TK: Sehr geehrte Frau Prof. Dr. Schmidtke, in Deutschland warten derzeit rund 10.000 Menschen auf ein lebensrettendes Spenderorgan. Doch die Anzahl der Organspender ist seit Jahren rückläufig. 2017 hat sie ihren bisher traurigen Tiefpunkt erreicht, mit 797 Organspendern – der niedrigste Stand seit 20 Jahren. Dabei steht laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 84 Prozent der Bevölkerung der Organspende eher positiv gegenüber. Welche Erklärung haben Sie für diese Entwicklung?

Prof. Dr. Schmidtke:  Dieser absolute Tiefstand muss für uns alle Ansporn sein, die prekäre Situation, die wir im Moment in der Transplantationsmedizin haben, zu entschärfen. Wie die von Ihnen zitierte Umfrage zeigt, stehen viele Menschen der Organspende positiv gegenüber. Nur leider äußern sie sich nicht schriftlich dazu, sondern überlassen die Entscheidung im Ernstfall den Angehörigen. Es gibt bislang keine zwingende Notwendigkeit der Festlegung. Leider ist das Thema Organspende in Deutschland noch keine Selbstverständlichkeit. Die Kultur der Organspendebereitschaft muss sich ändern. Die Bereitschaft der Bevölkerung ist offensichtlich da.

TK: Am 31.08.2018 hat das Bundesgesundheitsministerium den Referentenentwurf für ein "Gesetz für bessere Zusammenarbeit und bessere Strukturen bei Organspenden" vorgelegt. Ziel des Gesetzentwurfs ist es, die Strukturen in den Entnahmekrankenhäusern zu verbessern, diese angemessen zu vergüten sowie die Verantwortlichkeiten zu stärken. Insbesondere die Rolle der Transplantationsbeauftragten in den Kliniken soll verbessert werden. Wird das helfen?

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Prof. Dr. Schmidtke: Die Verbesserung der Infrastruktur ist längst überfällig und dringend notwendig. Die Vergütung für die Organentnahme wird in den Klinken bislang nicht kostendeckend abgebildet. Daher ist eine finanzielle Anhebung, wie sie jetzt im Gesetz zur Verbesserung der Zusammenarbeit und der Strukturen bei der Organspende (GZSO) vorgesehen ist, ein wichtiger Schritt. Auch die Freistellung der Transplantationsbeauftragten ist sinnvoll. Nichtsdestotrotz bin ich gemeinsam mit den unzähligen ärztlichen Kollegen der Meinung, dass dieser Gesetzesentwurf allein nicht ausreicht, um eine effektive Steigerung der Organtransplantationen herbeizuführen. Somit müssen wir ernsthaft über die Widerspruchslösung nachdenken. Deutschland ist eines der letzten Länder in Europa, das sie bislang nicht eingeführt hat. Gute praktikable Modelle sind bei unseren europäischen Nachbarn zu finden, eine charmante Variante wurde gerade für die Niederlande beschlossen. Dort wird 10 Jahre nach der Verbesserung der Infrastruktur nun zudem die Widerspruchslösung eingeführt, da die Organspenderzahlen nach wie vor zu niedrig sind.

TK: Immer wieder diskutiert wird auch der Wechsel von der in Deutschland geltenden Entscheidungslösung hin zur Widerspruchslösung, wie sie beispielsweise in unseren Nachbarländern Frankreich, Polen oder Italien gilt. Wie stehen Sie dazu?

Prof. Dr. Schmidtke: Ich halte einen Systemwechsel für die einzige Antwort auf die fehlenden Organspenden. Hierfür setze ich mich intensiv auf bundespolitischer Ebene ein. Gemeinsam mit unserem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und vielen weiteren Abgeordneten erarbeiten wir derzeit einen parlamentarischen, überparteilichen Gesetzesentwurf zur Einführung der Widerspruchslösung. Zudem bin ich Gründungs- und Vorstandsmitglied des Vereins "Leben spenden“, welches das Image der Organspende verbessern will. Hier setze ich mich u.a. mit der Journalistin Jutta Falke-Ischinger, dem Direktor der Nephrologie an der Charité Prof. Kai-Uwe Eckhardt, dem früheren Bundesarbeitsminister Dr. Norbert Blüm, dem ehemaligen Bundesaußenminister Dr. Klaus Kinkel, dem herztransplantierten Olympiasieger Hartwig Gauder sowie dem Autor David Wagner für ein öffentliches Bewusstsein für die Not der Betroffenen ein. Auf der Homepage des Vereins finden Sie alle wichtigen Argumente, die die Dringlichkeit unseres Anliegens aufzeigen.

Zur Person

Seit 2017 ist Prof. Dr. Claudia Schmidtke Mitglied im Deutschen Bundestag (CDU) und unter anderem auch Mitglied im Ausschuss für Gesundheit. Die gebürtige Neumünsteranerin ist seit 2015 Mitglied der CDU und stellvertretende Vorsitzende des Landesfachausschusses Gesundheit der CDU Schleswig-Holstein. Die Medizinerin war unter anderem als Oberärztin für Herz- und Gefäßchirurgie am UKSH Campus in Lübeck tätig. Seit April 2014 ist sie Chefarztstellvertreterin und leitende Oberärztin der Herz- und Gefäßchirurgie am Herzzentrum Bad Segeberg.