TK spezial: Frau Wiese, Diskussionen um die Krankenhausversorgung sind immer eine Gratwanderung. Wo genau sind die Knackpunkte?

Petra Wiese: Auf der einen Seite sollen Patienten die beste Versorgung bekommen, also das Thema Qualität spielt eine große Rolle, auf der anderen Seite möchte aber jeder möglichst ein Krankenhaus um die Ecke haben. Diese beiden Aspekte lassen sich nicht unter einen Hut bringen. Wir brauchen deshalb eine Neuordnung der Krankenhausstrukturen. Natürlich muss in den ländlichen Gebieten die Versorgung sichergestellt werden, aber hierfür brauchen wir keine Kliniken, die ein viel zu breites Spektrum an Operationen anbieten.

TK spezial: Aber es wäre doch praktisch, wenn man für eine Knieoperation, eine Entfernung der Gallenblase oder einen Herzkatheter an das Krankenhaus vor Ort gehen könnte?

Petra Wiese: Wir wissen, dass Qualität gerade bei OPs auch von Quantität abhängt - Stichwort Mindestmengen. Wer häufiger eine Gelenkprothese einsetzt, ist routinierter als ein Arzt, der eine solche Prozedur nur dreimal im Jahr vornimmt. Und Studien der TK haben ergeben, dass die Patienten auch bereit sind, für eine bessere Qualität weitere Wege in Kauf zu nehmen.

TK spezial: Das heißt, langfristig wird es auf dem Land keine Krankenhäuser mehr geben?

Petra Wiese: Doch, natürlich. Aber beschränkt auf die sogenannte Grundversorgung. Um die Versorgung an sich zu gewährleisten, halten wir die sektorenübergreifende Versorgung für eine gute Lösung. Also die Auflösung der strikten Trennung zwischen ambulantem und stationärem Sektor, etwa durch Integrierte Versorgungszentren. Und in einem Notfall, sagen wir mal einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall, ist es weitaus besser, mit dem Rettungshubschrauber in eine Klinik mit einer speziellen Chest-Pain- bzw. Stroke-Unit zu kommen als in eine kleine Klinik, die seltener solche Fälle behandelt.

TK spezial: Damit wären wir beim Thema Notfallversorgung, das ja auch derzeit in aller Munde ist - zurecht?

Petra Wiese: Absolut. Die Kliniken klagen über viele Patienten, die selbst direkt in die Notaufnahme kommen, aber eigentlich keine tatsächlichen Notfälle sind. Für sehr viele von ihnen wäre es sinnvoll, wenn sie vom ärztlichen Bereitschaftsdienst behandelt würden. Hier funktioniert offenbar die Patientensteuerung nicht richtig. Die Notfallversorgung in Rheinland-Pfalz muss deshalb neu strukturiert werden. Wir plädieren für die Einrichtung sogenannter Portalpraxen an Klinikstandorten. Hier könnten die Patienten direkt von qualifiziertem Fachpersonal an die richtige Stelle - also entweder Krankenhaus oder ambulanter Bereich - weitergeleitet werden.

TK spezial: Lassen Sie uns über ein Thema sprechen, das für die TK ganz oben rangiert - die Digitalisierung. Wieso ist es so wichtig, Digitalisierung in den Krankenhausbereich zu bringen?

Petra Wiese: Digitalisierung kann helfen, die Versorgung von Patienten zu verbessern und auch Ärzte sowie das Pflegepersonal zu entlasten. Studien gehen davon aus, dass in vier Jahren 90 Prozent des medizinischen Fachpersonals mobile Technologien am Krankenbett nutzen werden. So können sie sich schnell einen Überblick über den aktuellen Stand der Patientenakte verschaffen. Mehrfachuntersuchungen und Arzneimittelwechselwirkungen können hierdurch vermieden werden. Wir entwickeln derzeit mit "TK-Safe" eine elektronische Gesundheitsakte, die sogar noch mehr kann als die vom Gesetz vorgesehenen elektronischen Patientenakten.

TK spezial: Vielen Dank für das Gespräch.

Petra Wiese

Petra Wiese, Jahrgang 1966, war nach ihrem betriebswirtschaftlichen Studium mehrere Jahre als Controllerin an einem Klinikum der Maximalversorgung beschäftigt. 1996 wechselte sie zur Techniker Krankenkasse, wo sie seitdem als Vertragsreferentin und Krankenhausspezialistin arbeitet. Im Jahr 2007 hat sie ein Studium zum Gesundheitsmanagement an der Akademie für Wissenschaftliche Weiterbildung in Heidelberg abgeschlossen und den "Master of Science" erworben.