TK: Sie übernehmen ab April 2020 das Amt der geschäftsführenden Ärztin in der Region Ost. Welche Berührungspunkte hatten Sie bisher mit dem Thema Organspende?

Dr. Katalin Dittrich

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Geschäftsführende Ärztin der DSO Region Ost

Dr. Katalin Dittrich: Bereits als Studentin der Humanmedizin hatte ich mich für das Immunsystem und für die Möglichkeiten dieses zu beeinflussen interessiert. Während meiner Facharztausbildung für Kinder- und Jugendmedizin betreute ich erstmals Kinder mit Nierenversagen, die auf ein Spenderorgan warteten und habe bereits transplantierte Patienten kennengelernt.

Seit dem Start meiner Weiterbildung für den Schwerpunkt Kindernephrologie vor 20 Jahren habe ich täglich Kinder und Jugendliche vor, während und nach Nierentransplantation betreut. Ich konnte auch Erfahrungen sammeln mit Leber- oder kombinierten Leber- und Nierentransplantationen bei Kindern. Dadurch durfte ich sehr viele glückliche Verläufe, neue therapeutische Möglichkeiten und das Heranwachsen meiner ehemals kleinen Patienten miterleben. Ich stand bisher auf der "Nehmerseite" und werde für keinen einzigen Tag vergessen, welch großes Geschenk ein Spenderorgan ist und wie wichtig die Organisation der Organspende ist.

TK: Nur 27 Prozent der Menschen in Sachsen-Anhalt, Thüringen und Sachsen besitzen laut einer Umfrage der TK einen Organspenderausweis. Das ist der niedrigste Wert aller Bundesländer. Welche Möglichkeiten sehen Sie, um diese Zahl zu erhöhen?

Dr. Dittrich: Es mag sein, dass in einer Umfrage weniger Menschen aus der Region Ost angeben, dass sie einen Spenderausweis besitzen. Die Bevölkerung hier ist im Durchschnitt älter, diese Menschen glauben teilweise selber zu alt oder zu krank für eine Spende zu sein. Einige haben kein Vertrauen in Organisationen, welche sie möglicherweise irgendwo registrieren könnten, andere befürchten als potenzieller Organspender nicht alle medizinische Hilfen in einer Notfallsituation zu erfahren. 

Dagegen hilft eine gezielte und ausführliche Information der Bevölkerung, und der Appell zu Lebzeiten eine eigenständige Entscheidung zu treffen. Wenn es um die Zahl der tatsächlichen Organspender geht, ist die Region Ost mit 14,9 Organspendern pro 1 Million Einwohner im bundesweiten Vergleich Spitzenreiter; der Bundesdurchschnitt liegt bei 11,2 realisierten Spenden/Million Einwohner. (Quelle: DSO) 

TK: Die Entscheidung für oder gegen eine Organspende ist eine sehr persönliche. Woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass es den Menschen schwerfällt, sich damit zu beschäftigen? 

Dr. Dittrich: Ich bin überzeugt, dass nur ganz selten die persönliche Weltanschauung bzw. die Religionszugehörigkeit eine Organspende ausschließt. Vielfach ist die Organspende im Alltag einem "zu weit entfernt", man kennt weder Menschen, die auf ein Spenderorgan warten, noch welche, die mit einem Transplantat leben. Man meint, dass die Organspende nur eine kleine "Randgruppe" betrifft. 

Junge, gesunde Menschen rechnen nicht damit, dass sie selber oder ihre Liebsten in absehbarer Zeit einen Unfall oder eine Erkrankung erleiden könnten, die zum Hirntod führt oder auch dazu, selbst auf eine Transplantation angewiesen zu sein. Sie meinen, sich mit diesem Thema noch nicht auseinandersetzen zu müssen. Man möchte sich solche tragischen Szenarien nicht einmal vorstellen und schon gar nicht mit der Familie oder mit engen Freunden darüber diskutieren.

Gleichzeitig beschäftigt sich jeder ganz selbstverständlich mit der Lebensversicherung, Unfallversicherung, Arbeitsunfähigkeitsversicherung, Elementarschadenversicherung und mit der bestmöglichen Vorsorge für das eigene Fahrzeug. Es ist wichtig deutlich zu machen, dass es auch aus Fürsorge gegenüber den eigenen Angehörigen wichtig ist, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Sonst müssen die Angehörigen in der schwierigen Ausnahmesituation der Trauer auch noch diese Entscheidung treffen. 

TK: Welche Schwerpunkte und Ziele setzen sie sich ab April 2020?

Dr. Dittrich: Erstens möchte ich "meine Region" und die lokalen Besonderheiten kennenlernen, da ich mit dieser Information die notwendigen Schritte gehen kann. Die bereits laufenden Projekte für die bessere Wertschätzung der Organspender und Würdigung der Spenderfamilien werde ich fortsetzen. Zudem möchte ich alles dafür tun, dass sowohl die Organspender als auch die erfolgreich transplantierten Menschen gesellschaftlich "sichtbar" werden. 

Die bereits 2019 gestartete, breite öffentliche Diskussion über Organspende bzw.  Organtransplantation in Deutschland darf nicht mit der Abstimmung im Bundestag gegen die Widerspruchslösung abflachen. In der DSO-Region besteht seit vielen Jahren eine gute Kooperation mit den Entnahmekrankenhäusern und den dort tätigen Transplantationsbeauftragten. Auf dieser Grundlage werde ich gemeinsam mit meinem Team die Kollegen in den Krankenhäusern im Prozess der Organspende sowie im Rahmen von Fortbildungen möglichst umfassend unterstützen.

Zur Person

Dr. med. Katalin Dittrich war zuletzt als Leiterin des Bereiches Pädiatrische Nephrologie und Transplantationsmedizin an der Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Leipzig tätig. Die gebürtige Ungarin schloss ihre Facharztausbildung in der Pädiatrie im Jahr 2000 an der Medizinischen Universität in Pécs ab. Von 2001 bis 2006 arbeitete sie am Universitätsklinikum Erlangen in der pädiatrischen Nephrologie der Kinder- und Jugendklinik. Von 2006 bis 2011 betreute sie dort als Oberärztin zudem die Kinder-Rheumatologische Ambulanz und war von 2012 für fast zwei Jahre Mitglied im LIFE Child Studienprojekt sowie Gründungsmitglied des Zentrums für Seltene Erkrankungen. 

Ab 1. April 2020 ist sie als neue Geschäftsführende Ärztin der Region Ost der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) tätig.