TK spezial: Wie zufrieden sind Sie mit der Klinikhygiene in Deutschland?

PD Dr. Brandt: Im Gegensatz zu manch anderem bin ich mit der Entwicklung nicht unzufrieden: Es hat in den letzten Jahren in vielen Krankenhäusern erhebliche Anstrengungen dabei gegeben, die Umsetzung wichtiger Hygienemaßnahmen wie zum Beispiel Händedesinfektion des Personals, Untersuchung von Patienten auf multiresistente Erreger oder korrekte Aufbereitung von Medizingeräten zu verbessern. Obwohl die Menschen in Deutschland in den letzten 15 Jahren im Durchschnitt älter (und damit auch kränker) geworden sind, ist die sogenannte Prävalenz von nosokomialen (das heißt im Krankenhaus erworbenen) Infektionen konstant bei etwa fünf Prozent - das  bedeutet, von 100 Patienten, die heute in deutschen Krankenhäusern liegen, haben fünf eine nosokomiale Infektion. Selbstverständlich wünsche ich mir, dass weitere Anstrengungen unternommen werden, um diese Zahl zu senken - das ist eine Herausforderung für die gesamte Gesellschaft, denn das wird nicht ohne mehr Personal (Pflegekräfte, Ärzte, Reinigungskräfte usw.) gehen - und die müssen angemessen bezahlt werden!

TK spezial: Wie muss idealerweise ein professionelles, wirksames Hygienemanagement am Krankenhaus aussehen?

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Dr. med. Christian Brandt

PD Dr. Brandt: Zunächst müssen die am Patienten arbeitenden Pflegekräfte und Ärzte gut geschult sein und müssen die Wichtigkeit der Hygienemaßnahmen verstehen, um dann überzeugt zu sein und sie umzusetzen. Dazu muss das Hygieneteam immer wieder vor Ort sein und Feedback geben - durch Beobachtung und auch durch die sogenannte "Surveillance", also die Erfassung von Infektionsdaten und Diskussion dieser Daten ("Feedback") mit dem medizinischen Personal. Das Personal am Patienten soll sich darauf verlassen können, dass die Reinigung und Desinfektion sowie die Sterilisation von OP-Instrumenten sicher funktionieren - hier muss das Hygieneteam in Zusammenarbeit mit der Krankenhausleitung dafür sorgen, dass qualitativ gute Dienstleistungen vereinbart und erbracht werden.

Zur Person

Privatdozent Dr. med. Christian Brandt ist Facharzt für Kinderheilkunde sowie Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin. Von 2006 bis 2017 hat er den Bereich Krankenhaushygiene am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene des Universitätsklinikums der Goethe-Universität in Frankfurt am Main geleitet. 2012 hat Dr. Brandt an der Goethe-Universität in Medizinischer Mikrobiologie und Hygiene habilitiert. Parallel hat Dr. Brandt in zahlreichen Gremien mitgewirkt wie beispielsweise im MRE-Netzwerk-Rhein-Main, im Expertenbeirat der „Aktion Saubere Hände“ und der „Antibiotika-Verbrauchs-Surveillance“ am Robert-Koch-Institut. Seit 2013 ist er Mitglied der Desinfektionsmittelkommission, seit 2014 Sprecher der Ständigen Arbeitsgemeinschaft Hygiene der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie (DGHM) und seit 2016 im Vorstand des Verbundes für angewandte Hygiene (VAH).  Zum 1. April 2017 hat PD Dr. Brandt die Leitung des Vivantes Institutes für Hygiene und Umweltmedizin in Berlin übernommen.

TK spezial: Viele Aspekte von Klinikhygiene wie beispielsweise die Händedesinfektion oder die Reinigung von Operationsbesteck scheinen so einfach umsetzbar zu sein. Warum ist es dennoch schwierig, eine gute Hygiene umzusetzen? Wo liegen Hemmnisse?

