TK: Professor Stier, die Qualitätsoffensive begegnet Ihnen wahrscheinlich an jeder Ecke. Haben Sie es schon satt?

Prof. Albrecht Stier: Nein. Es ist wichtig, Qualität in den Fokus zu nehmen. Wir Chirurgen, ich unterstelle alle Mediziner, wollen qualitativ hochwertig arbeiten, uns ständig weiterentwickeln. Und nur wenn wir Qualität messen, können wir sie auch verbessern.

Die entscheidende Frage für mich ist aber, was unter Qualität verstanden wird. Die wichtigste Waffe der Qualitätsoffensive des Bundesgesundheitsministeriums ist die Transparenz. Die Medizin tritt dabei zugunsten des Messens in den Hintergrund. Es kommt zu einer Industrialisierung der Medizin. Wir Chirurgen haben begriffen, dass wir in einer Gesundheitswirtschaft arbeiten. Von uns werden binär abbildbare Ergebnisse gefordert, damit Qualitätsgrafiken erstellt werden können.

Ein Patientengespräch zum Beispiel - die Grundlage für gute Qualität - lässt sich aber nicht binär abbilden. Gleichzeitig ist es essenzielle Voraussetzung, um die richtige Indikation zu einer Operation zu stellen. Damit wird es Hauptqualitätskriterium, denn wenn ich eine OP durchführe, die nicht nötig ist, kann sie zwar handwerklich gut gemacht sein, aber niemals gute Qualität im Sinne des Patientenwohles.

Es sollte Mindestmengenregelungen für jeden komplexeren Eingriff geben und die bestehenden müssen ausgebaut werden.
Prof. Dr. Albrecht Stier

TK: Was ist Ihr Vorschlag, um Qualität in Thüringer Kliniken zu definieren, zu messen, vielleicht sogar zu planen?

Prof. Stier: Ein ganz zentraler Punkt sind die Mindestmengen. Es sollte Mindestmengenregelungen für jeden komplexeren Eingriff geben und die bestehenden müssen ausgebaut werden. Im europäischen Vergleich ist Deutschland weit hintendran.

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Prof. Dr. Albrecht Stier

Wer viel operiert, macht weniger Fehler. Ein Arzt und sein Team sind besser aufeinander eingespielt, je öfter sie gemeinsam operieren. Bei Komplikationen beispielsweise können lebensrettende Maßnahmen eher eingeleitet und schneller umgesetzt werden. Der Zusammenhang zwischen Routine bei Eingriffen und dem Behandlungsergebnis ist durch zahlreiche Studien belegt. Deswegen will mir nicht in den Kopf, wieso das Instrument nicht konsequenter genutzt wird. Es sollte schlicht nicht jeder Eingriff überall durchgeführt werden.

TK: Was passiert mit Kliniken, die weniger operieren und damit auch weniger verdienen?

Prof. Stier: Da sind wir beim Wettbewerb und letztlich wieder bei der Industrialisierung der Medizin. Um solche Fragen sollten sich Chirurgen nicht sorgen müssen. Sie müssen gut operieren beziehungsweise eine freie Entscheidung über die Notwendigkeit einer Operation treffen. Dahinter darf kein betriebswirtschaftliches Kalkül stehen.

Auch in kleinen Kliniken wird qualitativ hochwertige Medizin betrieben. Richtig gut sind sie dann, wenn sie sich spezialisieren und mit anderen Häusern kooperieren. Auch aus Ressourcengründen werden Fokussierung und Spezialisierung zunehmend nötig. Wir werden in fünf Jahren schlicht nicht mehr genug ärztliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, um flächendeckend gute Medizin zu machen.

Zur Person

Prof. Dr. med. Albrecht Stier war 2016/ 2017 Präsident der Deutschen Gesellschaft für Allgemein und Viszeralchirurgie (DGAV). Er praktiziert als Chefarzt am Helios Klinikum Erfurt.