Mainz, 11. November 2020. Weniger unnötige Operationen, eine stärkere Orientierung entlang von Qualitätsindikatoren und eine zukunftsorientierte Strukturierung der rheinland-pfälzischen Krankenhauslandschaft - das fordert aktuell der Leiter der Landesvertretung der Techniker Krankenkasse (TK), Jörn Simon. "Damit diese Ziele realisiert werden können, ist allerdings eine Reform der Krankenhausfinanzierung dringend erforderlich", betont Simon. Im Auftrag der TK untersuchte nun der renommierte Gesundheitsökonomen Professor Jonas Schreyögg von der Universität Hamburg im Rahmen eines Gutachtens verschiedene Reformoptionen und zieht ein vielversprechendes Fazit. 

Modulares Vergütungssystem

Simon: "Das Gutachten legt nahe, dass die Finanzierung über Fallpauschalen künftig Bestandteil eines modularen Vergütungssystems sein sollte. Ein Krankenhaus würde dann ein Gesamtbudget erhalten, welches sich aus einem Posten für Vorhaltekosten, den Fallpauschalen für die erbrachte medizinische Leistung sowie einem Vergütungsanteil für Qualität - etwa für eine besonders leitliniengerechte Versorgung - besteht." Voraussetzung sei allerdings, dass der Gesetzgeber die apparative und personelle Ausstattung festlegen müsste, die eine Klinik benötigt, um eine bestimmte Leistung erbringen zu dürfen.

Bisher gleiche Vergütung

Aktuell beruht die Klinikfinanzierung hauptsächlich auf dem Klassifikationsmodell von Fallpauschalen. "Das heißt, dass jedes Krankenhaus in einem Bundesland das gleiche Geld für eine vergleichbare medizinische Leistung erhält. Und zwar ungeachtet der Frage, ob es sich um einen Maximalversorger im Ballungsgebiet handelt, der aufwendige Vorhaltekosten für Spezialabteilungen stemmen muss, oder ob es sich um ein kleines Haus in der Fläche mit geringer Patientenzahl dreht", erläutert Simon. "Beiden Häuser ist gemeinsam, dass sie ihre Fixkosten hauptsächlich über die Fallpauschalen decken müssen", so Simon. Daraus resultiere der problematische Anreiz, viele Fälle im Krankenhaus zu behandeln, die in manchen Fällen auch anders versorgt werden könnten.

"Für den Patienten kann das bedeuten, dass dieser operiert wird, obwohl das vielleicht nicht zwingend erforderlich ist. Und: Es kann auch bedeuten, dass diese Operation in einer Klinik vorgenommen wird, die nicht über die optimale Ausstattung und Routine für diesen Eingriff verfügt, für die sich das aber wirtschaftlich lohnt", sagt Simon. 

Weniger Druck für Kliniken

Folgte man den Reformansätzen des Gutachtens, stünden Klinken weniger unter dem Druck, Einnahmen über Fallzahlen zu generieren, da beispielsweise die Vorhaltekosten für Spezialabteilungen übernommen würden. Aufgrund der Vergütung für Qualität z.B. bei leitliniengerechter Versorgung wären Häuser stärker gehalten, sich mit Fragen der Prozessoptimierung zu befassen und damit die Behandlungsqualität zu verbessern.

Das Gutachten regt zudem an, die strikten Sektorengrenzen des Gesundheitssystems weiter aufzuweichen. "Dem häufigen Wunsch von Versicherten, wohnortnah behandelt zu werden, könnte dann besser entsprochen werden. Warum sollte eine medizinische Leistung, die in gleicher Qualität ebenso ambulant erbracht werden könnte, im Krankenhaus erfolgen? Voraussetzung hierfür wäre allerdings, dass gleiche medizinische Leistungen auch gleich vergütet würden", so Simon.