PD Dr. Brandt: Überall wo Menschen arbeiten, können Fehler passieren - insbesondere wenn die Arbeitsbelastung steigt und Stress aufkommt. Es ist daher wichtig, dass Hygienemaßnahmen wie die Händedesinfektion so in Fleisch und Blut übergehen, dass die Mitarbeiter das "automatisch" machen - auch wenn sie mit den Gedanken schon bei der nächsten Aufgabe sind. Andere Hygienemaßnahmen kosten viel Geld - wenn beispielsweise ein MRSA-Patient mangels Einzelzimmer in einem Zweibettzimmer isoliert wird, dann bleibt ein Bett leer und das Krankenhaus muss vielleicht Patienten absagen und hat damit keine Einnahmen - bei dem heutigen ökonomischen Druck auf die Krankenhäuser eine schwierige Situation! Es ist wichtig, dass auch zukünftig der Isolierung der Vorrang gegeben wird, ungeachtet finanzieller Ausfälle.

TK spezial: Inwieweit sehen Sie auch an den Schnittstellen zu anderen Einrichtungen des Gesundheitssystems, wie Reha-Kliniken, Pflegeheime, ambulante Dialysepraxen usw., Handlungsbedarf in Fragen der Hygiene?

PD Dr. Brandt: Alle an der Behandlungskette eines Patienten beteiligen Personen und Institutionen müssen zusammenarbeiten und nicht nur Informationen über Diagnostik und Therapie weitergeben, sondern auch über eventuell bestehende Hygienerisiken - beispielsweise die Besiedlung mit multiresistenten Erregern. Häufig müssen Patienten mit multiresistenten Erregern nur im Krankenhaus isoliert werden - brauchen dies aber nicht im Pflegeheim. Dann ist es wichtig, dies zu kommunizieren damit keine unnötigen Ängste entstehen und der betreffende Patient keine Nachteile hat. Andererseits muss die Information über multiresistente Erreger bei einer Krankenhauseinweisung dann vorab mitgeteilt werden, damit sich das Krankenhaus darauf einstellen kann und gegebenenfalls eine Isoliermöglichkeit vorbereitet.

TK spezial: Hat sich die Unternehmenskultur in Ihrem Haus verändert, seit es ein Hygienemanagement gibt? Wie reagieren die Teams in den einzelnen Abteilungen in Ihrem Klinikum auf Anregungen des Hygieneteams?

PD Dr. Brandt: In vielen großen Kliniken sind seit Jahren Hygienefachkrankenpflegekräfte etabliert, die regelmäßig alle Stationen aufsuchen. Dabei hat sich in den letzten Jahren der Schwerpunkt verschoben: Während früher oft die Beschreibung von Mängeln im Vordergrund stand, werden heute die Abläufe beobachtet und gegebenenfalls Korrekturen gleich besprochen. Die allermeisten Mitarbeiter sind dankbar für die Hinweise und verstehen die Notwendigkeit der Hygienemaßnahmen. Es ist seit einigen Jahren für jeden Mitarbeiter selbstverständlich geworden, dass Infektionsprävention und Hygiene eine dauerhafte Anforderung an das eigene Verhalten sind und dass dies nicht ans Hygieneteam, Reinigungskräfte oder Desinfektoren delegiert werden kann.

TK spezial: Welches sind die bedeutendsten Erfolge, die Sie mit Ihrem Hygieneteam am Uniklinikum Frankfurt erreicht haben?

PD Dr. Brandt: Wir nehmen seit dem Beginn im Jahr 2008 an der bundesweiten "Aktion Saubere Hände" teil und haben dort das goldene Zertifikat bekommen - das spiegelt das durchschnittlich sehr gute Mitmachen der Mitarbeiter bei der Händedesinfektion wider. Ein weiterer Erfolg: Obwohl wir häufig sehr internationale Patienten bei uns haben, sind große Ausbrüche mit eingeschleppten Keimen bisher ausgeblieben. Das liegt sicher daran, dass allen die Nähe zum internationalen Flughafen bewusst ist und daher immer an die Möglichkeit der Erregereinschleppung gedacht wird: Gefahr erkannt - Gefahr gebannt!

