik und es kann nicht jede Situation, die entsteht, vorab geplant werden. In dieser Lage fühlen sich die Frauen deutlich sicherer, wenn sie ihre Bedürfnisse und Fragen möglichst selbstsicher und präzise äußern können und das Geburtshilfe-Team diese auch wahrnimmt.“

Kommunikationsschulung für Mitarbeiter

Die Mitarbeiter im Bereich Geburtshilfe und Pränatalmedizin am Universitätsklinikum Frankfurt wurden zu Projektbeginn in einem intensiven Training zu einer sicheren und offenen Kommunikation geschult. Dabei haben sie zum Beispiel intensiver eingeübt, Verbesserungsvorschläge oder eigene Bedenken über Fachgebiete und Hierarchien hinweg noch besser zu äußern, wenn Sie eine Situation anders einschätzen. Dadurch können viele kleine Informationen beachtet werden, die andernfalls vielleicht übersehen worden wären und Mütter und Kinder ggf. gefährdet hätten. 

Gerade vermeintliche Kleinigkeiten können bedeutsam sein: Beispielsweise drückt sich am Universitätsklinikum Frankfurt die Unternehmenskultur der flachen Hierarchien auch in einer einheitlichen Berufskleidung aus. Damit und mit dem zurzeit üblichen Mundschutz sehen aber auf den ersten Blick alle Mitarbeiter gleich aus, was den Kontakt zur werdenden Mutter zunächst einmal distanzierter macht. Umso mehr achtet das Personal daher darauf, dass sich alle handelnden Personen im Kreißsaal ausreichend Zeit nehmen, sich der werdenden Mutter mit Name und Funktion vorzustellen. So wissen die werdenden Mütter, ob nun der Oberarzt, der Arzt, die Hebamme oder die Hebammenschülerin mit ihnen spricht.

Prof. Frank Louwen

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Chefarzt am Universitätsklinikum Frankfurt
"Ein klarer Austausch der Mitarbeiter ist für das jeweils eigene Verständnis und für die Patientensicherheit essentiell. Insbesondere bei chronisch erkrankten Müttern könnte eine unsichere Kommunikation unserer Geburtshilfe-Teams sowohl die Mutter selbst als auch das Kind gefährden."

Onlineschulung auch für werdende Mütter

Damit sich die Kommunikation aller Beteiligten verbessern kann, werden auch die werdenden Mütter und deren Angehörige in ihrer Rolle und in der Kommunikation mit dem medizinischen Personal gestärkt. Die Frauen, die an der Studie teilnehmen möchten, können in einer kleineren Gruppe schwangerer Frauen an einem Online-Kommunikationstraining teilnehmen. 

In den Schulungen werden die Frauen unter anderem darin bestärkt, während der Geburt ihre eigenen Bedürfnisse zu äußern. Manche Frauen wünschen sich eine intensive Unterstützung der Hebamme, andere möchten mehr für sich selbst sein. Im Onlinekurs können sie lernen, wie sie für Situationen wie diese die richtigen Worte finden. 

Johanna Dietl

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Projektleiterin des TeamBaby-Projekts am Universitätsklinikum Frankfurt
"Ein Kaiserschnitt ist eine Ausnahmeerfahrung für die Frau, aber absolute Routine für das Krankenhauspersonal. In dieser Situation darf das Behandlungsteam nicht zu knapp kommunizieren, sondern sollte im Gespräch mit der Patientin die Entscheidung so ausführlich verständlich machen, wie die Situation es erlaubt."

Digitale App für Mitarbeiter und Patientinnen

Alle relevanten Inhalte und Erkenntnisse sowohl der Kommunikationstrainings für die Klinikmitarbeiter und für die werdenden Mütter werden in eine digitale App einfließen. Die App wird im Laufe des Projektes zunächst am Universitätsklinikum getestet und im nächsten Schritt Mitarbeitern und Patientinnen ergänzend zur Verfügung gestellt. So können sie unabhängig von festen Schulungsterminen ihre Kompetenzen in der Kommunikation üben und ihr Wissen vertiefen.

Internationale Studien zeigen, dass in der Medizin und auch in der Geburtshilfe mehr als zwei Drittel (72 Prozent) der sogenannten unerwünschten Ereignisse, die als vermeidbar eingestuft werden, auf Fehler in der Kommunikation zurückgeführt werden können. Daher erhoffen sich alle Partner von dem Projekt, dass Missverständnisse rund um die Geburt deutlich seltener werden, dass sich die Zufriedenheit von Patientinnen und Mitarbeitern erhöht und sich die Patientensicherheit und Qualität der medizinischen Versorgung weiter verbessern.

Cris­tina Bernardo

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Projektkoordinatorin des TeamBaby-Projekts am Universitätsklinikum Frankfurt
"Während der Geburt sollten sich Ärzte, Hebammen, Krankenschwestern und -pfleger in der Kommunikation mit viel Empathie auf die werdende Mutter und deren Angehörige einstellen und unter anderem deren persönliche Vorgeschichte, Sprache oder besondere kulturelle Gepflogenheiten beachten."

Hintergrund

An der TeamBaby-Studie können zwölf Monate lang - von Ende Juni 2020 bis Mai 2021 - mehr als 400 werdende Mütter teilnehmen. Unter anderem wird im Forschungsprojekt untersucht, wie wirkungsvoll die Kommunikationstrainings für die Schwangeren und deren Angehörige sind. Die Trainings werden von Seiten des Frankfurter Universitätsklinikums von erfahrenen Kommunikationstrainern aus der Geburtshilfe, den Hebammen für Patientensicherheit und Kommunikationstrainern von Dr. Weinert Communications begleitet. Alle werdenden Mütter, die an der Studie teilnehmen möchten, werden entweder der Schulungsgruppe oder der sogenannten Kontrollgruppe zugeordnet. Die Frauen aus der Kontrollgruppe erhalten keine Schulung, jedoch im weiteren Projektverlauf Zugang zur digitalen App.

Weitere Informationen zur wissenschaftlichen Studie im Rahmen des TeamBaby-Projekts sowie ein Video mit Chefarzt Prof. Frank Louwen gibt es auf den Internetseiten des Frankfurter Universitätsklinikums.

Informationen zu den Kommunikationstrainings für werdende Mütter und den Kontaktdaten des begleitenden Projektteams gibt es in diesem Flyer.

Das Projekt TeamBaby wird vom bundesweiten Innovationsfonds über drei Jahre mit insgesamt ca. 1,9 Millionen Euro gefördert. Die Konsortialführung des Projekts liegt bei der Jacobs University Bremen.

Projektpartner sind neben der Techniker Krankenkasse und dem Universitätsklinikum Frankfurt auch das Universitätsklinikum Ulm sowie das Aktionsbündnis Patientensicherheit in Berlin.