Im Rahmen des Forschungsprojekts Regionale Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern sollen an der Universität Greifswald innovative, regionale und patientenorientierte Versorgungsmodelle entwickelt werden. Wir haben Dr. Kilson Moon und Laura Rehner vom Institut für Community Medicine zum aktuellen Stand des Projektes, in welchem auch anonymisierte TK-Abrechnungsdaten analysiert werden, interviewt.

TK: Sie arbeiten als Team gemeinsam am Forschungsvorhaben „Regionale Versorgung in Mecklenburg-Vorpommern". Was motiviert Sie zur Versorgungsforschung?

Laura Rehner: Mecklenburg-Vorpommern ist ein Bundesland mit viel Land und wenigen Menschen. Da kommt die Frage auf, was für einen Zugang die Menschen hier zum Gesundheitssystem haben. Wir finden pflegerische und medizinische Versorgungsstrukturen sehr interessant. Das Aufdecken von Versorgungslücken und zu entdecken wo es gut läuft, das ist wie Detektivarbeit. Einfach spannend!

Laura Rehner

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Gesundheitswissenschaftlerin und Versorgungsforscherin am Institut für Community Medicine der Universitätsmedizin Greifswald

TK: Haben Sie in früheren Projekten bereits spannende Entdeckungen gemacht?

Rehner: Eine Befragung von Leistungserbringern der allgemeinen und spezialisierten Palliativversorgung in Mecklenburg-Vorpommern zeigte, dass die Menschen in stationären Pflegeeinrichtungen nicht immer einen leichten Zugang zur Hospiz- und Palliativversorgung haben. Das war überraschend, da in stationären Pflegeeinrichtungen viele Menschen ihre letzte Lebensphase verbringen. Weiter konnten wir feststellen, dass viele Patientinnen und Patienten in ländlichen Regionen in Mecklenburg-Vorpommern überwiegend im Rahmen der allgemeinen ambulanten Palliativversorgung versorgt wurden und weniger spezialisierte Versorgung durch ein spezialisierte ambulantes Palliativversorgungs (SAPV) -Team  erhalten haben.

TK: Vor kurzem konnten Sie anonymisierte Abrechnungsdaten der Techniker Krankenkasse analysieren. Auf welchen Versorgungsbereich haben Sie sich dabei konzentriert?

Dr. Kilson Moon: Wir haben uns bei den Analysen auf den Versorgungsbereich „Hospiz- und Palliativversorgung“ konzentriert. Anhand der palliativspezifischen ambulanten und stationären Abrechnungsdaten wurden Palliativpatientinnen und -patienten identifiziert. Weiterhin haben wir untersucht, wie viele Patientinnen und Patienten eine multiprofessionelle spezialisierte palliativmedizinische Behandlung durch ein SAPV-Team, auf einer Palliativstation oder in einem Hospiz erhielten.

Dr. Kilson Moon

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Epidemiologe und Versorgungsforscher am Institut für Community Medicine der Universität Greifswald

TK: Die Palliativversorgung ist ohne Zweifel ein wichtiger und unverzichtbarer Bestandteil der Gesundheitsversorgung. Mit welchen Zielen haben Sie diesen Versorgungsbereich ins Forschungsvorhaben miteinbezogen?

Dr. Moon: Jeder schwerkranke sterbende Mensch hat einen Anspruch auf eine palliativmedizinische Versorgung. Die Hospiz- und Palliativversorgung soll in allen Regionen in Deutschland gleichermaßen zugänglich sein. Ziel der Analyse war es zu untersuchen, wie viele verstorbene Versicherte der TK in den letzten 6 Lebensmonaten eine palliativmedizinische Behandlung bzw. multiprofessionelle spezialisierte palliativmedizinische Leistung erhielten und ob es Unterschiede bei der Inanspruchnahme zwischen den Bundesländern/Landkreisen gibt.

TK: Ein Ziel des Projektes ist die Identifizierung von Problemen in der medizinischen Versorgung. Konnten Sie mit den vorliegenden Daten bereits erste Schwachstellen in der Versorgung ausmachen?

Dr. Moon: Die Analysen haben ergeben, dass es regionale Unterschiede bei der Inanspruchnahme gibt, sogar innerhalb der einzelnen Bundesländer. Zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern haben wir auf der Landkreisebene sehen können, dass die Inanspruchnahme palliativmedizinischer Leistungen sehr unterschiedlich ist. Für uns gilt nun, diesen Unterschied in den Kontext der Versorgungsstrukturen zu setzen und zu untersuchen, woran das liegen könnte.

TK: Wie können die Patienten von den Ergebnissen der Versorgungsforschung profitieren?

Rehner: Ein Teil der Versorgungsforschung ist es, sich die pflegerischen/ medizinischen Strukturen anzuschauen. So können Versorgungslücken und Problembereiche identifiziert werden. Die Abrechnungsdaten der TK helfen dabei, die Inanspruchnahme von Leistungen in den Regionen zu erkennen. So sehen wir, wo es gut läuft und wo es noch Verbesserungsbedarf gibt, auf diesem Weg fügt sich ein Puzzle zusammen. Und davon profitieren die Patientinnen und Patienten.

TK: Die TK ist eine bundesweit geöffnete Kasse. Haben sich aus dem Vergleich der Versorgungsdaten Mecklenburg-Vorpommerns mit anderen Bundesländern spannende Erkenntnisse ergeben? 

Dr. Moon: Zwischen den Bundesländern gibt es große Unterschiede bei der Inanspruchnahme der palliativmedizinschen Leistung in den letzten 6 Lebensmonaten. Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist Mecklenburg-Vorpommern auf dem viert höchsten Platz was die Inanspruchnahme der gesamten bzw. multiprofessionellen spezialisierten palliativmedizinischen Leistungen betrifft. Das Ergebnis sollte jedoch vorsichtig interpretiert werden, da die Inanspruchnahme auch zwischen den Landkreisen innerhalb Mecklenburg-Vorpommerns sehr unterschiedlich ist.

TK: Wie planen Sie Ihr weiteres Vorgehen? 

Rehner: Wir stehen noch am Anfang unserer Analysen. Zukünftig wollen wir die Zeitspanne zwischen der letzten palliativmedizinischen Leistung und dem Versterben genauer analysieren. Wir konnten bereits in den Daten sehen, dass mehrere Patientinnen und Patienten erst kurz vor dem Versterben erstmalig eine palliativmedizinische Leistung erhalten haben. Das steht im Kontrast zum Anspruch der frühzeitigen Integration der Hospiz- und Palliativversorgung in die pflegerische und medizinische Versorgung, auf die jeder unheilbarkranke Mensch einen Anspruch  hat.