TK spezial: Gibt es Fehler im Bereich der Klinikhygiene, aus denen Sie und Ihre Mitarbeiter und auch andere Kliniken lernen können?

PD Dr. Brandt: Wenn es irgendwo in Deutschland zu Problemen kommt, dann schließen sich die Experten häufig kurz zusammen und analysieren, was passiert ist. Selbstverständlich überprüfen wir dann immer im eigenen Klinikum, ob die Fehlerquellen vorhanden sind, und stellen sie gegebenenfalls ab, bevor etwas passiert. Ein Beispiel aus dem letzten Jahr: Nachdem bekannt wurde, dass der Ausbruch mit multiresistenten "4MRGN"-Erregern in einem Krankenhaus im Rhein-Main-Gebiet etwas mit der Küche zu tun hatte, haben wir dort sofort nach dem Rechten gesehen - und waren entspannt, als klar war, dass dieses Problem bei uns aus organisatorischen und technischen Gründen so nicht passieren kann.

TK spezial: Was ist im Bereich der Hygiene aus Ihrer Sicht die größte Herausforderung für die Zukunft?

PD Dr. Brandt: Wir brauchen ausreichend gut ausgebildete und motivierte Menschen, die im Gesundheitswesen als Pflegekraft oder Ärztin/Arzt am Patienten arbeiten möchten - denn nur mit ausreichend Personal werden die immer wichtiger und komplexer werdenden Hygienemaßnahmen überhaupt umsetzbar sein. Darüber hinaus sind viele Krankenhäuser weiterhin baulich nicht optimal, was das hygienisch korrekte Arbeiten zusätzlich erschwert. Die steigende Zahl von Patienten, die schwer behandelbare multiresistente Erreger ins Krankenhaus mitbringen, macht die Behandlung nicht einfacher - zumal viele Patienten älter und kränker sind als früher und damit anfälliger für Infektionen.

TK spezial: Was macht den Kampf gegen multiresistente Erreger und Infektionen so schwer und was muss unsere Gesellschaft unternehmen, damit Antibiotika als wirksames Mittel in der Therapie von Infektionen erhalten bleiben?

PD Dr. Brandt: Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto stärker ist der sogenannte Selektionsdruck, das heißt, die Antibiotika-empfindlichen Keime sterben ab und die Antibiotika-resistenten überleben - und können auf andere Menschen übertragen werden! Wir müssen also an zwei Stellen ansetzen: Erstens, die Anwendung von Antibiotika beim Menschen stärker auf die Fälle fokussieren, bei denen diese Medikamente wirklich notwendig sind. Wir werden den Antibiotikaverbrauch aber nur teilweise reduzieren können, denn viele Menschen haben ja Infektionen und brauchen tatsächlich Antibiotika.

Zweitens, die Übertragung von Keimen von Mensch zu Mensch durch gute Hygienemaßnahmen im Krankenhaus verhindern. Eine weitere Herausforderung ist es, das Einschleppen von resistenten Erregern aus dem Ausland und über die Ernährung zu vermeiden. In den meisten Ländern sind multiresistente Erreger wesentlich häufiger als in Deutschland - aber wir möchten natürlich weiterhin reisen. Und auch wenn als Konsequenz aus den aktuellen Bedingungen der Nutztierhaltung das Fleisch immer häufiger mit multiresistenten Erregern kontaminiert ist, möchten nur wenige Menschen darauf verzichten und Vegetarier werden.

TK spezial: Die Aufgaben eines Krankenhaushygienikers sind notwendig, aber eventuell auch etwas unbeliebt. Warum haben Sie sich für diese Fachrichtung entschieden?

Dr. Brandt: Ich habe mich bereits im Studium für Infektionen und deren Prävention interessiert. Als Krankenhaushygieniker hat man Kontakt mit allen Fachdisziplinen von der Chirurgie über Psychiatrie bis zur Stammzelltransplantation. Das macht die Sache sehr interessant.